Die Jungs - Teil 3
- gert

- 27. Juni 2020
- 27 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug. 2021

Eine neue Welt
Die folgenden Tage kamen Albert und Antonia regelmäßig vormittags ins Krankenhaus. Sie fuhren jedes Mal mit der Bahn bis zur Station ‚Storting‘ und gingen von dort zu Fuß durch die Stadt. Albert hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, unterwegs an einem bestimmten Kiosk ‚Kvikk Lunch‘ oder andere Süßigkeiten für seinen Freund zu kaufen. Er wunderte sich dabei jedes Mal, dass Antonia nie etwas für ihren Sohn mitbringen wollte. Sie trottete mehr oder weniger schweigend hinter ihm her, überließ es ihm, den richtigen Weg zu finden, Fahrkarten zu kaufen und sie an der Rezeption des Rikshospitals anzumelden.
Das Personal kannte das ungleiche Paar inzwischen und die Schwestern und Pfleger begrüßten Albert mit einem vertraulichen „Hei“. Antonia versuchte nicht, die ihr so fremde Sprache zu verstehen oder gar zu sprechen. Sie lächelte nur.
Der Logopäde war bereits am ersten Tag nach der Operation bei Pino. Er hieß Gudmund und war ein sehr freundlicher, älterer, grauhaariger Herr, der zufällig mitbekam, als Albert und Pino sich in ihrer speziellen Gebärdensprache unterhielten. Die Zeichen sagten ihm gar nichts, aber er begriff sofort, dass zwischen den beiden Jungs eine ungewöhnliche Bindung bestand, die er unbedingt für seine Behandlung ausnutzen wollte. Ganz besonders fiel ihm auf, dass sein Patient sich sehr intensiv auf seine Freund konzentrieren konnte und kaum, dass er im Raum war, entspannt wirkte und versuchte, seine Lippen zu formen und Laute zu produzieren.
Gudmund hatte Schwierigkeiten damit, Pino dazu zu bringen, Wörter nachzusprechen. Kaum begann Albert langsam und in einer leiseren Tonlage mit seinem Freund zu sprechen, begann dieser zu lächeln, seinen Kehlkopf zu bewegen, den Mund zu öffnen und Laute nachzubilden.
Daraufhin beschränkte Gudmund sich darauf, mit Pino Atemübungen zu machen und Albert das Sprechen zu überlassen. Dieses Wechselspiel machte Pino riesigen Spaß und er war mit Feuereifer bei der Sache. Gudmund bestätigte später, dass die Mithilfe Alberts viele Wochen Therapie erspart hatte.
Die neue Welt der Geräusche empfand Pino in den ersten Tagen als schmerzhaft, und er hielt sich unbewusst immer mal wieder die Ohren zu, wenn sich zum Beispiel mehrere Menschen gleichzeitig unterhielten oder der Straßenlärm durch das offene Fenster zu ihm gelangte.
Albert sah meistens schon an Pinos Gesichtsausdruck, wenn es ihm zu laut wurde und legte dann automatisch seinen Zeigefinger an den Mund.
Antonia begann mehr und mehr zu verzweifeln, weil sie das Gefühl hatte, sich ihrem Sohn immer weiter zu entfremden. Er schien mehr daran interessiert zu sein, diese für sie barbarische Sprache lernen zu wollen, als seine Muttersprache jetzt auch aussprechen zu können. Sie hatte schon sechs Tage lang im Anschluss an die logopädischen Behandlung – an der sie nicht teilnehmen durfte – versucht, Pino dazu zu bringen „Mama“ und „grazie“ zu sagen. Er konnte oder wollte es nicht. Allerdings ‚Pino‘, ‚Albert‘ und ‚takk‘ kamen ihm fast fehlerfrei und verständlich über die Lippen.
Pino wusste durchaus, was seine Mutter von ihm wollte. Es war ihm einfach nicht wichtig. Es machte ihm gewaltige Mühe Laute zu formen. Seine Zunge und sein Gaumen wollten ihm nicht gehorchen. Zuerst mit Albert sprechen zu können und vor allem ihn richtig verstehen können war ihm wichtig. Es dauerte lange, bis er einzelnen Geräuschen auch ihren Ursprung zuordnen konnte. Da gab es angenehme Töne und unangenehme. Es gab Laute, die leicht zuzuordnen waren, andere erschreckten ihn und machten ihn nervös. Alberts Stimme war eindeutig angenehm, die seiner Mutter war schrill und tat ihm weh. Die Stimme von Gudmund war so tief, dass sie wie ein gleichförmiges Brummen klang, aber der Mann war nett.
Nach zehn Tagen kam für Pino der Entlassungstag aus dem Rikshospital. Zum ersten Mal hatte seine Mutter etwas mitgebracht, nicht für ihn aber für die Mitarbeiter der Station. Sie hatte eine italienische "Torta della Nonna“ (Mürbeteigkuchen mit Puddingcreme) gebacken, die ihr Sohn wahnsinnig gerne aß, aber diesmal nur sehnsüchtig anschauen durfte.
Pino hatte jeden Tag zusammen mit Albert einige Wörter trainiert, die er unbedingt zum Abschied sagen wollte: „Grazie di tutto“ und „Takk for alt“ (Danke für alles). Es fiel ihm schwer, aber am Ende schaffte er es klar und deutlich. Damit löste er spontanen Beifall bei den Schwestern und Christian aus, die sich auf dem Gang versammelt hatten, um Adjö zu sagen.
Pino ertrug tapfer den ungewohnten Lärm und Albert strahlte vor Stolz auf seinen Freund. Antonia bezog den Applaus irrtümlich auf sich und lächelte ebenfalls glücklich. Kurz bevor wir die Station endgültig verließen, gab es noch eine Reihe von Verhaltensmaßregeln und die Termine für die Nachuntersuchungen. Als wir bereits am Fahrstuhl standen, kam Christian noch einmal hinter uns her, nahm Pino beiseite und flüsterte ganz leise aber sehr akzentuiert und von Gebärden untermalt: „Mach’s gut mein Junge und bewahre Dir Deine Freundschaft zu Deinem Albert!“. Pino lächelte ihn an, formte die Lippen und sagte ebenso leise: „Albert“.
Das ärztliche Gutachten empfahl, dass Pino noch mindestens ein halbes Jahr in logopädischer Behandlung bleiben und extreme körperliche Anstrengungen vermeiden sollte. Einem normalen Schulbesuch stand aber nichts im Wege. Daher stimmte Antonia zu, dass ihr Sohn die nächsten Monate auf die Grundschule gehen konnte, die auch Albert besuchte. Sie selbst hielt es aber in dem, nach ihrer Ansicht, unzivilisierten, kulturlosen, unmoralischen und so schrecklich kalten Land nicht mehr aus und flog eine Woche später zurück nach Italien.
