Die Jungs - Teil 7
- gert

- 2. Juli 2020
- 39 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug. 2021

Der Hausmeister
Am selben Tag als Johan auf Bergstad einzog, kamen auch Tinus und Gerrit aus Holland.
Johan hatte alles, was er besaß in seinem Amazon und auf dem Dachgepäckträger verstaut. Er fuhr fast gleichzeitig mit Tinus auf den Hof. Noch bevor Tinus ausgestiegen war, hatten sich ihre Blicke getroffen. Der eine grinste über das alte Auto mit den vielen Koffern auf dem Dach und der andere, weil er den Fahrer des BMWs mit Osloer Kennzeichen (es war ein Mietwagen) irgendwie sympathisch fand.
„Hei! Willst Du Ferien machen auf Bergstad?“. Tinus lächelte freundlich und dachte, er habe einen etwas skurrilen Touristen auf der Durchreise vor sich.
„Hei! Nein, ich arbeite seit heute hier und muss jetzt erstmal einziehen“.
„Ach, dann musst Du Johan sein… Ich bin Tinus und das ist Gerrit“.
„Freut mich! Dann wohnen wir ja sogar unter einem Dach“.
Johan wusste über Tinus noch nicht viel. Albert hatte ihm zwar erzählt, dass Tinus ein nicht unbedeutender Gesellschafter der A/S sei und bester Freund von Roberto und Bjørn, aber viel mehr wusste er nicht. Als Typ gefiel ihm Tinus sofort. Der wesentlich jüngere Gerrit war sehr sexy aber überhaupt nicht sein Fall. Aber Johan war sich im Klaren, dass er in seinem neuen Job die Leute nicht nach Sympathie und Antipathie beurteilen durfte. Er würde es in Zukunft mit sehr viel verschiedenen Charakteren zu tun haben, für die er gleichermaßen freundlich und hilfsbereit da sein musste. Freundlichkeit war ihm in die Wiege gelegt, seine erotischen Bedürfnisse und Einschätzungen musste er, soweit es ging, unterdrücken.
Tinus dachte da ganz anders. Er lobte innerlich Alberts Entscheidung, diesen äußerst attraktiven Mann für Bergstad eingestellt zu haben. Für ihn war wichtig, Leute um sich zu haben, die nicht nur freundlich, qualifiziert und gut erzogen waren, sondern die auch eine erotische Ausstrahlung hatten.
Als Tinus Johan die Hand gab, durchfuhr ihn ein leichter Schauer. Tinus Händedruck war ungewöhnlich gefühlvoll, erst fest und kräftig und dann bildete Johan sich ein, Tinus Fingerspitzen streichelten seine Handinnenfläche. Dabei schaute er ihn fast bettelnd an,… möglichst noch nicht gleich wieder loszulassen. Johan war verwirrt und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er hielt dem Blick stand, lächelte und meinte etwas unbeholfen: „Ich glaube, wir werden uns gut vertragen“.
„Davon bin ich überzeugt“, lachte Tinus.
Gerrit stand an der offenen Autotür und schaute der Szene etwas missmutig zu.
Vermutlich hätten die beiden sich noch weitere Minuten so gegenüber gestanden, wären nicht Bjørn und Gorm in diesem Moment mit dem Traktor um die Ecke gebogen.
Gorm sprang mit einem eleganten Sprung auf den Boden, begrüßte die Drei mit einem strahlenden Lächeln und feixte: „Kleine Betriebsversammlung? …“. Somit war die etwas gespannte Stimmung aufgelöst.
Johan begann seinen Dachgepäckträger abzuräumen. Bjørn nahm Tinus beiseite und flüsterte ihm etwas ins Ohr und Gorm schlug Gerrit vor, mit ihm einen Rundgang durchs Klubhaus zu machen, wo es seiner Ansicht nach ein paar Probleme bei der Renovierung der Küche gab.
Als Pino und Albert eine Stunde später ebenfalls nach Bergstad kamen, stand Johans Amazon leer und verschlossen auf dem Parkplatz, daneben Tinus BMW und ansonsten war es ungewöhnlich still, keine Handwerker waren zu sehen, die Küche war leer und nur weit in der Ferne waren zwei Golfspieler auf dem Platz unterwegs.
„Jemand zuhause?“, rief Albert, als er in der Halle vor der großen Treppe stand. „Wir sind hier“, rief Bjørn aus dem Arbeitszimmer.
„Wir haben gerade besprochen, wie man Johan mit seinem Schuldenproblem helfen könnte. Tinus ist der Ansicht, dass die Aktien alle noch gehandelt werden und durchaus noch einen kleinen Wert haben“.
„Ich finde wir sollten dem jungen Mann helfen, aber ohne ihm direkt Geld ohne Gegenleistung zu geben. Es handelt sich ja nicht um große Beträge (was aus Tinus Sicht sicher richtig war), und das Risiko für uns ist gering. Mir ist wichtig, einen motivierten und zufriedenen Mitarbeiter zu haben. Ich schlage Euch daher vor, Johan die Papiere zu einem etwas überhöhten Betrag abzukaufen. Nach meiner Einschätzung sind sie zwar zurzeit nicht viel mehr wert als etwa 20.000 bis 30.000 Kronen, aber ich würde ihm trotzdem 80.000 geben, damit er seine Schulden ablösen kann und noch ein kleines Startkapital hat. Vielleicht verliere ich 50.000 Kronen, habe aber einen guten Mitarbeiter bekommen, oder ich mache in ein bis zwei Jahren ein Geschäft mit den Papieren und habe beides, einen kleinen Gewinn und einen zufriedenen Hausmeister“.
„Ok, das hört sich gut an. Wir können uns das Risiko gerne teilen“. Bjørn sah dabei Albert fragend an: „Oder hast Du etwas gegen diese Lösung einzuwenden?“
„Nein eigentlich nicht… betriebswirtschaftlich nicht besonders sinnvoll, aber menschlich toll“.
„Dann mach ihm den Vorschlag! Er kann nachher rauf kommen. Dann besprechen wir die Details“.
Albert machte sich auf die Suche nach Johan und fand ihn in der Werkstatt, wo er seinen Küchentisch polierte.
„Gute Nachricht! Deine Papiere werden noch gehandelt und ganz wertlos sind sie auch nicht“.
„Waaasss… ehrlich?“
„Ja,… aber die erste schlechte Nachricht ist, wenn Du sie an Tinus und Bjørn verkaufst, verlierst Du ca 20 000 Kronen. Die zweite schlechte Nachricht, außer Tinus und Bjørn wird sie Dir niemand abkaufen“.
Johan war vollkommen sprachlos und sah Albert fast beleidigt an. „Ich dachte, von Euch würde ich nicht gemobbt. Ich fing gerade an, mich bei Euch wohl zu fühlen und jetzt verkohlst Du mich“.
„Ganz und gar nicht… Mehr als 80 000 können die beiden Dir aber nicht geben“.
„80 000 ? Das kann doch nicht wahr sein. Alle haben gesagt, die Aktien sind Schrott“.
„Vor ein oder zwei Jahren war das für Banken auch so… Aber Du kannst es Dir ja noch einmal überlegen. Übrigens, bei Tinus hast Du jetzt schon ein Stein im Brett. Solltest du ablehnen, wäre er sicher enttäuscht“.
„Ich verstehe das alles nicht… Aber ich wäre ja bescheuert, das Angebot nicht anzunehmen“.
„Mach das, dann bist Du das Problem los. Du kannst jederzeit zu Tinus gehen. Ihr einigt Euch dann schon“.
„Sag mal, wie gut kennst Du Tinus?“
„Sehr gut! Er hat ja hier schon gewohnt, als ich geboren wurde“.
„Kann man ihm vertrauen?“
„Was für eine Frage. Es gibt nur einen Menschen, dem ich genauso viel vertraue wie Pino und meinem Papa… das ist Tinus“.
„Er flirtet gern, nicht wahr?“
Albert lachte: „ Ja, das stimmt… aber nicht mit jedem. Papa sagt, Tinus habe eine hervorragende Menschenkenntnis. Männer, die versuchen ihn auszunutzen, können noch so gut aussehen, sie habe keine Chance. Viele wirkliche Freunde hat er nicht, weil er immer ein bisschen misstrauisch ist, was Beziehungen angeht“.
„Aber Gerrit ist ein Freund, oder?“
„Da bin ich gar nicht so sicher. Sie verstehen sich gut, aber es ist wohl wie mit all seinen anderen Bekanntschaften auch. Wenn sie ihm etwas vorspielen, um an sein Geld zu kommen, macht er dicht“.
„Da bin ich froh…“.
„Wieso?“
„Na ja,… also… ich habe da eben… also im Klubhaus… in der Küche… habe ich Gerrit und Gorm gesehen… Sagen wir mal so, die beiden haben nicht nur die Gasrohre kontrolliert. Mehr will ich dazu nicht sagen…“.
„Ok, das würde mich nicht wundern. Aber wir sollten es dabei belassen. Es gibt eine Tradition auf unseren beiden Höfen: Wir reden nie über einander sondern immer nur mit einander. Das hat sich in all den Jahren sehr bewährt. Ich glaube, deshalb vertragen sich alle hier so gut“.
„ Ja Ihr seid schon was ganz Besonderes. Das habe ich auch Øystein gesagt, der will das aber nicht glauben“.
Albert sah Johan fragend an.
„Er meint, dass alle schwule Männer Egoisten seien und niemals harmonisch mit einander leben könnten… eben weil sie Männer seien“.
„Onkel Walter sagt immer, Harmonie unter schwulen Männern geht nur, wenn sie Liebe und Sex voneinander trennen können und in ihren Beziehungen auch andere Gemeinsamkeiten haben“.
