Die Jungs - letzter Teil (Nachwort zu allem)
- gert

- 2. Juli 2020
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug. 2021

Verlust mit großem Gewinn
Der September in diesem Jahr 2008 hätte sich fast für alle auf Bjørnstangen und Bergstad das Leben dramatisch verändert, wenn Albert nicht am Freitag dem 12. morgens die Nachrichten gehört hätte, in denen ganz nebenbei von Finanzproblemen der Firma ‚Lehman‘ in New York berichtet wurde. Er hatte am Abend zuvor mit Tinus über Geldanlagen diskutiert und sein starkes Engagement bei ‚Lehman‘ kritisiert. Tinus hatte versprochen, sich mit seinen Geschäftspartnern in Verbindung zu setzen und ihre Meinung einzuholen. Jetzt läuteten bei Albert aus einem unerklärlichen Grund alle Alarmglocken. Er zog sich in aller Hast an, raste zum Auto und fuhr nach Bergstad.
Tinus und Johan lagen noch friedlich schlummernd im Bett und sahen, wie Albert feststellte, unfassbar glücklich aus. Er stürmte ohne anzuklopfen ins Schlafzimmer und rief:
„Tinus wach auf! Ich bin sicher, bei ‚Lehman‘ passiert was. Verkauf alles, was Du an ‚Lehman-Papieren‘ hast… so schnell wie möglich!“
Albert war so aufgeregt, dass er Johans Morgenlatte und die verräterischen Flecken auf dem weißen Laken des großen Doppelbetts ignorierte und selbst für den nackten Tinus, der in den ersten Wochen zusammen mit Johan noch viel attraktiver und scheinbar jünger geworden war, kaum noch ein Auge hatte.
Tinus wurde verhältnismäßig schnell wach und fragte erstaunlicherweise kaum nach. Er wusste, dass Albert die Lage in der Finanzwelt durchaus kompetent beurteilen konnte. Er war sogar überzeugt, dass er besser war als viele seiner Mitarbeiter in Amsterdam.
„Gib mir mal mein Handy!“ Jetzt war Tinus wieder ganz der erfolgsorientierte Finanzmanager. Wobei er wohl einer der ganz wenigen war, die an diesem Freitag so schnell reagierten. In der Vorstandsetage von Lehman verbreitete man immer noch, dass die Krise abgewendet werden könne und kein Grund zur Panik bestünde. Tinus und Albert wussten, dass das nicht stimmte.
Tinus führte ein paar kurze Gespräche mit Fachleuten in Amerika. Albert dachte, „die sitzen vermutlich jetzt auch nackt im Bett und wurden aus dem tiefen Schlaf geklingelt“. Dann sprach er mit Peter, seinem Büroleiter in Amsterdam und schließlich rief er noch jemanden an, mit dem Französisch sprach. Sein Gesicht war sehr ernst. „Das wird schlimmer als alles, was wir bisher an Börsencrashs erlebt haben… Da bin ich sicher. Vermutlich habe ich jetzt schon so große Verluste gemacht, dass ich Montag keine Lust mehr haben werde, in diesem Business weiter tätig zu sein“.
Er legte sich auf den Rücken und starrte zur Decke.
„Ich glaube, Albert, Du hast uns trotzdem vor dem Schlimmsten bewahrt. ‚Meine Jungs‘ werden versuchen zu retten, was noch zu retten ist. An Johan gewandt sagte er: „Tja, mein Schatz, Schluss mit dem Luxusleben. Du wirst Dich damit abfinden müssen, dass der alte Opa Tinus Dir hier jetzt dauernd auf der Pelle sitzt und sein Sparschwein plündern muss, damit wir beide in unserem norwegischen Exil überleben können“.
„Macht doch nichts… ich habe einen Job. Wir haben ein Dach über dem Kopf und wir haben uns. Geld spielt doch keine Rolle“.
Tinus lachte und gab Johan einen Kuss: „Du bist prachtvoll… gottseidank, habe ich das Geld für Deine Aktien schon angewiesen… . Nein, Scherz beiseite… Ich werde jetzt versuchen, unsere Zukunft zu sichern. Ob es sinnvoll ist, meine Firma so weiterzuführen wie bisher, kann ich noch nicht sagen. Aber wir kriegen das schon hin…“.