Pino hatte beim Abschied für einen kurzen Moment ein schlechtes Gewissen, weil er wusste, dass es ihm besser ging als seiner Mutter. Er ahnte auch, dass die Freundschaft zu Albert auch eine Freundschaft mit dem Land werden würde, das ihm sein Gehör geschenkt hatte.
Er fühlte sich einfach wohl mit den Menschen, die ihn beachteten und zurückhaltend aber lieb mit ihm umgingen. Seine neuen Mitschüler waren respektvoll und neugierig zugleich. Die Lehrerin war so ganz anders als die Lehrer in Italien. Sie wollte ihn wirklich verstehen und manchmal schien es ihm, als kümmerten sie sich nur um ihn. So etwas hatte er bisher noch nicht erlebt.
Den ersten norwegischen Schultag gemeinsam mit Albert würde er sein ganzes Leben lang nicht vergessen. Abgesehen davon, dass er von Kjell eine riesige Dose mit verschiedenen köstlichen Schulbroten, einer Apfelsine und einem ‚Kvikk Lunch‘ mitbekommen hatte, wurde er in der Klasse mit einem von den Kindern gemaltem Plakat begrüßt: „Velkommen til Norge, Pino!“
Ob es nun daran lag, dass die Lehrerin die Kinder ausführlich auf Pino und seine Behinderung vorbereitet hatte, oder weil Albert unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er in Zukunft auf Pino aufpassen werde, konnte im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden. Auf jeden Fall gab es keine abfälligen Bemerkungen oder Gerede hinter seinem Rücken. Alle Mitschüler gaben sich Mühe, Pino rücksichtsvoll zu behandeln und ihm beim Lernen der Sprache zu helfen.
Albert übte jeden Tag das Sprechen mit seinem Freund. Manchmal zogen sie sich in seinen ‚heimlichen Raum‘ zurück, manchmal saßen sie abends noch wach im Bett, sahen sich gegenseitig an, machten Atemübungen und formten Wörter und Sätze. Hin und wieder sah man sie irgendwo im Wald auf einem Baumstamm sitzen und sich quasi gegenseitig anbrüllen, wobei sie fast jedes Mal nach kurzer Zeit in unbändiges Gelächter ausbrachen.
Als Antonia und Luca einen Tag vor Weihnachten nach Bjørnstangen kamen, um das Weihnachtsfest gemeinsam mit ihrem Sohn zu feiern, machte Pino den Fehler sie erst auf Norwegisch zu begrüßen, bevor er die ersten italienischen Worte formte, die ihm wesentlich schwerer fielen. Antonia war entsetzt und fühlte sich in ihrem Misstrauen gegenüber dem fremden Land bestärkt. Luca freute sich hingegen riesig über die Fortschritte seines Sohnes und weinte vor Freude.
Pino hatte schnell gelernt, beide Sprachen lautmäßig voneinander zu trennen und seinem Gegenüber die ihm unbekannten Wörter von den Lippen abzulesen und dann nachzusprechen. Eine Methode, die seinen Wortschatz sehr schnell vergrößerte. Lärm aus verschiedenen Quellen war ihm immer noch unangenehm. Auch mehrere Menschen, die sich gleichzeitig unterhielten, machten ihn unsicher.
Einerseits genoss Pino es, dass seine Eltern ein paar Dinge mitbrachten, die für ihn zu einem vertrauten, italienischen Weihnachtsfest gehörten. Andererseits fühlte er sich mit den norwegischen Traditionen sehr wohl. Besonders gut gefielen ihm die vielen verschiedenen Lichter, die „lustigen Weihnachtsmannfiguren“ und, dass man sich am Heiligen Abend die Geschenke überreichte. In Italien geschah das erst am ersten Weihnachtstag.
Bjørn und Roberto hatten außer uns noch Jerry und Morten eingeladen. Wir hatten natürlich alle kleine Geschenke für die beiden Jungs. Für Albert war das ein Grund, dass er „seine Onkel“ ganz besonders liebte. Pino war so überwältigt, dass seine Eltern auch an diesem Abend große Mühe hatten, seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
Jerry und Pino hatten einen Narren an einander gefressen. Jerry machte den ganzen Abend über Faxen und balgte sich mit Pino im Schnee. Antonia verfolgte das Geschehen mit Argwohn, denn sie befürchtete, die frisch operierten Ohren könnten Schaden nehmen. Irgendwann nahm sie Bjørn zur Seite und meinte, er müsse seinen Freund „zügeln“. Wieder schaffte es Roberto, Antonia zu beruhigen und sie behutsam darauf aufmerksam zu machen, wie glücklich Pino sei, und wie wichtig für ihn diese Art der Bestätigung sei, die er in dieser Form all die Jahre vorher nicht bekommen hatte.
Die „Onkel“ hatten ihren Spaß, unterhielten sich lebhaft und nahmen kein Blatt vor den Mund, wenn es um Themen wie „Männer“ und „Liebe“ ging. Schließlich kannten sie sich so viele Jahre und hatte bisher keine Tabus unter einander. Albert saß auf Gus‘ Schoß und Pino auf Jerrys. Beide verfolgten die Gespräche neugierig, wobei Albert immer wieder meinte, für Pino in ‚seine‘ Gebärdensprache übersetzen zu müssen.
Antonia und Luca fühlten sich deutlich ausgeschlossen und da half es auch nicht, wenn Roberto hin und wieder versuchte, ein belangloses Gespräch mit ihnen zu beginnen.
Als Pino müde wurde, wollte Antonia ihren Sohn zur Feier des Tages selbst ins Bett bringen. Sie folgte also Albert und Pino nach oben. Dort wartete sie im Kinderzimmer, bis beide Jungs ihre Zähne geputzt hatten. Als beide nur mit Unterhose bekleidet ins Zimmer kamen, meinte sie, sie sollten sich schnellsten etwas überziehen, so liefe man als ‚großer‘ Junge doch nicht rum.
„Wieso?“, fragte Albert lapidar und fasste Antonias Bemerkung eher als Scherz auf.
„Das gehört sich nicht“, kam es streng von Antonia. Gleich darauf wollte sie von Pino wissen, wo sein Schlafanzug sei. Er schüttelte mit dem Kopf und bedeutete ihr, dass er nie einen Schlafanzug benutze. Antonia war über diese Antwort so konsterniert, dass sie die Kleiderschranktür aufriss, die Sachen nach dem Schlafanzug durchwühlte und ihn dann wütend auf Pinos Bett warf. „Den ziehst Du jetzt an! Und damit Schluss!“ Völlig aufgebracht stürmte sie aus dem Zimmer und die Treppe hinab. Im Wohnzimmer entlud sich dann eine Tirade italienischer Vorwürfe und Beschimpfungen über ihren Mann, der sich offenbar weigerte, seinen Sohn dafür zu bestrafen, dass er keinen Schlafanzug trug… schon gar nicht an Weihnachten.
Ihm war der Auftritt seiner Frau peinlich und er entschuldigte sich leise bei Roberto und Bjørn. Dann nahm er seine Frau in den Arm und ging mit ihr ins Gästezimmer im Brygghus.