„Das stimmt wohl… Wir Männer kämpfen jeden Tag immer auch ein bisschen gegen unser eigenes Ego. Nachgeben und Kompromisse machen ist eben nicht so unser Ding“.
„Bjørn und Roberto haben uns allen hier beigebracht, tolerant zu sein, Kompromisse zu machen und uns nicht so wichtig zu nehmen“.
„Mann, ich bin so froh, dass ich hier bei Euch gelandet bin. Ich hoffe, wir vertragen uns viele Jahre… an mir soll’s jedenfalls nicht scheitern“.
„Wir alle lieben diese beiden Höfe und wollen, dass wir alle davon leben können. Ein bisschen verrückt sind wir auch, aber wir respektieren jeden, so wie er ist. Für manche Mitmenschen sind wir zu offen und freiheitsliebend, für andere eben nur Bauern, die Profit machen wollen. Wer hier nicht ehrlich und offen ist wird – abgesehen davon, dass er niemals unser Freund wird – wird sich auch nie bei uns wohl fühlen. Zuneigung spielt eine große Rolle bei uns. Wir sind nur so erfolgreich, weil wir uns alle mögen. Wir möchten keine Zeit mit Beziehungs-Streitereien vergeuden… und… Sex ist kein Drama und darf niemals Grund für Streit sein… Auch in dem Zusammenhang haben es Egoisten bei uns sehr schwer“.
„Willst Du damit sagen, ich müsste wissen, wer mit wem liiert ist? – Dann klär mich möglichst schnell auf“, lachte Johan.
„Na, ich denke, das weißt Du inzwischen schon“, grinste Albert.
„Gorm, Kjell und Tinus sind die einzigen Singels. Kjell will es nicht anders haben. Gorm liebt die Vielfalt und möchte noch ein bisschen was erleben. Tinus ist nach wie vor auf der Suche und sagt selbst, dass es nicht einfach ist, mit ihm eine Beziehung einzugehen. Magne und Ruben sind wie ein altes Ehepaar, sie lieben sich, haben aber immer das Gefühl etwas versäumt zu haben. Roberto und Bjørn lieben sich nicht nur, sie ergänzen sich auf eine mystische Weise und gehen ohne viele Worte immer in die gleiche Richtung. Keiner ihrer vielen Freunde hat es bisher geschafft, sie an ihrer Zuneigung und Liebe zweifeln zu lassen. Na ja, und für Pino und mich gilt dasselbe… Wir sind für jede nette Freundschaft offen, aber uns wird nichts auseinanderbringen“.
„Danke, da weiß ich Bescheid“, schmunzelte Johan.
Johan hatte an diesem Tag viel geschafft. Bett und Schrank waren im Schlafzimmer aufgestellt. Auch die anderen Möbel von Bjørnstangen standen dort, wo sie stehen sollten. Küche und Badezimmer waren blitzblank geputzt. Beim Auspacken seiner Koffer ließ er sich das Gespräch mit Albert noch einmal durch den Kopf gehen.
Was war das doch für eine eigene Welt. Die Wege von Männern mit unterschiedlichsten Lebensläufen und Charakteren hatten sich mehr oder weniger durch Zufall hier in der norwegischen Provinz getroffen und waren zusammen geblieben, einfach weil sie sich mochten und gemeinsame Interessen hatten. Das allein war schon bemerkenswert. Noch viel mehr beeindruckte ihn, ihre unkomplizierte Einstellung zu Partnerschaft, Liebe und Sex. Ihn faszinierte diese offensichtliche Bereitschaft ständig voneinander zu lernen und einander zu tolerieren. Er fragte sich, wie groß der Anteil von Bjørn und Roberto an diesem Phänomen war, ob vielleicht einfach diese wunderschöne Umgebung für eine generell entspannte Stimmung sorgte, oder ob alles nur ein einmaliger Zufall war, der sich so nie wiederholen würde.
Eines machte ihm allerdings etwas Sorge. Er wusste, dass Øystein sich hier auf die Dauer nie würde einleben können. Er war ein Skeptiker, der anderen Menschen grundsätzlich misstraute, nicht gerne über sich selbst sprach und von allem, was er sagte und tat hundertprozentig überzeugt war. Es fiel ihm schwer, sich in einen anderen Menschen hinein zu versetzen oder Kompromisse zu machen. Er war, im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen, sexuell unersättlich und vor allem in Johans Augen ein attraktiver Mann. Aber… und das war ein großes Manko für Johan, Øystein wollte nur selten kuscheln.
Viele Jahre lang hatte Johan drei bis viermal in der Woche abends im ‚London Pub‘ gesessen und auf einen Mann gewartet, der ihm auf Anhieb gefiel. Bei Øystein hatte es sofort gefunkt. Der machte nicht viele Worte, ging sofort zur Sache und sein Schwanz war ein Traum. Johan war es damals ganz angenehm, dass jemand die Führung in seinem Leben übernahm. Er hatte irgendwie das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Aber schon nach wenigen Monaten fühlte er sich eingeengt. Er genoss zwar den wirklich heftigen Sex, war aber auch froh, wenn er wieder in seinem kleinen Zimmer auf Kongsgården alleine war.
Nachdem er die Stelle auf Bergstad bekommen hatte, gab es einen kleinen Streit zwischen ihm und Øystein. Der wollte, dass Johann bei ihm in Tønsberg wohnen und jeden Tag zur Arbeit nach Bergstad fahren sollte. Für Johann kam das überhaupt nicht in Frage. Für ihn war Bergstad der Traum seines Lebens, und wenn er auch nie an einen der attraktiven Männer dort rankommen würde, wollte er doch wenigstens ganz in ihrer Nähe wohnen… . Øystein gegenüber hatte er natürlich ganz andere Gründe vorgeschoben und behauptet, Albert hätte das Wohnen auf Bergstad zur Bedingung gemacht.
Inzwischen war es dunkel geworden, und als er aus dem Fenster schaute, sah er, dass Tinus BMW verschwunden war. Obwohl er seine Stelle erst in zwei Tagen offiziell antreten würde, wollte Johan einen Kontrollgang über den Hof machen. Er musste sich schließlich an seine Aufgaben gewöhnen.
Im Hause war alles still. Aus der Tür zu Tinus Arbeitszimmer in der ersten Etage drang ein dünner Lichtstrahl auf den Flur. Am Klubhaus und am Speicher, dem künftigen Café, brannten ein paar Lichter. Er prüfte, ob alle Türen verschlossen waren und räumte noch ein paar Werkzeuge beiseite, die die Handwerker auf dem Weg liegengelassen hatten. Dann schloss er die Tür des Haupthauses hinter sich ab, wie er es aus Oslo gewohnt war.
„Wir haben hier noch nie abgeschlossen, aber vielleicht sollten wir es uns angewöhnen… wenn man so hört, was alles passiert…“. Tinus stand in einem hauchdünnen, seidenen Morgenmantel oben an der Treppe und lächelte.
„Oh, Du hast mich jetzt aber erschreckt… Ich dachte, Du wärst unterwegs“.
„Entschuldige, das wollte ich nicht. Gerrit hat den Wagen. Er wollte mit Gorm nach Oslo“.
„Ach so… ja dann… dann ist ja alles in Ordnung“.
„Hast Du Dich schon ein bisschen eingelebt?“
„Ja, danke… alles bestens“.
„Wenn Du nicht zu müde bist, können wir noch ein Glas Wein zusammen trinken. Schließlich sind wir jetzt Nachbarn… das muss man doch begießen“.
Johan lachte: „Ja warum nicht. Noch eine neue Erfahrung, ich bin noch nie von einem Nachbarn einfach so auf ein Glas Wein eingeladen worden“.
Jetzt lachte auch Tinus. „Hier in Norwegen macht das ja auch kaum jemand. Bei uns in Amsterdam ist das so üblich“.
„Ich komme gleich rauf. Ich will nur eben noch mein Bett beziehen… quasi, solange ich noch nüchtern bin", kicherte Johan.
Er dachte sich, es sei wohl angebracht, eine frische Hose und ein sauberes T-Shirt anzuziehen.
Als er nackt vor seinem halb ausgepackten Koffer stand, dachte er sich, es könne ebenso sinnvoll sein, noch kurz unter die Dusche zu springen.
Tinus in seinem dünnen, teuren Morgenmantel hatte ihn erregt. Er wollte das eigentlich nicht zulassen, aber jetzt unter der Dusche stellte er sich vor, was dieser interessante Mann wohl ‚drunter‘ trug. Er hatte sich für einen Moment eigebildet, einen enormen Riesenschwanz unter dem dünnen Stoff gesehen zu haben. Aber das war vermutlich wie so häufig seine Phantasie, die ihm einen Streich gespielt hatte.
Er trocknete sich schnell ab, wobei seine Locken feucht blieben, so wie er es liebte. Eine knappe Boxershorts, eine saubere Jeans und ein weißes T-Shirt erschien ihm genug. Kurz klatschte er sich etwas Rasierwasser ins Gesicht, schlüpfte in seine Sandalen und rannte die Treppe rauf… „Warum bloß diese Eile?“, dachte er, als er an der Tür zu Tinus Arbeitszimmer stand.
„Komm! Wir gehen ins Wohnzimmer. Dort ist es gemütlicher“.
Eine Flasche sizilianischen Rotweins stand bereits geöffnet auf dem Tisch, daneben zwei kristallene Rotweinkelche.
„Ich hoffe, es macht Dir nichts aus, dass ich mich nicht mehr umgezogen habe. Glücklicherweise kennen wir uns alle so gut hier, dass man an Konventionen nicht denken muss. Das gilt sowohl für die alte wie die neue Generation“.
