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Bunte Hoffnungen und schwarze Tage (20)

  • Autorenbild: gert
    gert
  • 10. Apr. 2020
  • 34 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Nov. 2022


Als am Abend des 9. November 1989 die Mauer fiel, erinnern sich wohl die meisten Deutschen, wo sie gerade waren und was sie in dem Moment gemacht haben, als sie von der Sensation erfuhren. Ich auch. Am Morgen hatte es zum ersten Mal in dem Winter geschneit. Gus und ich hatten keine Lust aufzustehen, kuschelten und spielten ein bisschen mit unseren Morgenlatten. Die norwegischen Radionachrichten brachten lediglich eine kurze Meldung über weitere Großdemonstrationen in Leipzig, aber nichts deutete darauf hin, dass Deutschland der aufregendste Tag seiner Nachkriegsgeschichte bevorstand. Nach dem Frühstück brach Gus zu einer zweitägigen Geschäftsreise mit Egil und Erik zu norwegischen Produzenten auf. Mittags rief Tinus an, fragte wie es uns ginge und berichtete, dass er Jacob noch einmal getroffen habe, der Gus und unbekannter Weise auch mich ganz lieb grüßen ließ. Ich fragte Tinus, was er von Jacob hielt und bekam eine überschwänglich positive Beschreibung aller seiner körperlichen und charakterlichen Eigenschaften. Im Übrigen könne ich mich vielleicht schon in wenigen Tagen davon überzeugen, dass er nicht übertrieben habe. Er hoffe, dass Jacob seine Einladung nach Bergstad annehmen werde. Die politische Entwicklung in Deutschland schien auch Tinus zu diesem Zeitpunkt nicht als dramatisch einzuschätzen. Als ich dann abends im norwegischen Fernsehen überhaupt keine Meldung über Deutschland hörte, schaltete ich das Radio ein, um, wie es meine Gewohnheit war, im Deutschlandfunk deutsche Nachrichten zu hören. Der Empfang war schlecht, aber die Meldung war klar. Die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger waren aufgehoben und damit aller Voraussicht nach die Mauer gefallen. Erst fast drei Stunden später brachte NRK die ersten Bilder aus Berlin. Die norwegischen Kommentare reichten von skeptisch bis pragmatisch. Von der deutschen Euphorie wurde nichts vermittelt. Gegen 23:00 rief ich Gus in seinem Hotel an. Er hatte noch überhaupt nichts mitbekommen. Trotz aller Aufregung über die Ereignisse an der Mauer und den Berliner Grenzübergängen, vergaß ich nicht, ihm die Grüße von Tinus und Jacob zu übermitteln. Er schien sich sehr darüber zu freuen, dass Jacob eventuell für ein paar Tage nach Bergstad kommen werde. Gus kam am nächsten Nachmittag wieder nach Hause. Es war Freitag und wir entschlossen uns, das Wochenende auf Bjørnstangen zu verbringen. Auch hier gab es damals leider nur norwegisches Fernsehen, so dass wir nach Bergstad gehen mussten, um über Satellit die neueste Entwicklung in Deutschland quasi aus erster Hand zu erfahren. Der kleine Albert freute sich riesig über unseren Besuch und konnte gar nicht genug davon bekommen, auf Onkel Gus' Schoß deutsches Fernsehen zu gucken. Es war erstaunlich, wie schnell der erst Neunjährige begriff, worum es ging. Irgendwann kam dann auch die trockene Bemerkung, er habe ja schon immer zu Onkel Bjørn gesagt, Bjørnstangen brauche eine Satelliten-Antenne. "Na, warte mal ab, bald ist Weihnachten. Könnte ja sein, dass Julenissen eine Antenne dabei hat", scherzte Gus. Arild verzog etwas ärgerlich das Gesicht: "Setz ihm keine Flausen in den Kopf. Wenn Bjørn jetzt auch noch eine Parabol-Antenne installiert, ist unser Sohn nur noch auf Bjørnstangen". "Lass ihn doch. In ein paar Jahren kommen andere Interessen. Wenn die erste Freundin auftaucht, dann ist sowieso erstmal Schluss mit Bauernhof". "Da bin ich nicht so sicher. Der Junge ist so fanatisch verrückt nach den Tieren, der Technik und nicht zuletzt seinen beiden Onkeln, dass ich da meine Zweifel habe, ob eine Freundin daran etwas ändern könnte". Abends meldete sich Tinus bei Arild und kündigte an, dass er am folgenden Wochenende zusammen mit einem Gast nach Bergstad kommen werde. Da Gus und ich aus unterschiedlichen Gründen Lust hatten, Jacob zu treffen, nahmen wir uns für die darauffolgende Woche drei Tage Urlaub. Jacob war mir auf Anhieb sympathisch, und ich konnte Gus' schwärmerische Beschreibung durchaus nachvollziehen. Als wir uns auf dem Flughafen begrüßten, wirkte er etwas unsicher und beobachtete mich genau, während er Gus mit einem flüchtigen Kuss begrüßte. Ich wollte bewusst zwischen ihm und Tinus keinen Unterschied machen und nahm beide herzlich in den Arm. Spontan kam mir eine flapsige Bemerkung in den Kopf: "Du solltest Dein Schlüsselbund aus der Tasche nehmen", die ich mir dann aber doch verkniff und mir lediglich mit einem