Wir diskutierten noch bis tief in die Nacht über Kultur- und Mentalitätsunterschiede zwischen Italien und Norwegen.
Pino war durch den Wutausbruch seiner Mutter ein bisschen der Schreck in die Glieder gefahren, aber er hatte ihn nicht so beeindruckt, dass er nicht so wie immer zu Albert unter die Decke kroch und sich ganz fest an ihn schmiegte. Albert nahm wie immer seine Hand und spielte ein bisschen mit seinen Fingern. In dieser Nacht ging es jedoch weiter.
Der zweite Weihnachtstag wurde ein hektischer Tag für Pino und Albert. Schon sehr früh am Morgen brachen Antonia und Luca zum Flughafen auf. Der Abschied von ihrem Sohn war zwar sehr herzlich aber voll von Ermahnungen und letzten guten Ratschlägen, wie er in diesem kalten, unwirtlichen Land am besten überleben könne.
Nach dem Mittag brachen dann fast alle Bewohner von Bjørnstangen auf, um nach Bergstad-Gård zu fahren oder zu laufen. Onkel Tinus hatte alle seine Freunde von nah und fern zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Für die beiden Jungs bedeutete das zum einen die Chance auf noch mehr Geschenke und zum anderen einen lustigen und spannenden Nachmittag und Abend mit all den merkwürdigen und spaßigen Onkels, die sie ja fast alle kannten.
Albert hatte darauf bestanden, seine Bunad (norwegische Nationaltracht) anzuziehen und fand, dass es dem festlich Anlass nur angemessen sei, wenn auch Pino einen Anzug trüge. Da der so etwas nicht besaß, legte ihm Albert seinen besten raus und prüfte eingehend, ob er Pino auch stehen würde.
Da die Zeit etwas drängte, gingen die beiden Jungs vorm Umziehen gemeinsam mit ihren Pflegevätern ins Bad. Während die sich nackt vorm Spiegel rasierten, tobten die beiden Jungs in der Badewanne.
Seit der letzten Nacht sahen die zwei Jungs sich etwas anders an. Beide merkten, dass sie der Anblick des nackten Körpers des jeweils anderen erregte. Das war so bisher noch nie gewesen.
Albert war überrascht, dass sein Pflegevater ihn an diesem Tag nicht abtrocknen wollte, machte sich darüber aber weiter keine Gedanken und genoss es, sich ungestört mit Pino beschäftigen zu können.
Als der voll besetzte Pferdeschlitten auf den Hof Bergstad einbog, wurden Pinos Augen immer größer und er staunte über den riesigen, beleuchteten Weihnachtsbaum vorm Haus und all die erleuchteten Fenster mit dem Weihnachtsschmuck.
Albert kannte das alles. Er war ja hier auch geboren, und Bergstad-Gård war ihm mindestens so vertraut wir Bjørnstangen. So hielt er lieber Ausschau nach Leuten, die er kannte.
Als erstes entdeckte er Onkel Karl, der ihn besonders faszinierte, weil er auch mal so viele Muskeln haben wollte wie er. Karl winkte ihnen zu und kam ihnen entgegen. Er breitete die Arme aus und fing Albert auf, der vor lauter Begeisterung fast vom Schlitten gefallen wäre.
„Na, Champion? Was macht das Judo?“
„Ich habe viel gelernt“, sagte Albert stolz. „Soll ich’s Dir zeigen?“, dabei ging er in die typische Grundposition der Judokämpfer und freute sich riesig, dass sein Gegenüber dasselbe tat. Trotzdem Alberts Griff ins Leere ging, lies sich Karl auf den Rücken in den Schnee fallen, packte Albert, warf ihn hoch, nur um ihn gleich wieder aufzufangen.
„Ehy, Du bist mir jetzt bald zu schwer und zu gefährlich“, lachte Karl und stellte den juchzenden Albert wieder auf die Füße.
Pino bewunderte seinen Albert mal wieder für seine tollen Freunde. So jemanden wie diesen Karl hätte er in Italien zum Freund haben wollen. Plötzlich entdeckte er zwei bekannte Gesichter. Onkel Andrea Caroli und sein Freund Enrico waren auch da. Sie kamen gerade aus dem Klubhaus, als Karl in den Schnee fiel. Beide schienen sich wirklich zu freuen ihn zu sehen. Als sie mit unbeholfenen Gebärden etwas sagen wollte, grinste Pino und sagte laut und deutlich: „Ich kann hören“. Andrea nahm ihn spontan in den Arm, hob ihn hoch und rief: „Oh, Tesoro che bello“.
Im großen Wohnzimmer des Haupthauses war eine lange Tafel gedeckt und Pino staunte an der Hand von Andrea über die vielen Kerzen, die grünen Mistelzweige mit den roten Äpfeln und die vielen drolligen Zwerge-Figuren mit den roten Jacken und Mützen.
Onkel Tinus, den Pino schon einmal vorher kurz getroffen hatte und sehr nett fand, zeigte den beiden Jungs, wo sie sitzen sollten. Dagegen protestierte Albert allerdings heftig. Er wollte unbedingt neben seinem Pino sitzen, denn schließlich würde der seiner Übersetzungen und Erklärungen bedürfen. Ganz abgesehen davon, wollte er aber auch Pino neben sich spüren.
Nach dem Essen hielt Tinus eine Rede, die von den Gästen mit lautem Beifall bedacht wurde. Pino hatte bisher an diesem Tag Lärm und die vielen Gespräche gut verkraftet. Jetzt wurde er müde und das plötzliche Getöse tat ihm in den Ohren weh. Er versuchte sich die Ohren zuzuhalten, aber das brachte nicht viel. Albert hatte das sofort erkannt, legte seine Arme schützend um seinen Kopf und gab ihm ein Zeichen, dass sie nach oben in sein altes Kinderzimmer gehen sollten, in dem er immerhin fast zehn Jahre seines Lebens verbracht hatte. Dort stand noch sein altes Kinderbett und es war gemütlich warm.
So schlichen die beiden sich fort, ohne dass jemand davon Notiz nahm.
Erst etwa eine Stunde nachdem Albert und Pino ins Bett gegangen waren, wollte Bjørn wissen, wo die Jungs abgeblieben seien. Als er oben auf dem Flur stand, meinte er, aus dem Kinderzimmer abwechselnd ein leises Wimmern und ein Kichern zu hören. Da er vermutete, einer der Jungs habe einen Albtraum, öffnete er vorsichtig die Tür und betrachtete überrascht und etwas belustigt die Szene, sagte nichts und zog sich leise wieder zurück.
„Na, was war denn los?“, fragte Roberto.
„Eigentlich nichts… die beiden haben bloß herausgefunden, dass man mit den kleinen Schwänzchen mehr machen kann als nur pinkeln. Wenn das allerdings rauskommt, ist es aus mit der Pflegschaft für Albert, und Pino landet in einem katholischen Erziehungsheim“.
