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30 Jahre normal anders (9) Glück braucht keine Rechtfertigung

  • Autorenbild: gert
    gert
  • 16. Jan. 2020
  • 15 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Nov. 2022


Glück braucht keine Rechtfertigung


Nach der spektakulären Weihnachtsfeier bei Viktor kam eine nicht minder spektakuläre Silvesterparty mit den selben Gästen und wieder bei Viktor. Der Unterschied? Wir waren bereits von Anfang an nackt, badeten länger und kurz vor Mitternacht war Hansi so erschöpft, dass er kaum mit uns auf das neue Jahr anstoßen konnte.


Das vor uns liegende Jahr sollte entscheidende Veränderungen in unserem Leben bringen. Gus bestand sein Examen mit Glanz und konnte sich jetzt ‚Diplomkaufmann‘ nennen. Ich hatte ebenfalls im Sommer alle Examen bestanden, zwar eher mittelmäßig, aber jetzt fehlte nur noch ein ‚Anerkennungsjahr‘ und ich war frisch gebackener Dipl.-Soz.päd.


Das sogenannte Berufspraktikum wollte ich unbedingt in Norwegen machen und bekam dafür nach langem Hin und Her im Sommer die Genehmigung. Unter der Bedingung, Abschlussarbeit und Kolloquium in Bremen abzulegen.


So musste Gus ein paar Monate lang für uns beide Geld verdienen. Seine bisherige Aushilfstätigkeit in der privaten Berufsfachschule wurde in eine Festanstellung umgewandelt, und er hatte somit eine ausgefüllte Arbeitswoche, die uns beiden weniger Privatleben erlaubte als bisher. Zwei meiner erforderlichen Praktika konnte ich ebenfalls an dieser Schule ableisten, so dass wir uns wenigstens zwischendurch mal sahen.


Abends waren wir manchmal so kaputt, dass wir einschliefen ohne abgespritzt zu haben. Nur den Gute-Nacht-Kuss vergaßen wir nie.


Auch bei Roberto und Bjørn neigte sich die Ausbildung ihrem Ende entgegen. Im März kam dann die Nachricht, dass Bjørns Onkel bei winterlichen Baumfällarbeiten verunglückt war und schwer verletzt im Krankenhaus lag. Mein Onkel Odd hatte sich kurzfristig bereit erklärt einzuspringen, wollte aber, dass Bjørn so schnell wie möglich nach Hause kam und den Hof übernehmen sollte.


Roberto konnte sich mit dieser Entwicklung am Anfang gar nicht anfreunden, da er eigentlich erst in Deutschland als Referendar arbeiten wollte, bevor er endgültig mit Bjørn nach Norwegen gehen würde. Er hatte zwar sein Norwegisch bedeutend verbessert, befürchtete aber, schlechte Berufsaussichten zu haben. Aber, wir wären keine Glückskinder (wie Vatern immer sagte), wenn nicht auch ihm der Zufall zur Hilfe gekommen wäre.


Erik und Karl hatten in Oslo einen Mitarbeiter des Goethe-Instituts kennengelernt – ein bildhübscher Kerl, wie Erik uns am Telefon berichtete -, der in Oslo ein deutsches Kultur-Projekt zur Aufarbeitung der deutsch-norwegischen Kriegsgeschichte aufbaute. Erik hatte ihm erzählt, dass Roberto eine Examensarbeit über die soziokulturellen Folgen der deutschen Besetzung von Dänemark, Norwegen und den Niederlanden geschrieben hatte und schlug vor, dass die beiden sich doch mal in Oslo treffen könnten. Zu diesem Treffen kam es, als wir alle zusammen – also Roberto, Bjørn, Jerry, Joachim, Hans-Peter, Gus und ich - am 15. Mai nach Norwegen reisten. Da wir nur fünf Tage Zeit hatten, leisteten wir uns dazu sogar einen Flug.