Albert sah Tinus mit fast noch größerer Bewunderung an als Johan. „Ich denke, Dein Geld in unserer A/S ist gut und sicher angelegt. Allein Deine Beteiligungen bei Statoil und Deine deutschen Staatsanleihen müssten reichen, Euer Leben hier gut abzusichern“.
„Ganz so bescheiden bin ich nicht. Ich habe auch noch Verantwortung für ein paar Arbeitsplätze und natürlich meine Anlage-Kunden. Ich möchte nach 40 Jahren erfolgreicher Immobilien- und Finanzverwaltung nicht als das große A---loch dastehen. Die Presse wird sich ohnehin das Maul zerreißen. Aber noch ist nicht alles verloren, obwohl ich glaube, dass Lehman am Montag pleite sein wird. Wir haben also noch das Wochenende um zu agieren. Würdet Ihr beide mich nach Amsterdam begleiten? Albert, ich brauche Deine Intuition und Deinen Sachverstand und Dich mein Schatz brauche ich, damit ich nicht wieder in den Modus des eiskalten Managers verfalle“.
Jonas und Albert sahen sich an und nickten fast gleichzeitig.
„Olav und Magne müssen dann in den nächsten Tagen hier die Abschlussarbeiten betreuen und zusammen mit Bjørn und Pino die Einweihung vorbereiten… und die beiden müssen natürlich einverstanden sein, dass wir ein paar Tage nicht da sind“.
„Ich bestelle die Flugtickets für den letzten Flug heute abend ab Torp“.
Bereits um 21:00 Uhr saßen die Drei im Wohnzimmer des Hauses ‚van den Berg‘ an der Singel-Gracht in Amsterdam. Tinus hatte alle seine leitenden Mitarbeiter für 22:00 Uhr ins Büro beordert. Gleichzeitig hatte er eine Telefon-Konferenz mit seinen Geschäftspartnern in New York, Paris und Berlin einrichten lassen. Sowohl im Wohnzimmer als auch im Büro liefen mehrere Fernseher mit amerikanischen, niederländischen und deutschen Programmen.
Kaum jemand konnte schlafen. Die Telefone standen nicht still und Albert versuchte die Übersicht zu behalten. Er ließ sich einzelne Vorgänge vom Büroleiter erklären und hörte ansonsten einfach zu. Johan sorgte für das leibliche Wohl der Leute und schaffte es sogar, warmes Essen und verschiedenste Getränke für alle zu organisieren, obwohl ihm sowohl das Haus als auch die Stadt und nicht zuletzt die Sprache völlig fremd waren.
Am späten Sonntagabend war Lehman pleite. Der Vorstand stritt lediglich noch darüber, wie der größte Finanzskandal der europäischen Nachkriegsgeschichte der Bevölkerung verkauft werden sollte. Millionen von Existenzen waren bedroht und einige bereits vernichtet.
Als Tinus, Albert und Johan am frühen Montagmorgen endlich ins Bett gingen, waren fast zwei Drittel des Betriebs- und Kundenkapitals gesichert. Gleichzeitig hatte Tinus mehrere Entscheidungen getroffen. Seine Investment-Holding in Amsterdam sollte abgewickelt werden. Den Mitarbeitern stellte er einen mehrstelligen Millionenbetrag zur Verfügung, um die Firma in ihrer eigenen Verantwortung weiter zu führen. Das Haus am Singel sollte verkauft werden. Seine Privatkonten, die privaten Immobilien und seine persönlichen Beteiligungen würde Albert in Zukunft verwalten.
Als die Drei abends zu uns zum Abendessen kamen, war es amtlich, Lehman hatte offiziell Insolvenz angemeldet. Da Gus und ich nur wenig von Tinus‘ und Alberts Maßnahmen mitbekommen hatten, befürchteten wir das Schlimmste. Daher waren wir freudig überrascht, einen fröhlichen, fast ausgelassenen Tinus, einen total entspannten Albert und einen sehr sympathischen Johan bei uns begrüßen zu können. Gus war sofort von Johan begeistert und konnte es nicht lassen, auf jede erdenkliche Weise mit ihm zu flirten. Tinus entging das natürlich nicht und er frotzelte: „Meinen einzigen wirklichen Schatz, den ich jetzt noch habe, kriegst Du nicht ohne mich… Es sei denn, er zieht Dich mir altem Pleitegeier vor“. Dabei schaute er Johan an und gab ihm einen Kuss.