„Was willst Du tun?“
„Ich weiß nicht recht“.
„Tu nichts! Du kannst Deinem ‚Sohn‘ nicht verbieten, das Schönste im Leben zu ergründen, und Pino die vielleicht glücklichste Zeit in seinem Leben kaputt machen“, Roberto sah seinen Mann eindringlich an.
„Ich werde die beiden nicht auseinander bringen. Ich glaube allerdings, wir müssen uns die beiden morgen noch einmal vornehmen und ihnen einimpfen, dass ihre Beziehung und das, was hier zuhause vorgeht niemanden etwas angeht. Wir müssen Albert die Konsequenzen für unbedachtes Quasseln drastisch darstellen“, erwiderte Bjørn.
Am nächsten Morgen tobten die beiden Jungs bereits in aller Herrgottsfrühe durchs Haus und spielten auf dem Flur mit ihren Geschenken. Kjell freute sich, dass die beiden immer wieder bei ihm in der Küche auftauchten und glaubten, er merke nicht, dass sie Weihnachtskekse vom Küchentisch klauten.
Als Bjørn und Robert verschlafen in die Küche kamen, um ihrer ersten Kaffee zu trinken, kamen Pino und Albert angerannt und schwangen sich neben sie auf die Küchenstühle.
„Papa?“
„Ja?“
„Ist das Weiße, was da manchmal aus meinem Pullermann kommt, schlimm?“
„Schlimm? Wieso?“
„Na ja, sonst kommt da ja nur gelbes Wasser“.
„Schatz, das ‚Weiße‘ ist etwas sehr Schönes, heißt Sperma und geht nur Dich und Deinen Freund oder später vielleicht mal Deine Freundin etwas an. Es kommt ja auch nur, wenn Du es willst. Pinkeln kannst Du nicht verhindern“.
Albert schaute erst seinen Pflegevater und dann Pino sehr nachdenklich an und sagte, ganz gegen seine Gewohnheit, nichts.
Pino grinste und formulierte klar und deutlich: „Das macht Spaß“.
„Jungs! Denkt bitte daran, darüber spricht man nicht mit Fremden. Hier zuhause können wir immer über alles reden, aber in der Schule oder bei anderen Leuten, geht das niemanden etwas an…klar?“
„Also, ist es doch schlimm…“.
„Nein, Schatz… es ist nicht ‚schlimm‘ nur sehr persönlich… und manche Menschen finden es nicht gut, wenn kleine Jungs über so etwas sprechen. Sie werden dann sauer und manchmal sogar böse. Ich kann dagegen leider gar nichts machen“.
„Stimmt es, dass Jungs ihren Pullermann nicht in andere Jungs stecken dürfen?“
„Wo hast Du das denn schon wieder her?“
„Das hat Pinos Mama gesagt“.
„So, hat sie das?“
„Das hat sie bestimmt nur gesagt, weil es in Italien ganz viele Leute gibt, die das glauben. Hier bei uns in Norwegen interessiert das die meisten Menschen nicht. Aber es gibt auch bei uns einige, die böse werden, wenn man über so etwas redet“.
„Aber Du und Roberto und Onkel Walter und Onkel Gus Ihr macht das doch auch…warum?“.
„Weil wir uns sehr, sehr gerne haben“.
„Aber warum darf man nicht darüber reden, was man macht, wenn man sich gerne hat?“
„Vielleicht weil es ein ganz tolles Geheimnis ist, wenn man sich ganz doll lieb hat. Du erzählst ja auch nicht jedem, wie stark Du wirklich bist. Manche Leute sehen es und manche spüren es, aber Du redest nicht darüber“.
„Ja OK, dann bleibt es also ein Geheimnis zwischen mir und Pino, dass ich ihn lieber habe als alle anderen Menschen auf der Welt…“.
Bjørn lachte, strich seinem Pflegesohn über den Kopf und erwiderte: „Lieber als mich? Na ja, damit muss ich mich wohl abfinden… aber das bleibt dann auch unser Geheimnis“.
Albert wurde etwas verlegen und schaute Bjørn verunsichert an: „Nein, nein… Dich und Onkel Roberto habe ich auch sehr lieb, aber eben anders… also… das ist irgendwie kein Geheimnis“.
„Und dabei lassen wir es auch. Wir haben Dich immer lieb egal, ob Du uns in Deine Geheimnisse einweihst oder nicht, und alle Menschen, die Du gerne hast, haben wir auch gerne… versprochen“.
Pino hatte die Unterhaltung aufmerksam verfolgt und schien fast alles verstanden zu haben. Plötzlich wirkte es so, als habe er eine Entscheidung getroffen und er artikulierte deutlich: „Albert ist mein Geheimnis“.
Bjørn und Roberto schmunzelten und freuten sich über die schnellen Fortschritte, die Pino beim Sprechen machte. Ein bisschen sorgenvoll betrachteten sie die Zukunft der beiden Jungs. Wie sollte das ausgehen, wenn sie sich schon so früh so fest an einander banden. Würde ihnen nicht die Möglichkeit fehlen, sich in verschiedenen Beziehungen auszuprobieren und unterschiedliche Charaktere kennenzulernen. Würden sie in der Lage sein andere Freundschaften aufzubauen?
Sie beschlossen abzuwarten und sich erstmal nicht weiter einzumischen.
Obwohl sie mit dem Thema die nächsten Wochen, Monate und Jahre immer wieder konfrontiert wurden, änderten sie ihre Einstellung dazu nie.
Die beiden Jungs waren wach geworden. Entweder war es der Schneesturm, der draußen wütete oder wir waren zu laut, als wir es uns im Schlafzimmer von Tinus noch ein bisschen gemütlich gemacht hatten. Jedenfalls beschloss Albert, seinen Papa zu bitten, noch eine Geschichte zu erzählen und Pino hatte auch noch eine dringende Frage auf dem Herzen. Also blieb Bjørn nichts anderes übrig, als sich einen Bademantel überzuwerfen, der gerade noch rechtzeitig seine Körpermitte verdeckte, bevor Albert den steifen „Pullermann“ seines ‚Papas‘ kommentieren konnte.
Er setzte sich neben Alberts altes Kinderbett und erzählte eine spontan erfundene Geschichte von Trollen im Schneesturm. Als er gerade glaubte, die beiden seien müde genug, dass er sich zurückziehen könnte, fragte Pino etwas schwerfällig aber hoch konzentriert:
„Wird Dein… Pullermann auch… größer, wenn… wenn Du… ihn anfasst?“
„Manchmal ja… warum?“
„Ich finde das ganz toll… meiner wird ganz groß… größer… als… der… von Albert“.
„Das kann sein, aber Du solltest das für Dich behalten. Das geht andere Leute nichts an“.
„Ja, das weiß ich. Ich wollte… auch…nur wissen, ob das …normal ist“.
Bjørn lachte: „Ja natürlich ist das normal“.