In diesem Moment stockte Johan im wahrsten Sinne des Wortes der Atem. Als Tinus gerade den Wein einschenken wollte, öffnete sich der Gürtel seines Morgenmantels und für Sekunden konnte Johan nun ganz deutlich sehen, dass seine Phantasie ihm keinen Streich gespielt hatte. So etwas hatte er noch nie gesehen, weder im Internet, geschweige denn in Wirklichkeit… Er bekam einen trockenen Hals und konnte nichts erwidern.
„Also… stört es Dich doch… tut mir Leid. Ich ziehe mir gleich was Vernünftiges an…“.
Johan schluckte. „Nein, nein… alles in Ordnung… ich war nur etwas in Gedanken“.
Johan dachte wieder an sein Gespräch mit Albert. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Tinus es darauf anlegte, ihn ins Bett zu bekommen. Eigentlich war er es doch, der sich vorgestellt hatte, was wäre wenn… Er wollte diesen Gedanken gar nicht weiter verfolgen. Tinus war ein aufregender Mann. Aber er hielt ihn für viel zu diskret und zurückhaltend, als dass er, kaum dass sie sich ein paar Stunden kannten, mit ihm kleinen Licht etwas anfangen wollte.
Johan hielt sich selbst weder für besonders attraktiv noch sexy. Die Rolle des Begehrten war ungewohnt für ihn. Selbst wenn er sich im Klaren war, dass er im ‚London Pub‘ einige Blicke der Älteren auf sich zog, einfach weil er jung war. Nur bisher hatte er nie Signale ausgesendet, dass man ihn so einfach haben konnte. Er war derjenige, der die Initiative ergriff, wenn ihm ein Mann gefiel. Echtes Interesse an ihm als Person, seinen Gefühlen und seinen Interessen hatte im ‚London Pub‘ sowieso niemand.
Er nahm sein Glas, hielt es gegen das Licht und tat so, als begutachte er die Farbe. Stattdessen wollte er nur unaufdringlich Tinus beobachten und versuchen herauszufinden, was er vorhatte.
Der setzte sich ihm gegenüber, lächelte, schlug die Beine übereinander, hob ebenfalls sein Glas und sagte: „Das ist ein roter ‚Marsala‘ aus Sizilien… sehr süß, aber sehr appetitanregend… Wenn Du süß nicht magst, habe ich noch einen ‚Le Sabbie dell'Etna‘. Der ist trocken, fast herb… für die, die es kräftig mögen“.
Johan hatte nicht die leiseste Ahnung von sizilianischen Rotweinen und wollte auch nicht so tun als ob. Daher grinste er und meinte: „Einen Schweden wie mich, kannst Du mit jeder Art von alkoholischem Getränk beeindrucken. Ich habe in der Beziehung überhaupt keine Kultur… trinke aber ehrlich gesagt auch sehr selten welchen… aber süß ist schon Ok… das passt ganz gut zu mir“.
Tinus lachte: „Albert hat mir schon erzählt, dass Du sehr ehrlich und offen bist… prima Voraussetzung, um mit den Jungs hier gut auszukommen. Hier macht niemandem dem anderen etwas vor. Deshalb habe ich mich für diesen Hof vor Jahren entschieden und dem Vater von Albert ermöglicht Bergstad-Gård zu kaufen. Bjørn und Roberto waren schon damals zwei prachtvolle und eben auch gradlinige und ehrliche Jungs. Dass alles so gekommen ist… also die Sache mit dem tödlichen Unfall von Alberts Eltern und, dass er anschließend von Roberto und Bjørn so liebevoll aufgenommen wurde, ist das was man Schicksal nennt, oder trotz aller Tragik eine einmalig glückliche Fügung“.
„Ja, ich denke, so etwas kommt in tausend Jahren nur einmal vor“.
„Am schönsten für mich war, und ist, zu erleben, wie zwei Männer in der Lage sind, ihre Liebe auf ein Kind zu übertragen, das dann seinerseits so viel Wärme und Zuneigung für einen Menschen entwickelt, wie es ja, siehe Albert und Pino, eigentlich auch nur einmal in tausend Jahren vorkommt. Ich habe mir immer gewünscht, meine Gefühle ausdrücken und einem anderen Menschen zeigen zu können. Bjørn, Roberto, Albert und Pino haben mir dabei sehr geholfen, aber richtig kann ich es immer noch nicht. Ich habe Angst, niemals wirklich lieben zu können… das haben meine Eltern versaut“.
„Oh… das klingt, als ob Du mit Deinem Leben nicht zufrieden wärst. Du hast doch eigentlich alles, was man sich wünschen kann… Geld, ein Haus und einen netten Freund“.
„Denkst Du, dass das die Dinge sind, für die man leben sollte? Nun ja, Geld und Haus zu haben sind nicht schlecht, aber was nützt das alles, wenn ich es nicht mit jemandem teilen kann. Die Jungs hier haben mir beigebracht, dass das gemeinsame Genießen von schönen Dingen – vor allem von Gefühlen – das Leben erst wirklich lebenswert macht. Hier arbeitet man nicht nur zusammen, man isst zusammen, man lacht zusammen, man reist zusammen und man freut sich zusammen. Diese Welt hat sich mir ziemlich spät erschlossen. Ich musste erst Walter und Gus kennenlernen – zwei meiner besten Freunde, die mich mit diesem Land und diesen fantastischen Jungs erst bekannt gemacht haben – bevor sich für mein Leben etwas drastisch änderte. Die beiden musst Du unbedingt treffen. Vielleicht kommst Du ja mal mit nach Amsterdam, dann stelle ich sie Dir vor“.
„Albert hat die beiden schon mal erwähnt. Wenn ich es richtig verstanden habe, wären seine beiden Pflegeväter eigentlich gar nicht hier, wenn es Gus und Walter nicht gegeben hätte“.
„Ja, das könnte schon sein. Gus und Walter haben auf jeden Fall Roberto und Bjørn zusammengebracht“.
„Ach… das wusste ich nicht. Ich merke schon, die Geschichten der Männer hier sind sehr spannend und vermutlich nicht an einem Abend erzählt“.
„Nein, ganz bestimmt nicht“, lachte Tinus. „Aber schön, dass Du Dich dafür interessierst… Es ist überhaupt schön mit Dir zu reden“.
„Danke, aber ich habe ja nichts Vergleichbares beizutragen. Ich kenne kaum interessante Leute und bin mal gerade von Schweden nach Norwegen gereist. Selbst die beiden Länder kenne ich nicht sehr gut. Na ja, und außer meinem miserablen Schulenglisch und ein paar Brocken Deutsch kann ich auch keine andere Sprache…“.
„Pah, Dein Englisch ist perfekt, viel besser als mein Norwegisch (sie unterhielten sich überwiegend auf Englisch und manchmal auf Norwegisch). Also stell Dein Licht nicht unter den Scheffel. Wenn ich manchmal das grauenvolle Englisch meiner deutschen Geschäftspartner höre, würde ich mir wünschen, sie sprächen nur annähernd halb so gut wie Du“. Tinus hob wieder sein Glas und sagte: „Skål und danke, dass ich Dich kennenlernen durfte“.
Auch solcher Art Komplimente waren für Johan neu. Männer lobten ihn in der Regel für seine Zuverlässigkeit, seine Arbeit und ganz wenige, ganz selten, so wie Øystein, mal für seinen ‚geilen Arsch oder seinen schönen Schwanz‘. Das war’s dann aber auch. Johan wusste nicht, wie er mit Tinus Kompliment umgehen sollte und sagte nur: „Danke“, und wurde dabei auch noch rot.
„Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt nicht zu weit gegangen bin. Wir kennen uns viel zu kurz, als dass ich Dir schon so viele Komplimente machen sollte. Wenn Dein Freund das hören würde, wäre er vermutlich jetzt schon eifersüchtig“, sagte Tinus leise mehr zu sich selbst als zu Johan.
„Ach was… mein Freund… also, er hat eigentlich kein Recht eifersüchtig zu sein… Wir mögen uns, aber haben uns nichts versprochen… und überhaupt… einen richtigen Freund… also so richtig meine ich… habe ich noch nie gehabt“.
„Was ist für Dich ‚richtig‘?“.
„Na ja, solche Freunde wie hier bei Euch halt…“.
„Oh… jeder Mensch braucht einen Freund, dem er hundertprozentig trauen und immer alles erzählen kann. Da hast Du niemanden?“
„Nein, ‚hundertprozentig‘ hat bisher nie geklappt. Aber das liegt vielleicht auch an mir. Ich erwarte vermutlich zu viel und bin dann oft enttäuscht und ziehe mich zurück“.
„Das kenne ich gut. So war das bei mir jahrelang auch. Als ich dann endlich begriffen habe, worum es bei einer echten Freundschaft geht, war ich fast schon zu alt“.
„Aber jetzt hast Du ja Gerrit… Albert sagt, Ihr wohnt zusammen…“.
„Zusammen wohnen bedeutet noch lange nicht, auch wirklich gut Freund zu sein. Bei Gerrit und mir ist das eher ein Interessenausgleich. Er braucht Geld, also arbeitet er für mich. Er sieht gut aus, also bekomme ich ab und zu etwas für meinen Sexualtrieb. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, also bekomme ich auch noch etwas für meinen Kopf“. Tinus lachte. „Aber als wirklicher Freund wäre er mir viel zu selbstverliebt und auch nicht immer ganz offen“.
„Ich dachte, ein Mann wie Du müsste eigentlich hunderte Freunde haben“.
„Ach, würdest Du Dich mit einem Mann befreunden, dem seine Geschäfte manchmal wichtiger sind, als die Menschen, die ihn umgeben. Der seine Gefühle erst spät abends im Bett richtig zeigen kann. Der dauernd etwas zu kritisieren hat und meistens mürrisch wirkt, obwohl er es gar nicht ist. Der immer den Eindruck vermittelt, er erwarte nur Perfektion. … Und… der seine Partner sexuell eher verschreckt als befriedigt“.