Jerry und Joachim kamen bei Erik und Karl unter, und wir anderen bezogen „unsere“ Zimmer bei Tante Rita und Onkel Odd.


Als Erik uns am Flugplatz Fornebu abholte, war die Begrüßung so überschwänglich, dass die anderen Mitreisenden uns lächelnd ansahen und vermutlich annahmen, es handele sich bei uns um irgendwelche Prominente, die nach jahrelangem Auslandsaufenthalt wieder nach Hause kamen.


Erik nahm uns immer wieder in den Arm und freute sich offensichtlich riesig. Wir fuhren zuerst in ihre Wohnung, um Joachim und Jerry abzusetzen, ganz kurz Karl zu begrüßen, der sich mindestens so freute wie sein Mann. Dann fuhren wir weiter Richtung Holmestrand zu Onkel Odd und Tante Rita.

Als wir an Eriks Elternhaus vorbeikamen, sagte er zu Gus und mir: „Gott, wie die Zeit vergeht. Erinnert Ihr Euch noch, als wir hier das erste Mal standen und kaum etwas von einander wussten? Und als wir dann mit meinem alten Käfer nach Oslo gefahren sind… Mensch, was seit dem alles passiert ist, …unglaublich“.


Auf Onkel Odds und Tante Ritas Hof bot sich ein gewohntes Bild: Der „Grüne“ stand vor der Werkstatt, die ‚Einjährigen‘ grasten friedlich auf der Weide, die Türen vom Haupthaus und vom Stall standen offen und die Wäsche flatterte hinterm Haus im Wind.


Aus der Werkstatt hörten wir Maschinengeräusche. Es war allerdings niemand zu sehen. Bjørn sprang aus dem Auto und verschwand schneller als wir ihn aufhalten konnten. Er war quasi hier zuhause und wollte natürlich checken, ob noch alles so war, wie er es vor ein paar Jahren verlassen hatte.


Auf dem schnurgeraden Zufahrtsweg tauchte ein Auto auf. In einer Staubwolke näherte sich Tores Volvo Amazon. „Hei! Var det dere. Velkommen!” Tore und Carmen strahlten wie immer. “Wo ist denn unser künftiger Hofbesitzer?“ – „Keine Ahnung, ich denke er macht eine Inspektionsrunde“, lachte ich. „Na, dann wird er ja Kjell schon getroffen haben“. „Kjell?“ – „Ja, sein Nachfolger. Kjell hilft mir seit fast einem Jahr. „Wie geht es Euch?“


Wir erzählten Carmen und Tore von unseren Plänen und bestellten herzliche Grüße von Vatern.


„Kommt mit rein, Mutter wartet schon auf Euch“.


Tante Rita saß in ihrem Arbeitszimmer und nähte an einer ‚Bunad‘ [norwegische Nationaltracht]. „Oh, hallo! Da sei Ihr ja. Ich habe Euch schon gehört, konnte aber hier nicht weg, weil die Tracht hier unbedingt fertig werden muss. Nur noch ein paar kleine Nähte, dann komme ich“.


Ich erklärte Gus und Roberto die Bedeutung einer ‚Bunad‘ für einen Norweger. Sie ist für viele das wichtigste und teuerste Kleidungsstück überhaupt. Männer wie Frauen tragen ihre Tracht zu allen festlichen Anlässen sowohl in der Familie wie in der Öffentlichkeit. Eine ‚Bunad‘ trägt man bei Hochzeiten genauso wie im Theater oder eben zum Nationalfeiertag. Es sind oft Erbstücke, sind reine Handarbeiten und kosten ein Vermögen.


Draußen hörten wir Stimmen. Onkel Odd war gekommen und hatte Bjørn und Kjell in der Werkstatt getroffen. Kjell war ein freundlicher, etwas dicklicher, blonder Junge mit rundem, sommersprossigem Gesicht. Ich schätzte ihn auf etwa 17-18 Jahre.


Onkel Odd begrüßte uns mit der ihm eigenen etwas spröden Herzlichkeit, um sich gleich wieder in ein ernstes und intensives Gespräch mit Bjørn und Kjell zu vertiefen.