„Aber Deiner ist doch schon so groß… wird… der denn… noch größer?“
„Ja, er wird größer und härter“.
„Warum?“
„Weil ein Mann dann leichter einer Frau Kinder machen kann“.
„Ach so… und Du… kannst dann leichter Onkel Roberto Kinder machen?“.
„Nein, Schatz, das geht nicht“.
„Aber Albert hat gesagt,… ihr macht das wie… Mann und Frau“.
„Da hat Albert recht, aber zum Kindermachen braucht man eine Frau. So jetzt schlaft schön. Morgen reden wir weiter“.
Albert hatte aufmerksam zugehört. „Warum steckst Du Deinen Pimmel bei Roberto rein?“
„Schatz,… weil es uns Spaß macht und wir uns sehr, sehr gern haben. Das ist bei allen Menschen so, egal ob Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau“.
„Das ist gut… ich habe Pino auch sehr, sehr gern…“.
Bjørn war für einen Moment etwas sprachlos, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass die beiden Jungs bereits über die Phase des Erkundens, Versuchens und Ausprobierens hinaus gekommen waren. Er dachte kurz an seine eigene Kindheit, in der er mit 12 sich zwar wunderte, dass ihn nackte Männer sehr aufregten, und er auch versuchte seinen Schwanz jeden Tag etwas härter und länger zu bekommen, aber sich noch nicht vorstellen konnte, was körperliche Nähe zu einem anderen Jungen mit Zuneigung zu tun haben könnte.
„So, jetzt ist aber Schluss“. Bjørn gab beiden einen Kuss auf die Stirn, steckte noch einmal die Decke fest und sagte gute Nacht.
Als er rausging, hörte er Pino flüstern: „Dein Papa hat aber einen großen Pullermann“.
„Ja, aber der von Onkel Tinus ist viel, viel, viel größer“.
Das war eine unbestreitbare Tatsache. Allerdings war es Bjørn völlig schleierhaft, wie Albert zu dieser Erkenntnis gekommen war. Seines Wissens hatte Albert noch nie Gelegenheit gehabt, Tinus nackt zu sehen.
Bjørn wusste, dass Albert ein neugieriger und wissbegieriger Junge war. Seine Lehrerin hatte ihm mehrfach eine überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigt. Wie weit diese Neugier ging, erfuhr er bereits am nächsten Morgen, als er Pino und Albert in aller Frühe im Wohnzimmer beim Schachspielen antraf. Sie waren bereits angezogen und saßen sich hoch konzentriert mit leicht roten Köpfen gegenüber. Es stand wieder einmal Remi.
„Guten Morgen Ihr beiden! Habt Ihr gut geschlafen?“
„Ja, sehr gut. Was machen wir heute?“
„Erstmal wollen wir frühstücken und dann fahren wir nach Bjørnstangen zurück“.
„Kommt Onkel Tinus auch mit?“
„Ich glaube nicht, wieso?“
„Ich dachte… weil Ihr doch alle in einem Bett geschlafen habt“.
„Moment mal… woher weißt Du das schon wieder?“
„Ich wollte vorhin gucken, ob Ihr schon wach seid und habe Euch alle in Onkel Tinus‘ Bett gesehen“.
„Wann, vorhin?“
„Na ja… also… vorhin halt… als ich Pippi gemacht habe“.
Bjørn lief es heiß und kalt den Rücken runter, und er traute sich nicht, weiter nachzubohren.
„Was habt Ihr denn draußen gemacht?“
„Wir haben nur mal eben geguckt, ob Eure Freunde schon wach sind“.
„Und? Waren sie?“
„Erik, Karl, Jacob und Jerry haben auch in einem Bett gelegen… so wie Ihr und haben geschlafen“.
„Ach so… sonst war nichts?“, fragte Bjørn misstrauisch vorsichtig.
„Nö… eigentlich nicht“.
„Eigentlich?...“.
„Na ja… also… Pino wollte wissen, ob Onkel Karl krank ist“.
„Krank?“
„Na ja, er sieht da wo der Pimmel ist so komisch aus“.
Bjørn wurde erst ein bisschen blass und dann rot.
„Das ist bei jedem Mann anders… also, Onkel Karl ist bestimmt nicht krank. So, Schatz, jetzt räumt das Schachbrett weg und dann ab in die Küche… und nehmt Eure Tassen mit“.
Allmählich fing Bjørn an, sich ernstlich Sorgen zu machen. Sollten Albert oder Pino mit ihren Geschichten in der Schule hausieren gehen, würde man ihn und Roberto wegen sämtlicher Schlechtigkeiten dieser Welt verantwortlich machen, und er sah sich bereits von ultra konservativen Moralisten von Haus und Hof gejagt. Er hoffte zwar, dass Albert begriffen hatte, dass es bestimmte persönliche Dinge gab, die eben ein ‚Geheimnis‘ bleiben sollten, weil ansonsten die Missverständnisse nicht mehr auszuräumen waren. Aber ob das bei seiner unbekümmerten, spontanen Art für ihn durchzuhalten war, daran zweifelte Bjørn. Eine Flucht nach vorn – also eine Diskussion mit Schule und Jugendamt über liberale Erziehungsmethoden – schloss er aus. Verbote und Strafandrohungen waren ebenso völlig undenkbar für ihn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als an Alberts Verstand zu appellieren. Er musste einfach begreifen, dass das Privatleben auf Bjørnstangen und Bergstad kein Thema für andere Leute sein durfte.
Gleichzeitig wollte Bjørn aber auch nicht Alberts Neugier noch mehr dadurch wecken, dass er zu oft auf das Thema zu sprechen kam und es damit für Albert erst richtig interessant machte.
Die beiden Jungs stürmten gleich nach dem Frühstück raus in den Schnee. Sie waren vollkommen aus dem Häuschen, als ihre beiden Helden Karl und Jerry, sich auf eine Schneeballschlacht einließen und anschließend mit ihnen gemeinsam einen riesigen Schneemann neben die Eingangstür bauten.
Albert konnte auch später nie sagen, was ihn an Karl und Jerry so begeisterte. Er wusste nicht, ob es die enormen Muskeln der beiden waren, ihre fröhliche Art oder einfach die Sicherheit, die sie ausstrahlten. Pino war eindeutig fasziniert von der Andersartigkeit der beiden. Er sah sich ein bisschen selbst als „anders“ und malte sich aus, wie es wohl sein müsste, als Schwarzer – so wie Jerry – in einem Land mit fast nur weißen Menschen zu leben, oder ob Karl sich schämen würde, so einen ungewöhnlichen ‚Pullermann‘ zu haben. Pino wollte selbst so schnell wie möglich wie die anderen werden. Man sah ihm seine Behinderung nicht an, und das nahm er als gute Voraussetzung. Karl und Jerry schien es überhaupt nicht zu stören, dass sie sich von anderen unterschieden. Er wollte sich nicht mehr unterscheiden. Dafür hatte er die ersten Jahre seines Lebens unter dem ‚Anderssein‘ viel zu viel gelitten.