„Das ist lieb, dass Du mir eine Wahlmöglichkeit lässt… Ich werde darüber nachdenken“, dabei zwinkerte Johan Gus zu.
„Ok, Du bist enterbt… und ich nehme mir Walter“, alberte Tinus.
So blieb die Stimmung ausgelassen und fröhlich, obwohl Tinus in den letzten 24 Stunden weit mehr Geld verloren hatte als wir alle seine Freunde jemals in unserem Leben verdient hatten.
Er hat später einmal gesagt, er sei wie in einem Rausch gewesen. Der ständige Wahn, Zahlen, Gewinne und Wachstumsraten seien der Sinn des Lebens schlechthin, habe ihm den Blick auf das wirklich Wesentliche vernebelt. An diesem Wochenende im September 2008 habe sich dieser Nebel für ihn gelichtet. Er habe plötzlich den wirklichen Wert seiner Freunde, die Geborgenheit einer Gemeinschaft und das uneingeschränkte Vertrauen seines geliebten Johan als das Wichtigste für den Rest seines Lebens erkannt.
Albert hatte die folgenden Monate und Jahre noch viel mit den Folgen ‚Lehman-Pleite‘ zu kämpfen. Er arbeitete eng mit der neuen Firma von Tinus‘ ehemaligen Mitarbeitern zusammen und schaffte es, sowohl die wirtschaftliche Situation der „Bergstad A/S“ solide zu schützen, als auch Tinus und Johan ein sorgenfreies Auskommen zu sichern.
Pino eröffnete im Jahr 2009 endlich seine Tierarztpraxis und betreut seit dem die Großviehhalter der Region. Um noch genug freie Zeit für sich und seinen Albert zu haben, hat er seit 2010 einen Assistenten.
Für Albert, Pino und seine beiden Pflegeväter war das Jahr 2009 aber auch das Jahr der „endgültigen Familiengründung“. In diesem Jahr wurde es für Bjørn und Roberto endlich möglich Albert zu adoptieren. Damit wurde er jetzt automatisch und offiziell Erbe von Bjørnstangen und Bergstad-Gård. Eine Tatsache, die Tinus veranlasste, ihn neben Johan als zweiten Erben in sein Testament einzutragen. Dass Albert auch ‚Styreforman‘ (Geschäftsführer) der Bergstad A/S wurde war schon fast selbstverständlich.
Bis heute bemühen sich Albert und Pino auch weiterhin, nur Männer auf Bjørnstangen und Bergstad zu beschäftigen. Bei einem ständig wachsenden Personalbedarf, wird es allerdings immer schwieriger, passende Mitarbeiter zu finden. Eine regelrechte Krise entstand, als Olav sich entschied zu kündigen, um mit Håvard nach Bergen zu ziehen, der dort ein Filmstudio gründen wollte. Nur zwei Tage später kündigte auch der inzwischen dritte Gastronomie-Chef auf Bergstad. Fast ein Jahr lang mussten Johan, Kjell, Magne und sogar Tinus sich die Arbeiten auf dem Golfplatz, dem sensationell erfolgreichen Café und dem Klubhaus teilen, bis Albert endlich einen neuen Mitarbeiter einstellen konnte.
Pinos tierärztlicher Assistent war der erste heterosexuelle Mann auf Bergstad nach Arilds Tot. Er hieß Vegar, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Durch seine umgängliche Art war er nicht nur auf Bjørnstangen und Bergstad bei allen beliebt, auch die Bauern der Umgebung mochten ihn sehr. Seine Frau hatte zwar in der ersten Zeit einige Vorurteile gegen die „Männerwirtschaft“, gewöhnte sich aber schnell und ist auf beiden Höfen heute immer gern gesehen.
Fast noch mehr als Bjørn und Roberto haben es Albert und Pino geschafft, sich bei fast allen Nachbarn und der ganzen Region einen guten Namen zu machen. Das Thema Homosexualität ist im Zusammenhang mit den beiden Höfen fast ganz aus dem Bewusstsein der Leute verschwunden.
Pino und Albert gehen immer noch manchmal mit ihren typisch ineinander ‚verkrallten‘ Händen spazieren. Die Leute haben sich auch an diesen Anblick gewöhnt. „Ach, da kommen ja der reiche Albert und der Tierarzt…“, ist dann eine von vielen Begrüßungen auf der Straße.