Ich hörte nur Bruchstücke: „ Aber, was wenn…? - Traust Du Dir das zu…? – Das kostet viel Geld… - Solange er lebt, bist Du nur… - Ich kann Dir nicht helfen… - Dein Freund ist kein Bauer…“.


Bjørn zog seine Stirn mehrmals in Falten, schien immer wieder zu überlegen, schaute dann Onkel Odd mit seinem klaren, direkten Blick an und sagte sehr selbstbewusst: „Ok, das wird alles etwas schwierig, aber wäre Mutter nicht so stur, könnte ich einen Kredit aufnehmen und würde Onkel Kjartan auszahlen. So, wie es jetzt ist, kann nur er eine Hypothek von der Bank bekommen, und ich müsste nach seiner Pfeife tanzen. Er würde ja auch niemals zulassen, dass ich mit Roberto auf ‚Bjørnstangen‘ einziehe. Das ist aber meine Bedingung, sonst gebe ich meine Rechte ab, bleibe in Deutschland und der Hof muss versteigert werden“. Er hatte einen so entschlossenen und ernsten Gesichtsausdruck, wie ich ihn an ihm noch nie gesehen hatte.


„Komm mein Junge, lass uns reingehen. Wir reden später darüber weiter“.


Inzwischen war Tante Rita fertig mit ihrer ‚Bunad‘ und schon dabei, den Tisch für neun Leute zu decken. Nichts schien selbstverständlicher für sie zu sein als das. Eigentlich war am Tisch nur Platz für acht, aber mit einem extra Stuhl aus dem Wohnzimmer und etwas Zusammenrücken konnte gut improvisiert werden. Carmen half ihrer künftigen Schwiegermutter und so ließen wir es uns bereits zehn Minuten später schmecken.


Tante Rita wollte nun alles noch einmal genau bestätigt haben, was ihr Bruder, also Vatern, ihr im Laufe der Zeit über uns und unser Studium erzählt hatte. Ganz besonders interessierte sie, wie es Bjørn und Roberto ergangen war, wie Bjørn die deutsche Landwirtschaft einschätzte und welche beruflichen Pläne Roberto hatte. Immer wieder strich sie beiden über den Kopf und sagte, wie mutig sie sie fände.


„In Deutschland mag das mutig sein. Hier bei uns ist es waghalsig, “ brummte Onkel Odd. „ Überlegt Euch das alles noch einmal. Hier bei uns gibt es so viele Menschen mit bösen Vorurteilen, fundamentale Christen, die glauben, sie seien der Mittelpunkt der Welt und niemand dürfe anders leben als sie. Aber ohne Unterstützung Eurer Nachbarn werdet Ihr es nicht schaffen. Denkt darüber nach!“ Onkel Odd schaute sehr besorgt in die Runde. „Wir gegen den Rest der Welt, das geht nicht gut“.


„Aber Odd, die beiden Jungs passen doch zu uns. Sie sind fleißig, ehrlich…und… Angst vor Menschen haben sie auch nicht. Weder Bjørn noch Roberto sind auf den Mund gefallen. Sie sind schlau und können sich wehren“. Tante Rita schlug mit der Hand auf den Tisch: „Und wo kämen wir dahin, wenn wir uns von ein paar verbohrten Alten einschüchtern ließen. Das hat unsere Familie – und dazu gehört ja Bjørn irgendwie auch – noch nie gemacht. Denk daran, wie die Leute getuschelt und gelästert haben, als wir beide geheiratet haben. Tochter eines Deutschen und einer Norwegerin heiratet einen norwegischen Bauern, dessen Vater im Widerstand war. Das Gerede war eine Zeit lang unerträglich… und was ist heute? Kein Mensch interessiert sich mehr für das Thema“.


„Das war etwas anderes. Wir haben nie Geheimnisse vor den Leuten gehabt und haben offen mit allen über alles geredet“.