Als die beiden Jungs abends wieder in ihrem Zimmer auf Bjørnstangen saßen, ließen sie die beiden spannenden Tage auf Bergstad-Gård noch einmal Revue passieren und waren sich am Ende einig, dass „Anderssein“ eigentlich gar nicht schlimm war … und …, dass alle Freunde von Roberto und Bjørn ganz „toll“ seien… und davon die tollsten halt Jerry, Karl und Tinus.
Im Februar des neuen Jahres hatte Bjørn ein langes Gespräch mit der Lehrerin von Albert und Bjørn. In diesem Jahr würde ein Schulwechsel für Albert anstehen, darüber hinaus wollte er im Namen von Antonia und Luca etwas über die Fortschritte und Leistungen von Pino erfahren. Es war vereinbart, dass Pino nach Beendigung der logopädischen Behandlung und nach Abschluss des Schuljahres im Sommer wieder in Italien zur Schule gehen und später dort vielleicht sein Abitur machen sollte. Seine Leistungen waren so hervorragend, dass dem nichts im Wege stand. Für Albert empfahl seine Lehrerin, er solle eine Klassenstufe überspringen, da sie schon jetzt den Eindruck habe, der Lehrstoff unterfordere ihn und es gäbe Tage, an denen er sich regelrecht in der Schule langweile.
Bjørn wollte sich diesen Vorschlag überlegen, hielt aber im Prinzip nichts davon, da er befürchtete, Albert damit einen Teil seiner Kindheit zu rauben.
Am Ende des Gesprächs versuchte Bjørn noch vorsichtig herauszufinden, ob Albert in irgendeiner Form durch seine sexuelle Entwicklung auffällig geworden war.
„Sag mal (das ‚Du‘ auch gegenüber Lehrern ist in Norwegen normal), hast Du auch den Eindruck, dass Albert im letzten Jahr besonders reif geworden ist?"
„Ja, ich denke, seit er sich um Pino kümmert, ist er verantwortungsbewusster geworden. Na ja, und körperlich hat er einen enormen Sprung gemacht. Er achtet seit einigen Monaten auch mehr auf seine Sprache und phantasiert nicht mehr so viel“.
„Oh, ist Dir da etwas besonders aufgefallen?“
„Albert hat sich immer gern Geschichten ausgedacht, mit denen er die anderen Kinder fasziniert hat. Ich halte das für eine Begabung, die man nicht unterdrücken sollte. Seine Aufsätze sind eine Freude zu lesen“.
„Ich freue mich jedenfalls, dass Albert den Tod seiner Eltern so gut verkraftet hat, und wir wollen ihn auch in Zukunft in jeder Hinsicht fördern. Ich hoffe wir kommen gut über die schwierige Zeit der Pubertät“.
„Da habe ich überhaupt keine Zweifel. Robert und Du macht das hervorragend. Albert macht auf mich den Eindruck eines sehr ausgeglichenen und glücklichen Kindes“.
„Das freut mich zu hören“.
Bjørn war erleichtert, dass seine Befürchtungen sich nicht bewahrheitet hatten und Alberts Entwicklung einen so positiven Verlauf nahm.
Das Frühjahr verbrachten die beiden Jungs damit, sich von Ruben und Magne noch mehr über Gemüseanbau und Milchwirtschaft erklären zu lassen. Pino wollte unbedingt bei jeder Geburt eines Kalbes dabei sein und kümmerte sich jetzt täglich um „Pekka“, den Fjording-Hengst, der allmählich altersschwach wurde. Albert ließ sich den neuen Traktor erklären, den Bjørn in London gekauft hatte und bettelte so lange, bis er ihn endlich einmal auf dem Feld fahren durfte.
Nach einem langen Schultag und teilweise anstrengender Arbeit im Kuhstall und dem Feld waren die Jungs abends manchmal so müde, dass sie es gerade noch schafften die Zähne zu putzen und dann völlig erschöpft ins Bett fielen.
Kjell bemerkte eines Morgens nebenbei, dass es doch eigentlich sinnlos sei, das zweite Bett in Alberts Zimmer jede Woche neu zu beziehen, obwohl es doch nie benutzt werde. Daraufhin fragte Bjørn die beiden Jungs, was sie davon hielten. Alberts typisch pragmatische Antwort war: „Es kann doch einfach dort stehen. Wenn Antonia mal wieder zu Besuch kommt, ist sie bloß wieder viel zu aufgeregt, wenn Pino kein eigenes Bett hat…“. Damit war das Thema erledigt und das zweite Bett in Alberts Zimmer staubte mehr und mehr ein.
Mitte Juni begann dann ein Drama, das das zukünftige Leben von Pino und Albert nachhaltig prägen sollte.
Bjørn hatte mit Antonia und Luca vereinbart, dass Pino zum Beginn der norwegischen Sommerferien nach Italien zurückkehren sollte, um dann im Herbst dort weiter zur Schule zu gehen. Albert hatte er versprochen, dass sie zwei Wochen im September Urlaub in Andreas Ferienhaus verbringen würden und er jederzeit mit Pino telefonieren dürfe.
Weder Pino noch Albert konnten dieser Lösung etwas abgewinnen. Je näher der Tag des Abschieds kam, desto nervöser wurden beide Jungs. Sie aßen beide schlecht, wollten kaum mit jemandem reden und das Interesse für Tiere und Technik nahm rapide ab. Sie zogen sich oft stundenlang bei schönstem Wetter in ihren ‚heimlichen Raum‘ zurück oder gingen abends schon vor dem Abendbrot ins Bett.
Am Tage der Abreise sprachen beide überhaupt kein Wort mehr mit Roberto und Bjørn. Die Tränen flossen bei beiden beinahe unablässig. Bjørn bemühte sich redlich zu trösten. Es gelang ihm nicht.
Schweigend winkten sich die beiden Jungs am Flughafen nach, als Pino an der Hand einer SAS-Angestellten in den Abflugbereich verschwand.
Pino war in seine Gebärdensprache zurückverfallen, als ihn seine Eltern in Nizza vom Airport abholten. Er weigerte sich strikt auch nur ein Wort zu reden. Als sie zuhause ankamen, warteten einige Verwandte und seine kleine Schwester auf ihn. Er würdigte sie kaum eines Blickes, sondern ging sofort auf Toilette und erbrach sich. Seine Mutter entschuldigte das mit dem Klimawechsel und einer ‚Flugkrankheit‘. Luca ahnte, dass es so einfach nicht war.
Pino setzte sich sofort hin und schrieb einen Brief an Albert. Er machte es heimlich, denn er wusste, dass seiner Mutter seine Freundschaft zu Albert nicht passte. Anschließend ging er zu Carolis, denn Andrea und Enrico waren für ihn quasi die Verbindung zu seinem so innig geliebten Freund.