Johan sah Tinus fragend an: „Wie meinst Du das? Bist Du pervers oder hast Du einen besonderen Fetisch?“
Jetzt lachte Tinus so laut, dass Johan für einen Moment Angst hatte, sie würden jemanden im Hause wecken. Aber es war ja niemand da.
„Nein, ganz bestimmt nicht… aber… also, ich habe eine, sagen wir mal so, körperliche Besonderheit, die zwar für viele schwule Männer verlockend aussieht, aber vielen eben auch Angst macht“.
„Ach so… Deinen Schwanz meinst Du. Aber der hat ja nun wirklich nichts mit echter Freundschaft zu tun“.
„Woher weißt Du?“. Tinus war sichtlich etwas erschrocken.
„Du hättest halt den Gürtel Deines Bademantels fester zubinden müssen“, grinste Johan.
„Ach Gott, daran hatte ich gar nicht gedacht. Schon merkwürdig… Du bist der erste Mann, der mich nicht sofort auf meinen Schwanz angesprochen hat oder irgendeinen blöden Kommentar abgegeben hat“. Tinus sah Johan das erste Mal an diesem Abend lange und direkt in die Augen.
Johan fühlte ein Kribbeln im Bauch und dachte, so müsse es sein hypnotisiert zu werden. Er mochte diese Augen, die nicht mehr ganz glatte, aber sehr gepflegte, braune Haut, die kleinen Lachfältchen, die schönen, schmalen Lippen, die makellosen, weißen Zähne und nicht zuletzt die glatte Halbglatze mit dem sauber geschnittenen Haarkranz aus 3mm kurzen, grauen Haaren. So hatte ihn noch nie ein Mann angesehen… und wenn … dann nur, um ihm gleich anschließend in den Schritt zu fassen. Hätte sein Gegenüber das jetzt gemacht, hätte er einen steinharten Kolben gespürt, der die dünnen Shorts längst durchfeuchtet hatte. Er wusste in diesem Moment nicht, was er tun sollte. Dieser Mann war sein Traum… seinen gigantischen Schwanz würde er ertragen… wie alle die vermeintlich negativen Eigenschaften, die Tinus von sich selbst aufgezählt hatte. Würde dieser Mann ihn nur einmal anfassen, wäre es um ihn geschehen. Das wäre dann das erste Mal, dass er nicht den Anfang gemacht hätte. Aber wollte er das wirklich? Er würde vielleicht mit Tinus noch viele Jahre unter einem Dach leben müssen. Würde er jetzt einen Fehler machen, könnte das seinem Bedürfnis nach Harmonie einen tüchtigen Dämpfer verpassen.
Tinus ging Ähnliches durch den Kopf. Er war seit langem mal wieder richtig verliebt. Schon als er den neuen Hausmeister an seinem Amazon hatte stehen sehen, war ihm klar, dass dieser Mann etwas Besonderes war. Er sah bestimmt nicht im klassischen Sinne hübsch aus, hatte aber eine enorme erotische Ausstrahlung. Aber richtig war es um ihn geschehen, als Johan den Mund aufgemacht hatte. Er konnte sich ausdrücken und hatte in seiner Art etwas von Walter, den er insgeheim immer noch verehrte und an den er fast immer dachte, wenn er mit einem anderen Mann im Bett lag.
Diesem Johan konnte niemand von seinen bisherigen ‚Zufallsbekanntschaften‘ das Wasser reichen. Schon gar nicht Gerrit, der ihn in letzter Zeit mehrfach enttäuscht hatte. Im Augenblick fühlte Tinus sich um Jahre zurückversetzt, als er als Internatsschüler einen Jungen anhimmelte, der für ihn der Inbegriff all dessen war, was er sich damals unter einem Mann vorstellte, der aber auf seine Avancen überhaupt nicht reagierte und statt dessen mit einem dicklichen Brillenträger rummachte.
Als er jetzt in diese wunderschönen Augen sah, wurde ihm bewusst, dass er einen Fehler begehen würde, wenn er Johan überrumpelte. Schließlich sollte der in erster Linie einen guten Job für den Hof, den Golfplatz und die neue A/S machen. Wenn er ihn jetzt vor den Kopf stieß, verlören sie vielleicht einen guten Mitarbeiter, bevor der überhaupt richtig angefangen hatte. Er wollte sich zurückhalten, obwohl er wusste, dass er schlecht schlafen würde, und er auch Johan in den nächsten Tagen nicht zu oft über den Weg laufen durfte. Verdammt… wie konnte ihm das passieren? Er hatte sich doch sonst so gut unter Kontrolle und ärgerte sich immer über Leute, die sich nur von ihren Gefühlen leiten ließen. Tinus glaubte, die Reaktion von Männern immer gut einschätzen zu können. Bei Johan war er ratlos. Nichts deutete darauf hin, dass Johan Interesse an ihm hatte oder gar Sex mit ihm wollte. Dennoch war da etwas in diesem sehnsüchtigen Blick, was ihn hoffen ließ.
Johan rasten die Gedanken nur so durch den Kopf. Er hätte zu gern gewusst, was Tinus in diesem Moment dachte. Gleichzeitig wehrte er sich gegen seine Phantasie, die ihm vorgaukelte, Tinus würde jetzt seinen Morgenmantel öffnen und ihn an sich drücken. Er stellte sich die unsagbaren Schmerzen vor, die dieser Wahnsinnsschwanz in seinem Anus verursachen würde, die er aber tapfer ertragen würde, nur um seinen Traummann nicht zu enttäuschen. Sein eigener Schwanz schmerzte inzwischen in seiner engen Jeans. Er hatte das Bedürfnis, ihn wenigsten so hinzulegen, dass es nicht so drückte. Er hielt sich aber zurück, da er glaubte, eine entsprechende Handbewegung könnte von Tinus missverstanden werden. Das Beste wäre jetzt wohl, sich zu verabschieden und ins Bett zu gehen.
„Ich denke, ich geh jetzt mal ins Bett… Morgen muss ich ganz ausgeschlafen sein, weil Albert und Olav mir ganz offiziell den Betrieb und die Arbeitsaufgaben erklären wollen“. Johan erhob sich halb und drehte sich sofort weg, damit Tinus seine pralle Hose nicht sehen sollte.
„Schade, aber wir haben ja hoffentlich noch öfter Gelegenheit uns ein bisschen zu unterhalten. Du kannst gerne jederzeit raufkommen, egal zu welcher Tageszeit. Das machen die anderen übrigens auch… da brauchst Du keine Hemmungen zu haben“.
„Danke! Das ist nett. Sollte ich mal zu lästig werden, kannst Du mich ja auch immer rausschmeißen“.
„Ehy, Du wirst doch nicht lästig… ich würde mich freuen… ich…ich…Ach Mann, ich mag Dich halt. So… jetzt ist es raus. Sei mir bitte, bitte nicht böse… sowas sage ich sonst nie so einfach zwischen Tür und Angel… ist mir halt so rausgerutscht“.
Johan bekam einen Schreck. Jetzt musste er etwas Vernünftiges antworten, schaffte es aber nicht.
„Lass uns morgen darüber sprechen… Du kennst mich doch gar nicht“. Er zögerte und flüsterte fast unhörbar mit hochrotem Kopf: „Aber…also… ich mag Dich auch“. Laut sagte er: „Schlaf schön! Wir sehen uns morgen“. Damit floh er gleichsam aus Tinus‘ Wohnzimmer.
Tinus war so verblüfft, dass er sich ein paar Sekunden lang nicht bewegen konnte. Da war Johan aber schon draußen. Natürlich, es war klar. Er hatte Johan überfordert. Kaum war der auf Bergstad angekommen, musste er ihn auch schon in seiner selbstherrlichen Art anbaggern, wie das heute in der Jugendsprache hieß. Es war kein Wunder, dass das mit den Männern für ihn immer irgendwie schief ging. Ok, das mit Gerrit war von Anfang an eine reine Sex-Beziehung. Dass er ihn jetzt auszunutzen begann, war typisch für alle Beziehungen dieser Art. Sobald die Jungs bei ihm eingezogen waren und mitbekamen, was er sich leisten konnte, wollten sie etwas abhaben vom Kuchen. Ohne Zweifel hatte Gerrit Charme, vor allen Dingen aber war er ein hervorragender Koch. Na ja, und dann stand er jederzeit für Sex zur Verfügung. Er war immer zuvorkommend und verweigerte sich nie… ein entscheidender Grund, warum er bei Tinus einziehen durfte. Wenn sie wieder in Amsterdam waren, wollte er die Sache allerdings beenden… so oder so. Jetzt hatte er erstmal andere Sorgen. Wie sollte er Johan erklären, dass er es wirklich ernst gemeint hatte, und er für ihn viel, viel mehr war als nur ein Flirt. Wenn er das jetzt nicht klärte, würde der Junge ihm tagelang aus dem Weg gehen, vielleicht sogar bis er mit Gerrit wieder nach Amsterdam abflog. Das könnte er nicht ertragen.
Er zog den Gürtel seines Morgenmantels enger und ging auf den Flur. Es brannte nur noch eine Lampe in der Halle, die Tür zu Johans Wohnung stand einen Spalt offen. Tinus meinte ein Geräusch gehört zu haben, konnte aber nicht sagen, ob es von draußen oder aus der Hausmeisterwohnung gekommen war. Er ging leise die Treppe hinunter und lauschte an der halb offenen Tür. Stille.
„Bist Du noch wach?“
„Ja, Moment… Ich muss mir eben was überziehen“.