„So, und was ist bei den Jungs da anders?“. Tante Rita war aufgebracht und schaute ihren Mann mit einem herausfordernden Blick an. „Ganz abgesehen davon, dass unser Sohn demnächst eine Spanierin heiraten wird.“


Kjell hatte bisher nichts gesagt und schaute nachdenklich auf seinen Teller. Schließlich murmelte er: „Die Leute sollten froh sein, dass sich jemand von hier um den Hof kümmert und nicht irgendein Idiot aus Oslo hier Pferde züchten will. Bjørn hat mehr Ahnung als so mancher, kennt jeden und Roberto kann den Sturköpfen vielleicht mal zeigen, wie man ein bisschen ‚italienisch‘ in der norwegischen Provinz leben kann… wäre nicht schlecht“.


Onkel Odd wollte offenbar nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen und sagte nur resigniert: „ Ich wollte ja auch nur zu bedenken geben…“.


Bjørn stand spontan auf, nahm die Hand von Roberto, räusperte sich und sagte feierlich: „ Wir beide werden es versuchen, wenn Ihr uns alle unterstützt, sind wir – im Verhältnis zu den ewig gestrigen Schwachköpfen – eine ganze Menge. Ich kenne viele meiner ehemaligen Schulfreunde, die demnächst auch einen Hof in der Gegend übernehmen werden und ganz tolle Kerle sind. Also, ich, beziehungsweise wir haben keine Angst. Das hier ist mein lieber Freund, der sich für mich entschieden hat und alles in seiner alten Heimat aufgeben wird. Ich kann nicht mehr tun, als ihm dafür unsagbar dankbar zu sein und zu sagen, Ich liebe Dich … und wenn Du Dich hier nicht mehr wohl fühlst, gehe ich überall hin, wo Du willst… egal, was die Leute sagen“.


Bjørn schaute seinen Roberto total verliebt an. Wir anderen schwiegen erst verblüfft, bis Kjell „Bravo“ rief und in die Hände klatschte. Plötzlich redeten wir alle auf einmal. Tante Rita wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln, Carmen sprang auf, drückte Bjørn einen Kuss auf die Backe, Tore schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter und Gus nahm beide in den Arm.


[Als 1993 Norwegen als eines der ersten Länder der Welt ein ‚Lebenspartnerschaftsgesetz‘ verabschiedete, ließen Bjørn und Roberto als die Ersten im gesamten Bezirk ihre Partnerschaft eintragen und feierten ein Fest mit fast 100 Gästen auf ihrem Hof. Roberto hielt aus diesem Anlass eine der humorvollsten und liebevollsten Reden, die ich je gehört habe. Auszüge aus dieser Ansprache wurden sogar in der Lokalzeitung veröffentlicht. Die beiden haben viele Jahre später einen Sohn adoptiert und gehören heute zu den wohlhabendsten Hofbesitzern in der Region. ]


Dann setzten wir uns wieder und aßen weiter, als sei gerade gar nichts Wichtiges geschehen.


Noch am selben Abend machten wir einen Spaziergang zu Onkel Kjartans Hof ‚Bjørnstangen‘ und halfen Onkel Odd bei seiner zusätzlichen Arbeit. Anschließend zeigte uns Bjørn das Haupthaus und erklärte, was er alles verändern und erneuern würde.