Antonia hatte gehofft, dass Pino sich schnell wieder eingewöhnen werde, wenn sie möglichst viele seiner Lieblingsgerichte kochen würde. Sie war nach einigen Tagen jedoch so besorgt um ihren Sohn, dass sie den Arzt des Dorfes bat, sich Pino anzuschauen. ‚Doctore‘ Fredo war ein kluger und verständiger Mann, der sofort erkannte, dass Pino ausschließlich psychisch litt. Der Junge sprach auch mit ihm wenig, aber er mochte den ‚Doctore‘ und erzählte ihm nach und nach von Albert und Norwegen.
Dr. Fredo äußerte seine Befürchtung, dass Pinos Aufenthalt in Norwegen vielleicht etwas zu früh und zu plötzlich abgebrochen worden sei. Mehr um Antonia zu beruhigen, verschrieb er Pino ein paar harmlose Pillen, die angeblich seine Stimmung verbessern sollten.
Die Wirkung war gleich Null. Pino erbrach sich fast jeden Tag und nahm drastisch an Gewicht ab.
Die Schulleitung der weiterführenden Schule schlug Luca in einem Gespräch vor, Pino erst einmal wieder in die Förderschule zu schicken, da er für ihren Schulbetrieb zu ‚verstockt‘ und zu wenig ‚lernwillig‘ sei. Die Einschätzung ihrer norwegischen Kollegen konnten sie überhaupt nicht nachvollziehen. Sie hielten Pino für ‚minderbegabt‘ und durch seinen Gehörschaden dauerhaft behindert.
Als Andrea das erfuhr, lud er Luca auf ein Glas Wein zu sich ein und sagte ihm behutsam aber bestimmt seine Meinung. Er malte ihm aus, wie Pino langsam aber sicher körperlich und geistig verkümmern würde und aus seiner Sicht keine Zukunft in seinem elterlichen Betrieb hätte. Er sähe nur eine Möglichkeit, Pino müsse so schnell wie möglich wieder zurück nach Norwegen und dort auf jeden Fall seine Schulbildung beenden.
Als Luca seiner Frau von diesem Gespräch berichtete, klagte sie weinend, dass sie das alles vorausgesehen habe und von Anfang an gegen die Operation und den Aufenthalt in diesem ‚schrecklichen‘ Land gewesen sei. Die Norweger hätten ihr ihren Sohn genommen und sie werde das nie verzeihen. Luca gab zu bedenken, dass sie auch daran denken solle, wie glücklich Pino nach der Operation gewesen sei, und er schließlich schon in wenigen Jahren erwachsen sei und dann selbst entscheiden könne, was gut und schlecht für ihn sei.
Auf Bjørnstangen spielte sich Ähnliches ab. Albert war schweigsam geworden und verweigerte an einigen Tagen komplett das Essen. Auch er nahm ab. Viel schlimmer war jedoch, dass seine schulischen Leistungen so dramatisch nachließen, dass seine Lehrerin sich veranlasst sah, Bjørn darauf hinzuweisen, dass sie solche auffallenden Verhaltensänderungen der für die Pflegschaft zuständigen Sachbearbeiterin beim Jugendamt mitteilen müsse.
Ich kannte die Dame gut und konnte sie dazu bringen, keine voreiligen Entscheidungen zu treffen. Spätestens bis zu den Weihnachtsferien wollte ich mit Hilfe von Andrea versuchen, das Problem im Sinne aller zu lösen. Mir war bewusst, dass es schwierig werden würde, aber den beiden Jungs zu Liebe war es einen Versuch wert. Dass es dann doch schneller ging, war nicht mein Verdienst.
Mein Vorschlag war, Pino sollte seine Schulausbildung und die logopädische Behandlung in Norwegen fortsetzen. Hätte er Heimweh könne er jederzeit nach Italien reisen. Die Kosten für seinen Lebensunterhalt würden Bjørn und Roberto übernehmen. Beziehungsweise sollte das Geld, was aus unserer Spendenaktion noch übrig war, Pino für sein Leben in Norwegen zur Verfügung stehen.
Ich hoffte auf die Einsicht von Antonia und Luca und bat Andrea uns zu unterstützen.
An dem Tag als Antonia endlich ihren Widerstand aufgab und ihrem Sohn sagte, dass sie nichts mehr dagegen habe, wenn er zurück nach Norwegen ziehen und dort zur Schule gehen wolle, stand innerhalb kürzester Zeit nicht nur Pinos Zuhause auf dem Kopf, sondern das ganze Dorf musste an seiner Freude teilhaben.
Ganz gegen seine Gewohnheit fiel er seinen Eltern um den Hals und küsste sie. Dann schmierte er sich mehrere Nutella-Brote und schob sie so gierig in sich rein, dass sie ein paar Minuten später wieder raus kamen. Aber er strahlte und sprang juchzend ins Dorf auf die ‚Braia‘, wo immer noch, wenn auch verblasst, der hässliche Spruch über ihn an einer Mauer zu lesen war. Jeden, den er dort traf, sprach er an und erzählte ihm, dass er in Zukunft in Norwegen auf einem riesigen Bauernhof leben und eine große Schule mit über tausend Schülern gehen werde.
Die Leute, die Pino besser kannten, wunderten sich, dass er fließend und zusammenhängend Italienisch sprach und überhaupt keine Probleme hatte, sich zu artikulieren.
Silvana, die Ladenbesitzerin sagte nur: „Dio ti benedica!“ (Gott schütze Dich!)
Albert verkündete allen die es hören und nicht hören wollten, welch ein Superheld sein ‚Papa‘ sei und begann sofort, als er die Nachricht erhalten hatte, sein Zimmer umzuräumen. Er alberte mit Magne und Ruben und ließ sie kaum in Ruhe ihre Arbeit machen. Im Milchraum spritzte er die beiden von oben bis unten mit Milch voll, so dass sie ihn lachend des Kuhstalls verweisen mussten. Kjell musste sich den ganzen Nachmittag Geschichten von Pino und Italien anhören und ihm einen Pfannkuchen nach dem anderen backen. Zwischendurch sollte er immer wieder seine Meinung zu dem Umbau von Alberts Zimmer abgeben. Er wollte Bjørn und Roberto das endgültige Resultat erst präsentieren, wenn er Kjells unabhängige Meinung eingeholt hatte.
Albert hatte seine Spielsachen so aufgeteilt, dass die Sachen, mit denen Pino immer gern gespielt hatte, jetzt auch in Pinos eigenem Schrank lagen. Das zweite Bett hatte er mit größter Kraftanstrengung durch den ganzen Raum gezogen und neben seines gestellt. Auf dem Kopfkissen hatte er Pinos alten, abgewetzten Teddy gesetzt, den hatte Pino ihm zum Abschied überlassen.
Es sollte allerdings noch zehn Tage dauern, bis sie endlich zum Flughafen nach Oslo fuhren, um seinen so sehnlich erwarteten Freund abzuholen.