„Brauchst Du nicht. Ich wollte nur sagen… Sei mir bitte nicht böse. Ich bin manchmal ein instinktloser Idiot“.
Plötzlich stand Johan vor ihm lediglich mit seiner dünnen, weißen Shorts bekleidet und immer noch ziemlich rot im Gesicht. Er lächelte so hinreißend, dass Tinus fast schon wieder vergaß, was er sagen wollte.
„Ach was… es gibt einfach Dinge, die kann ich nicht. Dazu gehört auch, dass ich einem Mann nicht ordentlich sagen kann, dass ich ihn mag, ohne das Gefühl zu vermitteln, gleich mit ihm ins Bett steigen zu wollen. Ich bin einfach versaut… es tut mir leid“.
„Ich kenne viele versaute Männer. Du gehörst auf keinen Fall dazu. Der Blödmann bin ich. Ich hätte klar sagen sollen, dass Du mir vom ersten Moment an gefallen hast… Ach, was sag ich…‘gefallen‘ ist nicht der richtige Ausdruck. Du hast mich innerhalb von Sekunden verrückt gemacht. Aber ich weiß, dass ich mich zurückhalten muss. Ich will ja hier ordentliche Arbeit machen und nicht den Eindruck vermitteln, ich könne mich nicht beherrschen“.
Tinus hat später gesagt, er sei so verblüfft gewesen, dass er Johan sekundenlang mit offenem Mund angeschaut hätte. „Ich habe Dich… verrückt gemacht? Ich?... Das hat noch nie ein Mann zu mir gesagt… Bist Du sicher, dass Dich nicht mein offener Morgenmantel verrückt gemacht hat?“
„Quatsch, so schnell macht mich ein Männerschwanz nicht verrückt… Jetzt komm schon rein! Mir wird kalt hier draußen zwischen Tür und Angel“.
„Ich denke, Du wolltest schlafen?“.
„Will ich auch, aber für Dich würde ich immer wach bleiben…“, dabei fixierte er mit seinem Blick Tinus‘ Augen, so wie der das noch vor ein paar Minuten mit ihm gemacht hatte.
„Jetzt ist mir alles egal, wenn Albert mich morgen rausschmeißen will… Ok, dann war dieser Tag ein Traum…“. Johan näherte sein Gesicht dem völlig starren von Tinus. Der war nicht mal in der Lage zu lächeln, sondern öffnete nur langsam seine schmalen Lippen und schloss die Augen.
Johans Zungenspitze tastete ganz behutsam diese Lippen ab und bewegte sich vorsichtig in den Mund, der nicht in der Lage war, noch einen Laut von sich zu geben.
Ganz langsam schob er seinen nächtlichen Gast vor sich her bis ins Schlafzimmer.
Tinus hatte endgültig die Kontrolle über die Situation verloren. Er, der gewohnt war zu dirigieren, zu leiten und zu bestimmen, benahm sich plötzlich wie ein Teenager, der an seinem ersten Date verführt wurde. Im Zeitraffer liefen vor seinem inneren Augen Szenen aus seiner Internatszeit, seinen ersten Treffen mit Zufallsbekanntschaften in Amsterdam, seiner ersten Nacht mit Gus und Walter, seinen Sauna-Abenden mit Roberto und Bjørn auf Bjørnstangen und Nächte mit seinen Angestellten im Haus am Singel ab. Das Gefühl, das er jetzt hatte, während Johan ihn auf ein altes, mit blütenweißer Bettwäsche frisch bezogenes Bett drückte und offenbar plötzlich genau wusste, was er wollte, war mit nichts vorher zu vergleichen.
Er war jetzt fast 60, hatte mehrfach darüber nachgedacht, sich zur Ruhe zu setzen, noch ein paar Reisen zu machen und sich dann hier nach Bergstad zurückzuziehen und sich daran zu freuen, wie Albert und Pino, den Betrieb in seinem Sinne fortführen würden. Er hatte sein Leben lang auf sein Äußeres geachtet, nicht übertrieben eitel aber dennoch. Dass er schon mit 25 eine Halbglatze und graue Haare hatte war wohl genetisch bedingt und ließ sich nicht ändern. Im Laufe der Jahre hatte er herausgefunden, dass es manchmal genau das war, was jüngere Männer anzog. Über Jahre hatte er versucht, seinen abnorm langen und dicken Schwanz so lange wie möglich vor seinen Sex-Partnern zu verbergen, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass im Gegensatz zu manchen Pornofilmen solche Schwänze bei vielen Männern Ängste auslösten und sie verkrampften.
Er hielt sich selbst für einen gefühlvollen und zärtlichen Mann, wenn er das in seinem harten Business auch niemals zeigen durfte. Zarte Berührungen durch Männerhände oder, wie eben, durch Zungenspitzen machten ihn fast willenlos. Worthülsen und platte Liebesschwüre machten auf ihn kaum einen Eindruck. Intelligente Zweideutigkeiten, gut formulierte Reflektionen über das Thema Erotik oder einfach in schöner Sprache vorgetragene Anspielungen auf Sex, machten ihm Männer sofort sympathisch. Es war eben nicht sein Stil, mit der Tür ins Haus zu fallen.
Dieser Junge – eigentlich war er ja ein durchaus erwachsener Mann -, der ihm da von Albert vor ein paar Stunden vorgestellt worden war, erfüllte alles, was er sich von einem Mann immer gewünscht hatte. Am meisten faszinierte ihn aber die, nach seiner Ansicht typisch skandinavische Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit gepaart mit einer Zurückhaltung, die keine Hemmung war, aber einem immer die Möglichkeit gab Distanz zu wahren, wenn man es wollte.
Nicht er als der Ältere war im Augenblick der Verführer – obwohl er sich gerade das, wenn er ehrlich war, insgeheim vorgenommen hatte –, sondern er wurde gerade nach allen Regeln der Kunst von einem über 25 Jahre jüngeren Mann verführt. Einem Mann, dem es offenbar wirklich um ihn als Person ging und nicht um seinen Schwanz. Einem Mann, der nicht wissen konnte, welche Auswirkungen sein Verhalten auf seine gerade erst neu angetretene Stellung haben könnte. Einem Mann, der fast schüchtern aber überzeugend bekannt hatte, dass er Ihn mochte…
Auch Johan gingen viele Dinge gleichzeitig und rasend schnell durch den Kopf. Seit er zum Bewerbungsgespräch mit Albert auf Bergstad zusammengetroffen war, hatte sich seine Sicht auf sein Leben und seine Zukunft total verändert. Das sich jeden Tag wiederholende Einerlei, die langweiligen Kollegen, die eigentlich eintönigen Abende im London Pub, aber auch das Klammern an einen Mann, der ihn als jederzeit verfügbares Sex-Objekt betrachtete und ihm kaum eine eigene Meinung zubilligte. All das war plötzlich vorbei. Er konnte selbst entscheiden, was er tun und vor allem, was er lassen wollte. Seine Mutter hatte mal gesagt, er solle seinem Schicksal eine Chance geben. Diesen Spruch hatte er nie begriffen. Jetzt glaubte er zu wissen, was sie meinte.
Mit dem Wort ‚Liebe‘ konnte er bisher nur wenig anfangen. Hin und wieder hatte einer seiner Kurzzeit-Bekanntschaften es ihm ins Ohr geflüstert. Øystein hatte es noch nie benutzt. Seit er hier auf den beiden Höfen war, hatte er es in unterschiedlichem Zusammenhang immer wieder gehört. Er begriff jetzt, was Albert ihm sagen wollte, als er ihm die Charaktere der Bewohner geschildert hatte. Liebe war viel mehr als Sex. Liebe war tiefste Zuneigung, war Partnerschaft und Freundschaft im besten Sinne und sie war das ultimative und kompromisslose für einander Einstehen.
Im Augenblick war er einfach nur „verliebt“, aber das erste Mal in seinem Leben konnte er sich ‚Liebe‘ real vorstellen. Dieser Mann, den er gerade so herrlich dicht, warm und irgendwie unheimlich vertraut an seinem Körper spürte, war der Mann, den er lieben, für den er alles geben und alles ertragen wollte. Er konnte nicht begründen warum… es war halt so. Albert, Pino, Bjørn, Roberto und Magne hatten ihm ermöglicht, diesen Mann jetzt und hier in seinen Armen zu halten. Dafür liebte er auch sie – wenn auch ganz anders.
Vielleicht hatte er aber auch etwas übersehen oder missverstanden. Vielleicht waren diese Männer gar nicht so tolerant und offen, wie es schien. Vielleicht hatte Albert ihm klar machen wollen, dass man nicht wünsche, dass er als Außenstehender Verwirrung in bestehende Bindungen auf den Höfen brachte. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Er wollte diesen Mann, keinen anderen und das jetzt… komme was da wolle.
Tinus genoss das Gefühl begehrt zu werden, da gab es keinen Zweifel. Aber er wollte auch etwas zurückgeben. Das Streicheln dieser jungen Haut elektrisierte ihn nicht nur, es gab ihm auch das Gefühl, langsam wieder Kontrolle über sich selbst zu bekommen.
Johan hatte ihm ganz sachte den Morgenmantel abgenommen, ganz nebenbei seine Shorts abgestreift und lag jetzt auf dem Rücken in dem weißen Federbett. Er strahlte so glücklich, wie Tinus noch nie einen Mann bei sich im Bett hatte strahlen sehen.
Mit einer Zärtlichkeit, die niemand Tinus zutrauen würde, der ihn nur als Geschäftsmann kannte, strichen seine Fingerkuppen über die dichten Locken, das Gesicht, die Lippen, den Hals, die Nippel, den Bauch über den Po bis zu den Zehnspitzen. Den dunklen, fast lilafarbenen, 18 cm steil aufgerichteten Schwanz mit einer prallen rosa Eichel und kleinen, sehr harten, rasierten Eiern, ließ er bewusst aus. Er wollte ganz langsam eine entspannte aber sich gleichzeitig intensivierende Stimmung erzeugen.