Der Hof lag landschaftlich sehr schön, war etwas kleiner als ‚Bekketangen‘, hatte aber wesentlich mehr Wald. Das Wohnhaus war aus dem 19. Jahrhundert, im Stil der 50iger Jahre eingerichtet und in einem sehr schlechten Zustand. In der Küche gab es einen alten Spülstein, einen rostigen Elektroherd, einen riesigen Küchentisch für zwölf Personen mit wunderschön geschnitzten, typisch norwegischen Stühlen und mehrere antike Schränke mit norwegischer Rosenmalerei. Die Bohlen des Fußbodens waren ausgetreten und knarrten. Das Wohnzimmer war groß, dunkel und roch als ob schon jahrelang niemand mehr in dem Raum gewesen war. Auch hier sah man viele typisch norwegische, rustikale Bauernmöbel. In der ersten Etage gab es vier Zimmer. Drei davon waren vollgestopft mit alten Dingen und wurden offenbar nicht mehr genutzt. Eins war Kjartans Schlafzimmer mit einem sehr einfachen, aber großen Doppelbett, mit dreckiger Bettwäsche und dicken, durchgelegenen Matratzen. Das Bad bestand lediglich aus einem kleinen Waschbecken, einer Toilette und einer rostigen Badewanne.


Überall an den Wänden hingen alte Familienbilder, einige Landschaftsmalereien. Im Wohnzimmer prangte in einem dicken Goldrahmen über dem Sofa ein großes Portrait von König Håkon, dem dänischen Prinzen, den sich die Norweger 1909 zum ersten König nach der Unabhängigkeit gewählt hatten und der sich der deutschen Besetzung im zweiten Weltkrieg widersetzt hatte, mit dem norwegischen Staatsgold und der Regierung nach London ins Exil ging und dadurch nach dem Krieg ungeahnte Popularität genoss.


Gus machte ein nachdenkliches Gesicht, als Bjørn sagte: „Hier muss einiges renoviert werden, bevor wir einziehen können, aber vorm Winter müsste das zu schaffen sein“. „Da kommen aber hohe Kosten auf Euch zu und Ihr braucht einige Leute, die mit anfassen. Wie willst Du das in so kurzer Zeit schaffen?


„Ich muss nur wissen, wie die finanzielle Lage des Hofes ist und, ob ich Kjartan auszahlen kann. Ich werde noch einmal mit meiner Mutter sprechen und ein Gespräch mit der Bank und der Landwirtschaftsbehörde führen. Onkel Odd hat mir versprochen, mich dabei zu unterstützen.


„Ok, wenn Du willst, kann ich mir die Bücher ja mal anschauen. Ein bisschen kenne ich mich ja mit so etwas aus“. Gus zwinkerte Bjørn zu und sagte: „ Ich würde vorschlagen, Du fragst auch Walters Vater um Rat. Erstens kennt er norwegisches Recht und zweitens eine Menge einflussreicher Leute. Das könnte ein Vorteil sein“.


„Das ist eine gute Idee. Ich rufe ihn heute Abend noch an. Ich möchte auf jeden Fall mit den wichtigsten Arbeiten noch in den Sommerferien anfangen. Sollte Kjartan Schwierigkeiten machen, müssen die Tiere noch im Sommer verkauft werden“.


Mir imponierte, wie klar Bjørn alles durchdacht hatte und vor allem, wie erwachsen er in den letzten Jahren geworden war.


Das Schicksal, der Zufall und ein wenig Glück halfen Bjørn und Roberto schließlich wieder einmal mehr als alle Banken und Juristen.


Onkel Kjartan starb am Morgen des Nationalfeiertages, gerade als Bjørn ihn besuchen und ihm, wie üblich, anlässlich des großen Tages gratulieren wollte. Damit wurden sowohl unsere Pläne für die Feier mit Familie und Nachbarn wie auch für den Besuch von Karl und Erik in Oslo etwas durcheinander gebracht.


Bjørn wollte noch morgens seine Mutter informieren. Roberto sollte dabei sein, denn er wollte ihn seiner Mutter ohnehin vorstellen. Anschließend mussten die beiden wieder ins Krankenhaus, um Beerdigungs- und Nachlassfragen zu klären.


Bjørns Mutter war von der Todesnachricht ihres Bruders nicht besonders berührt. Auch als Bjørn ihr Roberto als seinen Freund vorstellte, mit dem er zusammen auf Onkel Kjartans Hof einziehen würde, schien sie nicht sehr überrascht. Sie lächelte nur und meinte: „Ich wusste, Du würdest eine gute Entscheidung treffen“. Zu Roberto gewandt sagte sie: „Sie müssen aber gut auf meinen Sohn aufpassen. Er ist doch noch so jung…“.