In der Zwischenzeit hatte ich mit dem Jugendamt gesprochen und mich dafür verbürgt, dass mit Albert schon in kürzester Zeit wieder alles in Ordnung sein werde. Gleichzeitig benutzte ich meine guten Beziehungen, um die notwendigen Papiere für Pinos Aufenthaltsgenehmigung und seinen zukünftigen Schulbesuch möglichst schnell zu bekommen.
Die Wartezeit auf das Flugzeug aus Nizza war für Albert die reinste Tortur. Die Maschine war über eine Stunde verspätet, und er musste vor lauter Aufregung alle Viertelstunde pinkeln.
Als sie dann endlich gelandet war, kam allerdings nicht Pino als erster durch die Glastür des Transitbereichs sondern eine Mitarbeiterin von SAS, die nach den ‚Angehörigen‘ des kleinen Pino Saffredi suchte.
„Der kleine Mann hat so viel Gepäck, dass jemand von Ihnen ihn durch den Zoll begleiten muss. Weisen sie sich bitte aus und folgen sie mir!“ – „Darf unser Junge hier mit?“ – „Nein, das geht leider nicht“.
Pino zitterte vor Aufregung. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er zwei große Koffer, seinen Rucksack und eine Tragetasche allein vom Gepäckband heben und durch den Zoll tragen musste.
Die Dame mit der schicken Uniform, die ihn schon im Flugzeug abgeholt hatte, lachte, schüttelte den Kopf und forderte ihn auf, einen Moment neben seinen Sachen zu warten.
Unendliche zehn Minuten später kam sie zusammen mit Onkel Roberto zurück. Wenn er auch gehofft hatte, Albert käme, so war es doch gut das vertraute Gesicht von Roberto zu sehen. Er mochte ihn genauso gern wie Bjørn. Dem entsprechend herzlich fiel die Begrüßung zwischen den beiden aus.
Als Roberto ihn in den Arm nahm und hochhob, hatte Pino das tolle Gefühl nach Hause gekommen zu sein. Alle Anspannung fiel von ihm ab und er strahlte glücklich.
Während Roberto sich noch mit einem Zöllner unterhielt, der einen Blick in Pinos Gepäck werfen wollte, hatte der sich bereits durch die Beine der Passagiere gedrängelt und war durch die Glastür gestürmt. Die beiden Jungs rasten auf einander zu, als ob sie sich prügeln wollten, fielen sich in die Arme, verloren das Gleichgewicht und schlugen auf dem harten Marmorboden lang hin. Einige ältere Damen schüttelten mit dem Kopf, andere Wartende machten sich ernstlich Sorgen, dass die Jungs sich wehgetan hätten. Aber Albert hatte beim Judo gelernt zu fallen und konnte Pino geschickt abfangen. Die beiden gestikulierten wie wild, flüsterten sich dauernd etwas ins Ohr und nahmen ihre Umwelt überhaupt nicht wahr. Erst als ich Pino rief und Roberto mit Koffern, Rucksack und bunter Tragetasche neben ihm stand, merkte er, dass er vergessen hatte mich zu begrüßen.
Auf der Heimfahrt nach Bjørnstangen bot sich wieder das gewohnte Bild, Pino und Albert Hand in Hand, fröhlich grinsend auf der Rückbank unseres Volvos.
Kaum war ich auf den Hof eingebogen und hatte das Auto vor der Scheune geparkt, sprang Pino auch schon hinaus. Er hatte Bjørn entdeckt, der den Mähdrescher mit einem Hochdruckreiniger abspülte. Vor lauter Übermut sprang Pino wie ein Känguru über den Platz und direkt auf seinen Rücken. Bjørn ließ die Spritze fallen, faste seinen kleinen Gast unter die Achseln, warf ihn in die Höhe und fing ihn wieder auf. „Na, Du Schlingel, da bist Du ja wieder. Ab mit Euch beiden in die Küche! Es gibt gleich etwas zu essen“.
„Ich habe ganz viel von Mama mitgebracht“.
„Na prima, dann wollen wir gleich mal anrufen, uns bedanken und sagen, dass unser kleiner Weltreisender gut angekommen ist“.
Pino hatte allerdings kein Bedürfnis, mehr als vier fünf Worte mit seiner Mutter zu sprechen. Er drückte den Hörer wieder Bjørn in die Hand und sprang zusammen mit Albert die Treppe nach oben zu ihrem Zimmer rauf. Dort schmissen sie sich auf die Betten, balgten sich und lieferten sich unter lautem Gejohle eine Kissenschlacht.
Selbst der sonst nicht aus der Ruhe zu bringende Kjell schaute sorgenvoll zur Decke und war drauf und dran nach oben zu laufen, um für Ruhe zu sorgen, als es plötzlich still wurde.
Ein paar Minuten später stand Albert in der Küche.
„Papa! Wir brauchen noch einen Schrank“. Wieso, Ihr habt doch zwei. Die sind groß genug für alles, was Ihr habt“.
„Guck doch selbst, wenn Du mir nicht glaubst“.
Bjørn seufzte und stieg zusammen mit seinem Pflegesohn die Treppe rauf. Pino saß in der Mitte des Zimmers und hatte den Inhalt beider Koffer um sich herum auf dem Fußboden verteilt.
Bjørn schaute in beide Schränke, die Kommode und den Schreibtisch und verstand das Problem. „Mein lieber Sohn, warum sind Deine Sachen in beiden Schränken verteilt? Würdest Du Deine Sachen in Deinen Schrank legen, hätte Pino genug Platz in seinem.
Albert hielt seinen Pflegevater eigentlich nicht für begriffsstutzig, aber er schien seine Umräumaktion nicht begriffen zu haben.
„Die Sachen in Pinos Schrank sind jetzt SEINE Sachen“.
„Ach so… na, dann muss er halt einiges auch in Deinen Schrank legen dürfen“.
Albert legte seine Stirn in Falten und überlegte angestrengt. „Ok, so können wir es machen. Alle unsere Anziehsachen in einen Schrank und die Spielsachen in den anderen. Schulsachen in den Schreibtisch und was dann noch über ist kommt in die Kommode“.
„Wenn Pino damit einverstanden ist, könnt Ihr das so machen. Aber Du kannst ab jetzt hier nicht mehr alleine entscheiden. Pino hat die gleichen Rechte wie Du“.
„Das ist Ok“.
Nach dem Essen wollte Pino unbedingt im Kuhstall nachschauen, ob „seine“ Kälbchen noch da waren. Er rief „seine“ Katzen und begrüßte „seinen“ Pekka, der ihn offenbar wiedererkannte und begeistert wieherte. Auch in ihrem „heimlichen Raum“ war noch alles so, wie er es verlassen hatte.
Ein paar Tage später wurde Pino nunmehr zum zweiten Mal mit einem Plakat begrüßt:
„Velkommen tilbake, Pino!“ (Wilkommen zurück, Pino!)
(Der 4. Teil folgt bald. Deinen Kommentar bitte an: gugamster@hotmail.com)



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