Bei Johan begann das eben noch einwandfrei funktionierende Gehirn auszusetzen. Sein Körper wurde gleichsam von elektrischen Stoßwellen in immer kürzeren Abfolgen durchzogen. Momente totaler Entspannung wurden von Momenten extremer Anspannung abgelöst. Er atmete so schnell, dass er für einen kurzen Augenblick glaubte bewusstlos zu werden. Dann kam dieses unglaubliche surreale Gefühl der veränderten Wahrnehmung, das er nur ein einziges Mal vorher erlebt hatte, als er als 16jähriger mit einem Schulfreund zusammen einen Joint geraucht hatte. Für Sekunden sah er Tinus‘ sehnigen, braun gebrannten Körper in allen Farben des Regenbogens. Dann hörte er seine Stimme wie durch Watte, „Darf ich?“ und spürte dabei die weichen Finger an seiner Rosette.
Johan schloss die Augen und dachte: „Ja, ich habe es so gewollt… ich werde nicht schreien… ich werde alles ertragen, selbst wenn es mich zerreißt“.
Es geschah nichts…, oder besser, das wohlige Gefühl, das seinen Körper durchzog, verstärkte sich noch etwas, aber er blieb völlig entspannt.
Tinus hatte seine Finger mit reichlich Spucke befeuchtet und hatte mit zweien bereits einmal die Prostata befühlt. Dabei beobachtete er genau Johans Gesicht. Er war nach wie vor entspannt und zuckte nicht einmal als Tinus einen dritten Finger hinzunahm.
„Tut das weh?“, Johan schüttelte heftig mit dem Kopf. „Mach weiter! Deine Hände sind so wunderschön gefühlvoll“.
Selbst als Tinus fast seine ganze Hand reinschob, lächelte Johan und schaute ihn immer noch so glücklich wie vorher an.
„Magst Du das bei mir auch mal machen?“.
„Jetzt?“
„Ja bitte! Ich sehne mich so danach, Dich in mir zu spüren“.
„Greif mal dort hinter Dich. In der Reisetasche ist eine Tube Gleitcreme. Ich kann das nicht so gefühlvoll wie Du“.
„Ach mein Süßer, Du bist doch die Sanftheit in Person. Was Du von mir erträgst, ertrage ich durch Dich mit Freuden… Mach einfach wie Du möchtest. Ich werde mich nicht beschweren und sauber bin ich auch…“.
Johan hatte es so noch nie gemacht. Es war klar, dass Tinus das Gesicht vor Schmerzen verzog und offenbar kurz davor war, seine Finger rauszudrücken, weil er es nicht mehr aushielt. Doch plötzlich entspannte er, öffnete die Augen und küsste Johan wild und ungehemmt.
„Und jetzt Deinen schönen Schwanz… bitte!“
„Und dann Deinen“, Johan grinste und umfasste den gigantischen, jetzt harten und prallen Riesenschwanz mit beiden Händen, nur um ihn lange und ausgiebig von der Eichel bis zu den glatten und auch recht großen Hoden abzuküssen. Dann drehte er Tinus sanft auf den Bauch, küsste noch einmal auch seinen schönen Po, der immer noch so knackig war, wie der eines Zwanzigjährigen.
„Schön liegenbleiben, rühr Dich nicht!“ Johan angelte nach seiner Reisetasche und fand sofort das Gleitgel und zwei Handtücher.
Tinus atmete schwer. Er hatte gelernt, dass er durch spezielle Atemtechnik einen fremden Schwanz in seinem Anus besser ertragen konnte. Eigentlich litt er die ersten Sekunden immer Höllenqualen und es gab nur ganz wenige Männer, deren Schwänze in seinem Anus in wirklich angenehmer Erinnerung geblieben waren. Eigentlich waren es nur die Schwänze von Bjørn, Roberto, Gus und Walter, die ihm in guter Erinnerung geblieben waren. Gerrit wollte ihn nicht ficken, wie überhaupt die meisten Männer, die sich überhaupt so weit auf ihn eingelassen hatten, von ihm gefickt werden wollten und kaum umgekehrt.
Bevor Johan Tinus‘ Loch mit Gleitgel vorbereitete, leckte er es genüsslich aus und bohrte dabei seine Zunge tief in Tinus‘ Darm. Das allein brachte den so zum Stöhnen und Keuchen, dass er sein Gesicht tief in das weiße Kissen drückte, weil er irrtümlich annahm, er müsse leise sein.
Johan rieb seinen heißen Schwanz auch noch mit Gel ein. Dass sein steifer Kolben immer sehr warm wurde, hielt er selbst für eine Besonderheit, weil er Ähnliches bei anderen Männern nie bemerkt hatte.
Erst kitzelte er mit seiner harten, etwas feuchten Eichel an Tinus‘ Rosette. Als dessen Stöhnen immer mehr zunahm, drückte er seine rein, mit großer Kraft, aber nicht ohne dabei Tinus‘ Nacken und Rücken zu kraulen und immer wieder zu küssen. Tinus bebte unter seinen Fingern. Bei jedem Stoß gegen die Prostata kam ein ganz leises Wimmern von ihm.
Tinus wartete auf den üblichen stechenden Schmerz, an den sich meistens eine kurze wohlige Phase anschloss. Über 40 Jahre sexuelle Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es fast immer ähnlich ablief… mit Ausnahme der ersten Nacht mit Gus und Walter… die beiden hatten ihn so göttlich gefickt, dass er glaubte, so etwas sei einmalig gewesen und käme nie wieder.
Der Schmerz blieb aus. Stattdessen konnte er nicht herausfinden, was ihn mehr in eine wohlige Extase brachte, der herrliche Schwanz der kräftig, aber gleichzeitig mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit seine Prostata stimulierte, oder ob es diese unsagbar sensiblen Finger waren, die zart über seinen sonst sehr empfindlichen Rücken strichen.
Johan sah jede Regung in Tinus‘ Gesicht. Er sah, wie er mit den Augen rollte, für ein paar Sekunden die Stirn in Falten zog oder den Mund halb öffnete, so als ob er schreien wollte. Dann schloss er die Augen wieder und war völlig entspannt. Johan merkte auch, wie sich allmählich ein Orgasmus bei ihm ankündigte. Er wollte durch diesen enormen, rekordverdächtigen Schwanz zum Abspritzen gebracht werden. Er wollte, dass dieser Mann ihn ins Paradies entführte. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, was da auf ihn zukam, aber er hatte sich für diesen Mann entschieden. Da war es nur folgerichtig, ihn so zu nehmen wie er war. Noch während er rhythmisch seinen Kolben auf und ab bewegte, hatte er sein Loch nebenbei mit Gel ausgerieben. Jetzt flüsterte er Tinus ins Ohr: „Und jetzt Du!“
„Das wird so nicht gehen“, stöhnte Tinus.
„Versuch es bitte… bitte!“
„Ok, leg Dich auf die Seite!“
Als Tinus sich erhob, sah Johan den gewaltigen Schwanz, der jetzt stramm, unglaublich dick und zwischen 30 bis 40 cm lang fast gerade abstand. Ihm wurde plötzlich ein bisschen mulmig. Øystein hatte mal versucht, ihm seine Faust in den Arsch zu schieben. Das tat so mörderisch weh, dass er ihn weggestoßen hatte. Sein Traummann spreizte mit beiden Händen seine Pobacken und schmierte noch einmal Gel nach.
„Wir sind verrückt… Wir kennen uns kaum und benutzen kein Gummi… Ich predige das jeden Tag in meiner Stiftung und bin selbst so verantwortungslos… Schatz, schau mal bitte in der Seitentasche meines Morgenmantels. Da sind eigentlich immer ein paar Gummis drin“.
Johan fand ein Päckchen „XXXL-spezial“ und eins „R1 safe“. Während Tinus noch seine Finger langsam in seinem Loch auf und ab bewegte, riss er das „große“ Päckchen auf. So ein großes Kondom hatte er vorher noch nicht gesehen. Er gab es Tinus, der es schnell und routiniert über seinen Schwanz rollte. Danach leerte er den Rest der Gel-Tube auf seine jetzt noch massiver wirkende Eichel. Johan kämpfte gegen das Gefühl aufzugeben. Er hatte sich vorgenommen, alles zu ertragen, was dieser Mann ihm antun würde, also biss er die Zähne zusammen, atmete noch einmal tief durch und kniff die Augen zu. Eine Millisekunde lang wollte er schreien, doch dann spürte er Tinus Atem in seinem Nacken, seine Lippen saugten sich auf seiner Schulter fest und ihn durchzog ein Wechsel von kleinen Stromstößen und unbeschreiblicher Verbundenheit mit seinem Traummann. Jeden Stoß fühlte er bis in den Kopf. Über seinen eigenen Schwanz hatte er keine Kontrolle mehr. Er spritzte im hohen Bogen auf das saubere, weiße Laken. Tinus erhöhte seine Stoßfrequenz als er sah, dass Johans Sahne immer wieder in kleinen, dicken Tropfen aus der rosa Eichel pulsierte. Dann stieß er einen kurzen Brummton aus, verdrehte seine Augen und sackte nach hinten auf den Rücken. Er riss das Kondom von seinem immer noch harten Schwanz und ließ das Sperma auf seinem Bauch auslaufen.
Johan war das erste Mal in seinem Leben nach dem Sex erschöpft. Er spürte noch den Kuss seines Liebsten, roch noch diese eigenartige Mischung aus Sperma, Kondom und Rasierwasser, dann nickte er ein. Tinus drückte ihn an sich, legte beide Arme um ihn und schlief ebenfalls ein.