Bjørn nahm die Gelegenheit wahr und fragte seine Mutter: „ Wir müssen jetzt bis zum Herbst einiges auf dem Hof reparieren und wahrscheinlich einiges kaufen, damit die Tiere den Winter überleben. Kannst Du uns ein bisschen helfen, bis wir wissen, was Kjartan auf dem Konto hat?“.


Seine Mutter schaute ihren Sohn lange schweigend an und sagte dann: „Dein Onkel ist viel wohlhabender als alle denken. Er hat mir aber nie geholfen, selbst damals nicht, als Dein Vater weg war, und ich mit Dir quasi auf der Straße stand. Ich habe ihn so sehr gebeten, mir wenigstens etwas Geld zu leihen, aber er hat einfach nein gesagt“. Sie schloss die Augen und sah aus, als ob sie schlafen wollte, flüsterte dann aber doch: „Ich werde den gleichen Fehler nicht machen. Hier im Heim brauche ich kein Geld. Nimm Dir, was Du brauchst. Geh zur Bank und hol Dir eine Vollmacht. Ich unterschreibe sie Dir“. Sie drehte sich wieder zu Roberto um und suchte seine Hand: „Meine einzige Bedingung, Sie müssen auf meinen Jungen aufpassen, dass er keinen Blödsinn mit dem Geld macht. Versprechen Sie mir das!“. Roberto wurde ein wenig rot und sagte: „ Das verspreche ich Ihnen gern“.


Noch vom Pflegeheim aus riefen wir Erik und Karl an und berichteten kurz was passiert war. Die hatten gerade erst ihr 17.Mai-Frühstück beendet und wollten eigentlich zum Schloss, um den König und den traditionellen Kinderumzug anzusehen. Nach kurzer Rücksprache änderten sie ihre Absicht und beschlossen zusammen mit Jerry und Joachim zu uns zu kommen. Ihr traditionelles 17.Mai-Picknik würden sie mitbringen und in spätestens zwei Stunden da sein.


Die vier waren pünktlich, und wir trafen uns auf einer großen Wiese hinter der Kirche, wo sich die ganze Gemeinde jedes Jahr an diesem Tag zum gemeinsamen Picknick traf.


Genau wie Onkel Odd, Tore und Kjell hatte auch Erik seine ‚Bunad‘ der Region angezogen. Mit roter Filzjacke, goldener Brokat-Weste und schwarzer Kniebundhose sahen die drei nicht nur ausgesprochen elegant sondern auch sehr festlich aus.


Trotzdem zogen wir anderen, ganz besonders Jerry, viel mehr Blicke auf uns und man hörte die Menschen förmlich überall tuscheln. Wir waren Fremde, von denen man aber längst wusste, dass wir zu Onkel Odd, Tante Rita und Bjørn gehörten und natürlich hatte sich der Tod von Bjørns Onkel auch längst rumgesprochen.


Ich hörte im Vorbeigehen immer wieder ähnliche Wortfetzen: „Das sind seine deutschen Freunde… der arme Junge… hat einen italienischen Freund… ich habe gehört… der alte Eigenbrötler hat sein ganzes Geld gehortet… das Verhältnis zu seinem Neffen war schlecht… Bjørn war zwei Jahre in Deutschland und hat sich gar nicht um Kjartan gekümmert… die Deutschen sind immer da, wenn es was zu holen gibt… das ist der kleine Walter, Gott ist der groß geworden…“.