Nach wie vor schlafen die beide nackt in ihrem verhältnismäßig schmalen Bett, so wie sie es schon als Kinder getan haben, und es vergeht kein Abend, an dem sie nicht ausführlich ein Resümee des Tages ziehen.
Nachwort
Es sind die Erinnerungen an alltägliche Episoden meines eigenen Lebens, die immer dann im Gedächtnis auftauchen, wenn ich heute in Chats und Gesprächen mit schwulen Männern über Beziehungen, Freundschaften, Konflikte und Homophobie spreche.
Es fällt mir schwer in kurzen Worten zu beschreiben, warum ich der Ansicht bin, dass es für schwule Männer durchaus ein Gegenmodell zum herkömmlichen heterosexuellen Familienbild geben kann, ohne von ihrer Umwelt immer wieder auf ihre Sexualität reduziert zu werden.
Allen Zweifeln und moralischen Bedenken kann ich nur entgegenhalten: ich habe es anders erlebt.
Jedem, der mir erwidert: ja, aber ich habe ganz andere, schlimme, verletzende und vielleicht sogar traumatisierende Erlebnisse wegen meiner sexuellen Anlage gehabt; mein Partner hat mich betrogen, ich fühle mich einsam und ausgegrenzt. Dem kann und darf ich nicht einfach sagen: verhalte Dich anders und alles wird gut. Wer aber Zeit hatte, mir durch meine Geschichte zu folgen, wird vielleicht verstehen, dass manchmal der Weg vom ICH zum DU ganz kurz sein kann. Manchmal reicht es, sich nur für einen kurzen Moment in sein Gegenüber hinein zu versetzen und zu versuchen, für einen kurzen Augenblick, die Welt mit seinen Augen zu sehen, nichts zu verlangen und einfach nur zuzuhören.
Dein Selbstbewusstsein sagt Dir: Du bist stark, Du darfst Dich nicht unterwerfen. Resultat: Kompromisse werden schwerer oder unmöglich. Dein Selbstwertgefühl sagt Dir: Du bist eine einzigartige Persönlichkeit, kannst viel und bist liebenswert. Resultat: Es besteht die Gefahr, dass Du Dich als Maßstab setzt und jede potentielle Beziehung davon abhängig machst, dass Dein Gegenüber Dich genauso sieht.
Im Laufe der letzten fünfzig Jahre habe ich mit den unterschiedlichsten Charakteren zusammen gelebt und gearbeitet. Mit fast allen gab es Schnittmengen, wie man heute sagt. Manchmal musste man lange danach suchen, manchmal waren sie sofort offensichtlich. Immer waren sie die Grundlage für mein Interesse an dem betreffenden Gegenüber. Wirklich sympathisch sind und waren mir Männer nur, wenn diese Schnittmengen nicht rein erotischer Natur waren und sind. Zu freundschaftlichen und engen Beziehungen kommt und kam es immer dann, wenn es eine ähnliche Sichtweise auf die Gemeinsamkeiten gibt und gab.
Gus und ich reden heute nicht mehr über unsere Gemeinsamkeiten, wir leben sie. Es sind die Schnittmengen in unserem Leben, die garantieren, dass wir nach 47 Jahren einander noch immer vertrauen.
Wegen einer chronischen, schweren physischen und psychischen Erkrankung ist mein Mann heute nicht mehr der, den ich in meiner Geschichte beschrieben habe. Es sind die gemeinsamen Schnittmengen und Erlebnisse, die uns trotzdem zusammenhalten lassen.
In diesem Sinne danke ich allen, die bis hierher durchgehalten und genug Phantasie besessen haben, sich mit meiner Männerwelt zu beschäftigen. Schreibt mir gern etwas zu Euren Lebensentwürfen, Euren Ansichten zu Partnerschaft, Freundschaft, Liebe und Sex. Ich werde versuchen alles zu beantworten.
Wie es weitergeht? - Nun ja, anders als erwartet. Gottseidank oder leider hält das Leben immer noch einige Überraschungen für uns bereit. Ich werde demnächst darüber berichten. Eine Leseprobe der Fortsetzung unter dem Titel "Bilanz" bekommt Ihr jetzt schon bei Interesse.
Inzwischen gibt es den gesamten Text zusammengefasst in einer PDF-Datei. Ich schicke Euch gerne einen Link dazu.
Nachrichten und Fragen an mich: gugamster@hotmail.com



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