„Johan!... Ich bin schon da… Ich warte auf Dich draußen“. Albert rief durch die halb offene Wohnungstür. Gerade als er sich umdrehte um wieder zu gehen, hörte er ein Räuspern und eine leise Stimme aus dem Schlafzimmer: „Wach auf, Schatz! Albert ist draußen“. Die Stimme kannte er… das war eindeutig Onkel Tinus.
Vor dem Speicher, der zum Café umgebaut wurde, stand Pino und diskutierte mit einem Arbeiter. Albert machte ihm ein Zeichen, dass er ihn sprechen wollte.
„Du, ich glaube, Onkel Tinus hat die Nacht bei Johan verbracht“.
„Das geht uns nichts an“.
„Stimmt… aber mich würde schon interessieren, wer da die Initiative ergriffen hat. Ich hoffe, ich habe mich in Johan nicht getäuscht. Wenn er sich an Tinus ranschmeißt um davon zu profitieren, könnte ich mit ihm nicht zusammenarbeiten“.
„Wie war das? Wir reden nicht über einander sondern miteinander…Also, sprechen wir mit den beiden“.
Pino und Albert waren schon im Windfang als ihnen Tinus und Johan entgegen kamen. Johan hatte noch feuchte Haare und roch nach Seife. Tinus trug seinen dünnen Morgenmantel, den er nur unordentlich und locker vorm Bauch zusammengegürtet hatte. Beide strahlten um die Wette, gaben sich einen flüchtigen Kuss und begannen fast gleichzeitig an zu sprechen: „Wir… also… damit keine Unklarheiten aufkommen… Ja, wir mögen uns… wir mögen uns sogar sehr“.
Tinus lächelte Albert an: „Schau nicht so! Dein Onkel Tinus ist kein Heiliger. Ich habe auf meine alten Tagen tatsächlich noch den Mann fürs Leben gefunden… klingt doof…ich weiß… ist aber so. Du siehst gerade einen sehr, sehr glücklichen Onkel Tinus vor Dir. Deine Entscheidung für unseren neuen Hausmeister war goldrichtig“.
„Prima, das hört sich gut an. Ich muss mich zwar erst daran gewöhnen, aber wenn Ihr beide das so seht, gewinnen wir ja alle“.
„Ach übrigens, Johan braucht die Hausmeisterwohnung nicht. Er wohnt jetzt oben bei mir, auch wenn ich nicht da bin“.
Johan war sprachlos, darüber hatte Tinus überhaupt nicht mit ihm gesprochen, und er wusste nicht so richtig, wie er reagieren sollte. Seine Überraschung war ihm deutlich anzumerken.
Albert spürte, dass Tinus etwas vorgeprescht war. „Das ist Deine Sache. Johan kann die Hausmeisterwohnung gern behalten. Wir wollten ja im Haupthaus niemanden anders unterbringen. Der neue Gastronomie-Chef wird im Klubhaus wohnen“.
„Ok, wir sprechen später weiter. Ich muss mir jetzt wohl erstmal etwas anziehen. Ich wünsch Euch einen wunderschönen Tag… Und Du mein Schatz, schau doch nicht so… Ich bin so“. Tinus lachte laut, dabei öffnete sich der Gürtel seines Morgenmantels und für einen kurzen Augenblick konnten die drei anderen ihn in seiner ganzen prachtvollen Nacktheit bewundern. Etwas, dass Tinus bis zu diesem Tage immer nur sehr zurückhaltend zugelassen hatte. Jetzt hielt er es nicht einmal für nötig, den Gürtel wieder zuzubinden, sondern streckte sich, gab Johan noch einmal einen Kuss auf die Stirn, wobei sein mächtiges Geschlechtsteil sogar etwas zuckte und verabschiedete sich mit den Worten: „Heute fängt ein neues Leben an…“, pfiff eine unbekannte Melodie und eilte die Treppe hinauf.
„So, dann wäre das also geklärt“, grinste Albert und klopfte Johan auf die Schulter. „Nimm’s leicht, es gibt Schlimmeres als Mitglied unserer Familie zu werden“. Dabei zwinkerte er Pino zu und meinte: „Wir beide wurden ja auch irgendwie adoptiert und haben es überlebt“. An Johan gewandt meinte er: „Bloß denk dran, wir reden nicht über einander sondern mit einander…“. Im selben Moment bekam er von Pino einen Boxhieb in die Seite.
Johan war im wahrsten Sinne des Wortes überrumpelt. Er begriff weder richtig, was in der Nacht passiert war, noch was eben alles gesagt wurde. War er Objekt geworden oder durfte er Subjekt bleiben? Hatte er seine Freiheit, die er sich so sehr gewünscht hatte, schon wieder verloren, oder war auf diesem Hof wirklich alles so anders, als er es bisher sowohl in Schweden als auch in Norwegen erlebt hatte?
Tinus war genau der Mann, den er sich immer gewünscht hatte. Aber wie lange würde das gutgehen? Er konnte doch diesem Mann in keiner Weise das Wasser reichen. Er war Tischler, hatte eine mittelmäßige Schulbildung und bisher ausschließlich als Hilfskraft gearbeitet. Er kannte nichts von der Welt. Lediglich im Internet hatte er begonnen ein bisschen ‚zu reisen‘. Ok, er hatte immer gern und viel gelesen und konnte leidlich Englisch, aber war das genug, um mit Tinus mithalten zu können. Dieser hoch gebildete Mann, der sein ganzes Vermögen quasi mit seinem Kopf verdient hatte, der die wichtigsten Leute aus Politik und Wirtschaft kannte und in der ganzen Welt rumgekommen war… Wann würde er, der kleine schwedische Provinz-Tischler, nur noch das tun, was dieser Mann von ihm wollte? Was wusste er denn schon über seinen wirklichen Charakter?
Albert schien die Gedanken von Johan gelesen zu haben. „Ehy, denk nicht zu viel nach. Wir kennen Tinus etwas länger als Du. Er wirkt manchmal ein bisschen selbstherrlich, aber er ist ein prachtvoller Mensch, der von uns noch nie etwas gefordert hat, ohne mindestens doppelt zurück zu geben. Seine Geschäftspartner sagen, er sei beinhart, fast brutal… In unserer ‚Familie‘ ist er der liebenswerteste, einfühlsamste und verständnisvollste Mann, den man sich überhaupt nur vorstellen kann“.
Es waren wohl diese Worte von Albert, die in Johan plötzlich eine tiefe innere Zufriedenheit auslösten. Die Anspannung wich einer Gelassenheit, die er so bei sich auch noch nicht erlebt hatte. Später sagte er mal, es sei das erste Mal in seinem Leben gewesen, dass er das Gefühl gehabt habe „alles wird gut“.
Tinus und Johan sind bis heute unzertrennlich, fallen über einander her wie Teenager, wenn sie sich mal eine längere Zeit nicht gesehen haben und behaupten, sie fänden noch jeden Tag neue Seiten an sich.
Der Tag Eins, wie Johan seinen ersten offiziellen Arbeitstag auf Bergstad-Gård nannte, gestaltete sich stressiger als von ihm vorher angenommen.
Kaum hatten Albert und Pino ihm alle seine Arbeitsaufgaben auf dem Golfplatz, im Klubhaus, im Speicher und im Haupthaus erklärt, kam ein Handwerker und behauptete, sie hätten zu wenig Strom für ihre Maschinen am Speicher. Johan versuchte Magne mit seinem neuen Mobil-Telefon zu erreichen. Keine Antwort. Dann endlich nach einer Viertelstunde der Rückruf. Magne versprach sofort zu kommen.
Die Handwerker saßen tatenlos auf den Stufen des Speichers, ihre Sägen und Bohrer schwiegen und sie unterhielten sich lebhaft.
Während Johan ein paar Meter weiter den Traktor zum Einsammeln der Golfbälle reparierte, bekam er Gesprächsfezen mit. „Aber Ihr wisst schon, dass das hier ein Schwuchtel-Hof ist, oder?“ Einige lachten. „Kommt ja alles von Bjørnstangen… da wo die beiden Schwuchteln damals ‚geheiratet‘ haben, wie sie das nannten… stand doch alles in der Zeitung. Und dann hat ja auch noch der eine, die Pflegschaft für den Sohn des Besitzers von Bergstad-Gård bekommen… Bin bis heute nicht sicher, ob das alles legal war… Irgendwie hat die Schwuchtel sich dann ja alles hier unter den Nagel gerissen… Und der Hammer ist – wen wundert’s – der Pflegesohn ist auch schwul und gibt jetzt hier die Kommandos“.
Ein dicklicher Typ mit Latzhose und schwitzender Glatze hatte sich richtig in Rage geredet. Johan ging es gewaltig gegen den Strich, dass gerade hier mit so viel Hass über „seine Familie“ hergezogen wurde, wo doch die Männer richtig gutes Geld mit ihrer Arbeit auf Bergstad verdienten.
Bevor er sich in das Gespräch einmischen konnte, erwiderte einer der jüngeren Arbeiter:
„Ja und, was geht’s Dich an? Die haben hier verdammt viel auf die Beine gestellt und dadurch hast Du jetzt monatelang eine gut bezahlte Arbeit. Also, vielleicht haben so manche Schwule mehr Köpfchen als Du“.
Der Glatzkopf erhob sich und ging drohend auf den jüngeren Kollegen zu. „Ehy, willst Du mir die Welt erklären? Woher weißt Du denn, wie die hier zu ihrem Geld gekommen sind. Ist doch bekannt, dass die schwule Mafia zusammenhält… notfalls verbünden sie sich mit den Juden… so ist das“.