Ein paar junge Mädchen lachten, winkten mit ihren kleinen norwegischen Fähnchen und flüsterten sich leise aber durchaus hörbar zu: „Schau mal, der Schwarze, ob der auch ein Deutscher ist? Der sieht süß aus! Der andere ist Walter, der Neffe von Rita. Sieht auch nicht schlecht aus. Ich finde Erik netter…“. „Erik? Der ist doch schwul, wusstest Du das nicht? Der wohnt jetzt zusammen mit dem Muskel-Kerl dort drüben in Oslo“. „Ach, wie schade, den würde ich nicht von der Bettkante schupsen“. Die Mädchen steckten die Köpfe zusammen und kicherten.


Das war also „mein“ Land. Vielleicht war es das, was Onkel Odd mit „waghalsig“ meinte. Würden in dieses Haifischbecken von Vorurteilen, Klischees und fest gefügten Meinungen jetzt über Roberto und Bjørn die falschen Gerüchte geschüttet, würden beide gnadenlos gefressen werden. Es war tatsächlich ein Risiko.


Bjørn ahnte das, war aber inzwischen so selbstbewusst geworden, dass er vom ersten Tag an alles richtig machte. Er ging auf die Menschen zu, die er kannte, war zu jedem freundlich und stellte jedem, der es wollte…oder auch nicht wollte…, seinen Roberto vor. Beileidsbekundungen nahm er zurückhaltend und nicht besonders trauernd entgegen. Er machte keinen Hehl daraus, dass er und sein Onkel sich nicht besonders vertragen hatten. Wenn er auf Deutschland angesprochen wurde, berichtete er begeistert darüber, wie gastfreundlich und hilfsbereit die Leute seien und, dass er eine Menge neuer Freunde gefunden habe. Aufkeimende Vorurteile erstickte er sofort mit kurzen Berichten über seine eigenen Erfahrungen.


Als einer seiner künftigen Nachbarn ihn begrüßte und direkt fragte: „Sag mal, der Walter, ist der auch… also… ich meine, wohnt der auch mit einem Mann zusammen?“, lachte Bjørn so laut, dass die Leute sich umdrehten und antwortete: „Tja, der Walter und der Gus sind ja an allem Schuld. Hätten die beiden mich nicht mit nach Deutschland genommen, ständen wir heute wohl nicht hier und ich wäre noch immer kein freier Mann. Irgendeine von den Mädchen hier wäre unglücklich und ich auch. Walter und Gus sind, außer Roberto natürlich, meine besten Freunde“. Sein zukünftiger Nachbar zog für einen Moment die Stirn in Falten und schien zu überlegen. Dann hellte sich sein Gesicht auf, er grinste und sagte: „ Na dann… vielleicht habt ihr Recht. Frei zu sein, ist für einen norwegischen Mann das Wichtigste. Also, auf gute Nachbarschaft, Bjørn!“ Er reichte ihm die Hand und schlug ihm so kräftig auf die Schulter, dass Bjørn leicht in die Knie ging. „Sag Bescheid, wenn Du Hilfe brauchst!“ – „Danke Einar, das werde ich!“


Ich bewunderte Bjørn für seine Gradlinigkeit und sein Selbstbewusstsein.


Als wir abends bei Odd und Rita mit dreizehn Leuten am großen Wohnzimmertisch Platz genommen hatten und ihr traditionelles, norwegisches ‚Labskaus‘ [hat nichts mit dem Bremer Labskaus zu tun] mit ‚Flatbrød‘ aßen; schoss es mir wieder durch den Kopf, dass auch dies hier ‚mein Land‘ war…, unendlich gastfrei und in Vielem wesentlich unkomplizierter als das Land, in dem ich die meiste Zeit meiner Jugend verbracht hatte.