„Du gehst jetzt besser nach Hause und kommst auch nicht wieder. Sollte Dein Chef Dich noch einmal hierher schicken, storniere ich den gesamten Auftrag für Eure Firma… ist das klar?“. Albert stand in der Tür des Speichers und bemühte sich Ruhe zu bewahren. Allerdings sagte Pino später, er habe Albert nur einmal vorher so wütend gesehen und das war in ihrer Kindheit, als Albert in Ca… einen älteren und stärkeren Jugendlichen mit einem Judo-Griff aufs Kreuz gelegt hatte, weil der Pino geschlagen und beleidigt hatte.
„Tja, wenn die Schwuchteln hier die Wahrheit nicht vertragen können, müssen sie ihren ‚Puff‘ eben selber bauen. Kommt Jungs! Wir sind hier nicht mehr erwünscht“.
Der Dicke machte eine Handbewegung, die anderen sollten ihm folgen, nahm seine Tasche und ging Richtung Parkplatz, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er hatte offenbar damit gerechnet, dass ihm die Kollegen hinterher kommen würden. Die blieben allerdings sitzen und redeten wild durcheinander, bis der Mitarbeiter, mit dem sich der Glatzkopf angelegt hatte, aufstand, auf Albert zuging und sagte: „Entschuldige bitte, der Reggi ist ein Nazi, aber normalerweise hält er sich zurück. Als Klempner ist er hervorragend“.
„Ok, das mag sein, aber solche Leute wollen wir hier nicht haben. Ich werde noch heute mit Eurem Chef darüber reden“.
Johan imponierte Alberts klare Haltung. Er kannte das Problem mit Rechtsradikalen aus Schweden. Es hatte dort in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Vor allem auch deshalb, weil sich die rechte Szene immer mehr über das Internet organisierte und internationaler wurde. Er hatte bei Demonstrationen in Stockholm auch schon deutsche und englische Nazis gesehen.
Inzwischen war Magne gekommen und schraubte ein paar neue Sicherungen in einem provisorischen Verteilerkasten ein. Johan begrüßte ihn und erzählte ihm, was ein paar Minuten vorher passiert war.
„Ich kann Albert verstehen. Seine Reaktion ist im Sinne von Bjørn. Sein Onkel Kjartan, von dem er den Hof geerbt hat, war strammer Nazi und Bjørnstangen war im Krieg eine Nazi-Hochburg. Bjørn musste eine Zeit lang gegen böse Vorurteile kämpfen. Seine Mutter wurde sogar von Nazis erpresst“.
„Hätte gar nicht gedacht, dass es so etwas hier gab“.
„Lass es Dir mal bei Gelegenheit von Bjørn und Roberto erzählen“.
„Ich muss jetzt erstmal Golfbälle einsammeln“, lachte Johan und tuckerte mit seinem kleinen Traktor los.
Als Pino und Albert Magne sahen, gingen sie zu ihm hinüber und flüsterten ihm etwas ins Ohr. Er grinste über beide Ohren und sah dem Traktor schmunzelnd nach.
Abends im Bett fragte Pino Albert: „Mal ganz ehrlich, könntest Du den Schwanz von Tinus ertragen?“
„Wie meinst Du das?... Selbst so einen haben?... Oder von so einem gefickt zu werden?“
„Na ja, das muss doch unheimlich wehtun… so groß kann doch gar kein Loch sein… Ob das wohl der Grund war, dass Johan sich Tinus ausgeguckt hat?“
„Das war wohl eher umgekehrt. Ich denke, die Initiative ging von Tinus aus. Der war heute morgen wie verwandelt. Der Johan tut ihm gut“.
„Du kannst das besser beurteilen. Du kennst Tinus besser als ich. Weißt Du übrigens, wo Gerrit abgeblieben ist?“
„Tinus sagt, er wollte mit Gorm nach Oslo. Aber Gorm ist hier und hat den ganzen Tag gearbeitet. Magne sagt, Gerrit sei gestern bei Håvard und Olav gewesen. Wo er jetzt ist, weiß er auch nicht. Tinus interessiert das überhaupt nicht. Er schwebt mit Johan im siebten Himmel… Du hättest ihn vorhin wirklich mal sehen sollen. So fröhlich habe ich ihn schon ewig nicht mehr gesehen“.
Erst am nächsten Tag tauchte Gerrit wieder auf. Viel zu schnell und mit quietschenden Reifen fuhr er vorm Haupthaus vor.
„Na? Das war aber ein langer Ausflug nach Oslo“. Tinus saß auf einer Bank vor dem schönen, alten Bauernhaus und hatte seinen Arm um Jonas gelegt, der seinen Kopf an seiner Schulter angelehnt hatte.
„Entschuldige, ich habe ausgesprochen interessante Leute getroffen. Der Freund von Olav hat mich mit lauter Filmemachern bekannt gemacht“.
„Aha, aber Du hättest Dich ja mal melden können. Na ja, macht nichts… Ob ich Dir es gestern gesagt hätte oder heute sage ist ziemlich egal. Johan zieht in meine Wohnung hier auf Bergstad und ich bleibe noch etwas. Du musst leider allein nach Amsterdam zurück fliegen“.
„Ja aber… ach, nichts…“.
Gerrit merkte, dass Tinus ungehalten war, aber konnte andererseits den Grund nicht ganz einsehen, weil sie sich gegenseitig nie etwas versprochen hatten. Jeder konnte bisher seine eigenen Wege gehen. Er hatte den Riesenschwanz genossen und hätte ihn bei seiner unbändigen Lust auf Sex gern auch mehrmals am Tag in sich gespürt, aber als Mann war ihm Tinus zu kompliziert. Gerrit verstand weder die Wirtschafts- noch die Finanzwelt, die Tinus‘ ganzer Lebensinhalt zu sein schien. Tinus war ihm zu rational und verstand es nicht Spaß zu haben. Völlig unverständlich war ihm jetzt, dass er sich gerade für diesen, in seinen Augen, doch sehr einfach gestrickten schwedischen Handwerker entschieden hatte. So emotional hatte er Tinus in der Zeit, in der sie zusammen waren nie erlebt. Er kam zu dem Schluss, dass dieser Schwede außergewöhnlich gut im Bett sein musste oder sich Tinus völlig unterwarf. Letztendlich war es ihm egal. Ihm gefielen die Leute, die er gestern kennengelernt hatte, auch Gorm, Olav, Pino, Albert und alle die anderen Kerle hier auf dem Hof waren nicht nur wahnsinnig sexy sondern auch sehr sympathisch.
Håvard und zwei andere tolle Typen hatten ihm eine Hauptrolle in einem schwulen Film angeboten. Das war es, was ihm Spaß machte. Er wollte sich zeigen, er wollte seinen Sex ausleben und wollte sich selbst testen, wie weit er gehen würde… solange er jung war. Koch im Amstelhotel zu sein, war zwar nicht schlecht, aber er wollte noch mehr erleben. Mit Männern wie Tinus war das Leben quasi durchgeplant und hatte kaum noch spannende Zufälligkeiten auf Lager.
„Gut, dann packe ich mal meine Sachen zusammen. Der Flieger geht ja erst morgen. Ich werde noch eine Nacht in Oslo übernachten. Darf ich noch ein paar Tage bei Dir in Amsterdam wohnen? Ich muss mir ja noch eine neue Wohnung suchen“.
„Kein Problem, ich komme sowieso noch nicht so bald zurück. Ich habe Peter aus dem Büro gesagt, er soll auf die Wohnung aufpassen. Er wird vermutlich da sein, wenn Du kommst. Gib ihm die Schlüssel, wenn Du ausgezogen bist!“.
Gerrit verstand Tinus jetzt überhaupt nicht mehr. Bis vor zwei Tagen hatte dieser Mann ständig seine Termine im Kopf und das Mobil-Telefon am Ohr. Fast alles war auf die Sekunde geplant. Tinus hatte nicht nur Kontrolle über seine Mitarbeiter und sein Büro, sondern auch über alles, was in seiner Wohnung geschah. Keine Reinigungshilfe oder gar ein Mitarbeiter aus dem Büro durfte sich dort bewegen, ohne dass er es wusste. Jetzt überließ er die Verantwortung einem x-beliebigen Angestellten. Was war denn da in weniger als 48 Stunden mit Tinus passiert?
Auch Bjørn und Roberto machten sich Gedanken um Tinus, nachdem sie von Albert gehört hatten, was sich auf Bergstad ereignet hatte. Solange sie Tinus kannten – und das war nun wirklich lange – hatte es nie eine Situation gegeben, in der er sein Privatleben vor seine Geschäftsinteressen gestellt hätte. Auch konnten sie sich nicht erinnern, dass er jemals seine Abreise von Bergstad auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben hätte. Er hatte sich bisher immer klare Ziele und Termine gesetzt und diese pedantisch eingehalten.
Bjørn fragte Albert: „Was glaubst Du? Warum hat sich Tinus plötzlich so verändert?“.
„Ich denke Papa, das ist ganz einfach. Die Antwort heißt: Johan“.
„Mag sein, aber Tinus wollte sich doch nie binden. Feste Bindungen standen doch seinem Erfolg im Wege“.
„Ein Studien-Kollege hat mal gesagt: ‚Es reicht ein einziges Schlüsselerlebnis, um Dein Leben von einem auf den anderen Tag so zu ändern, dass nichts bleibt, wie es war“.
„Das wollen wir nicht hoffen. Ich mag Tinus eigentlich so wie er ist. Aber… die Veränderungen müssen ja nicht negativ sein… also, warten wir mal ab“.
Vorerst ist meine Geschichte hier zuende. Es gibt nur noch eine kurze Nachbetrachtung auf alles.
(Kommentare, Fragen und Anregungen unter gugamster@hotmail.com oder hier im Chat)



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