Später am Abend rief Vatern noch an, um – wenn auch spät – noch zum 17. Mai zu gratulieren. Tante Rita gab gleich den Hörer an Bjørn weiter, damit er Vatern berichten konnte, was alles geschehen war und Gelegenheit hatte, ihn um Rat zu fragen. Es wurde ein teures Ferngespräch, aber als es beendet war, kam Bjørn strahlend zurück und sagte: „Er hat gesagt, er kommt.“


Roberto und Bjørn entschlossen sich länger zu bleiben und auf Vatern zu warten. Mit seiner Hilfe, so hoffte Bjørn, würde alles schneller und einfacher gehen. Glücklicherweise hatte Roberto alle wichtigen Examensarbeiten abgegeben und wartete nur noch auf die letzten Ergebnisse. Mit diesem Sommersemester war seine Zeit in Bremen beendet. Er wollte aber unbedingt das Gespräch mit dem Mitarbeiter des Goethe-Instituts führen, deshalb fuhr er noch am Abend mit Erik, Karl, Jerry und Joachim nach Oslo.


Jerry hatte ein Gespräch in der amerikanischen Botschaft vereinbart und Joachim wollte Egil noch einmal treffen.


Gus und ich mussten allerdings zwei Tage später wieder nach Hause. Gus hatte nur eine Woche Urlaub genommen und ich sollte bis zum Ende des Semesters noch drei Arbeiten abgeben.


Vatern kam an dem Tag, als wir unseren Rückflug antraten. Bjørn brachte uns zum Flugplatz, um einen paar Stunden später Vatern mit zurück nach Bekketangen zu nehmen. Er blieb fast vierzehn Tage. Es waren wohl die wichtigsten Tage in Bjørns und Robertos Leben.


Auch in Norwegen forderte die Bürokratie ihr Recht. Erbangelegenheiten waren zwar durch die zentrale Erfassung aller Bürger etwas leichter zu erledigen als in Deutschland. Nur war das „Folkeregister“ damals eben noch analog. Es musste alles persönlich oder auf dem Postwege erledigt werden. Für Roberto war der norwegische Umgang zwischen Bürger und Verwaltung eine interessante Erfahrung.


Vatern kümmerte sich um die Umschreibung des Hofes genauso wie um die Vermögensangelegenheiten. Dabei zeigte sich, dass Onkel Kjartan über Jahre nur wenige Abbuchungen und Überweisungen getätigt hatte. Es wurden regelmäßig nur vier Mal im Jahr größere Geldbeträge abgehoben. Die Einnahmen des Hofes waren höher als Bjørn erwartet hatte und so gab es ein ansehnliches Guthaben auf dem Konto, von dem die notwendigsten Kosten sofort gedeckt werden konnten.


Eines Morgens, bei einem Besuch im Pflegeheim, fiel dann Bjørns Mutter ein, dass sie ja noch einen Brief ihres Bruders hatte, in dem er vor Jahren einen für sie damals unverständlichen Satz geschrieben, hatte. Sollte er eines Tages nicht mehr leben, solle man sich keine Sorgen um das Geld machen, denn er habe alles in die Obhut des guten alten Königs gegeben, der schließlich bewiesen habe, dass er mit wertvollen Dingen gut umgehen könne. Und Bjørns Mutter wisse am besten, dass der Schlüssel zu allem bei Jesus liege. Sie kommentierte das mit den Worten: „Ich habe ihn nie richtig verstanden. Er war eben ein Sonderling“.


Obwohl noch nicht alle rechtlichen Dinge geklärt waren, fingen Bjørn, Tore und Kjell einige Tage später an, das Haupthaus auszuräumen. Tore war mit dem „Grünen“ und einem Anhänger gekommen und die Jungs schleppten alles, was Bjørn nicht behalten wollte nach draußen.


Tore war schon zweimal mit einer Ladung zu einer Grube gefahren, wo der Müll von Bekketangen seit Jahrzehnten verbrannt und vergraben wurde. Gerade als er von seiner zweiten Tour zurückkam, fuhr auch Vatern mit Tores Volvo auf den Hof.


Bjørn und Kjell waren gerade dabei, Bilder und Vorhänge abzuhängen. Vatern stand in der Tür und betrachtete lächeln die Szene. „Ich fange an, daran zu glauben, dass Ihr zum Herbst hier einziehen könnt. Ihr seid ja wirklich fleißig“.


(Dran bleiben, es geht im Kapitel 10 weiter)



 
 
 

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