Seitenblick die herrliche, harte Beule ansah, die sich, bis wir im Auto saßen, nicht veränderte. "Wer hätte das gedacht, dass ich in diesem ereignisreichen Jahr auch noch nach Norwegen kommen würde. Ich weiß gar nicht so recht, wem ich mehr danken soll…Dem Schicksal, dass ich Gus kennengelernt habe oder Tinus, der mir diese Reise ermöglicht hat". Jacob lächelte beide mit seinem hintergründigen Lächeln an und fügte hinzu: "Mein Leben als durchschnittlicher Biologie-Student der Amsterdamer Universität hat sich innerhalb weniger Wochen dramatisch verändert. Meine Familie ist nach dem Mauerfall wieder komplett, und ich habe plötzlich gleich mehrere neue Freunde, die weder etwas mit meinem Studium noch mit meiner Familie zu tun haben. Freunde, die einfach nett sind, nichts fordern, nichts erwarten und dann auch noch auf meiner Wellenlänge liegen". Um diese Jahreszeit waren keine Gäste im Bergstad-Golf-Club, daher bekam Jacob nicht nur das schönste Gästezimmer, sondern er hatte auch das ganze Haus für sich allein. Mai Linh hatte überall die Beleuchtung angemacht, im Clubraum den Kamin angezündet und frische Blumen auf den Tisch gestellt. Jacob war überwältigt und staunte sprachlos über Komfort und Behaglichkeit, die das Haus ausstrahlte. "Ich hoffe ja, Du besuchst uns auch noch, damit Du nicht denkst, dies hier sei normaler norwegischer Standard", feixte Gus. "Vielleicht interessiert Dich auch unsere Firma. Dort siehst Du dann, wo die Blumen landen, die Du täglich in Aalsmeer hin und her fährst". "Gern, wenn mein Gastgeber nichts dagegen hat", dabei schaute er Tinus an. "Wie hast Du vorhin so schön gesagt? ‚Wir fordern und erwarten nichts'. So soll das auch bleiben. Ich habe Dich mitgenommen, um Dir eine Freude zu machen. Mich kostet es fast nichts, und ich würde mich riesig freuen, wenn wir alle uns ein bisschen besser kennenlernen. Dass Ihr ‚Blumenmänner' zusammenhalten müsst, ist doch klar. Nimm auf mich keine Rücksicht. Ich habe die nächsten Tage viel zu tun und wir werden uns wahrscheinlich nur selten sehen. Halte Dich an Gus und Walter. Ich nehme an, die beiden werden Dir so viel zeigen, dass die eine Woche nicht ausreicht, und Du schon im nächsten Jahr wiederkommen möchtest". "Tausend Dank! Ich weiß zwar noch nicht, wie ich das alles gut machen kann, aber sollte Dir, Tinus, in Amsterdam mal die Decke auf den Kopf fallen und Du absolut ungestört sein möchtest, steht Dir meine Bude jederzeit zur Verfügung. Ich würde sogar für ein paar Tage ausziehen, wenn Du es möchtest". "Das ist lieb, danke! Vielleicht komme ich auf dieses Angebot tatsächlich mal zurück… Nur…ausziehen brauchst Du deshalb bestimmt nicht". Bjørn und Roberto hatten uns zum Abendessen eingeladen, allerdings wollte Tinus nicht zusagen, da er noch einige wichtige Telefonate zu tätigen hatte und anschließend noch ein paar Briefe schreiben wollte. Als wir auf Bjørnstangen in der Küche saßen, waren sowohl Bjørn und Roberto als auch Jacob so neugierig, mehr über den jeweils anderen zu erfahren, dass ein lebhaftes Frage- und Antwortspiel uns fast davon abhielt, das köstliche Essen von Kjell zu genießen. Um sieben Uhr hatten wir mit dem Essen begonnen, um halb elf saßen wir immer noch am Küchentisch und redeten. "Eure Geschichte ist so fantastisch. Ihr habt schon so viel mit einander erlebt. Dagegen war mein Leben bisher einfach Langeweile pur. Kindergarten, Schule, Jugendfreunde, Hobbys, Eltern, Geschwister, Ferienerlebnisse, alles nur spießiger, sch… normaler, deutscher Durchschnitt. Deshalb wollte ich unbedingt ausbrechen und bin vor drei Jahren zum Studium nach Amsterdam gegangen. Eine echt aufregende Stadt, aber nichts für labile Typen. Wenn man dort jung und allein ist, gerät man schnell an die Falschen und schließlich auf die schiefe Bahn. Da hat mir meine spießige Erziehung geholfen, bestimmte Dinge wie Drogen, Alkohol und Prostitution als Lösung meiner Probleme nicht einmal auch nur in Erwägung zu ziehen. Richtig zu schaffen gemacht hat mir, dass ich in dem hoch gelobten ‚Schwulen-Paradies' zwar jede Menge geile Bekanntschaften für eine Nacht machen konnte, aber in drei Jahren niemanden gefunden habe, der sich ein bisschen länger auf mich einlassen wollte. Bis zu dem Morgen, an dem ich Gus und Carlos getroffen habe. Das war ganz merkwürdig… da gab es etwas an der Ausstrahlung von Gus, das total anders war als bei allen flüchtigen Bekanntschaften vorher. Carlos war geil, sehr nett und gleichsam sofort zu haben. Gus war unaufdringlich, zugewandt, wahnsinnig sympathisch und mehr interessiert als geil". Jacob sah lächelnd zu mir und Gus hinüber, nippte an seinem Weinglas und fügte hinzu: "Ich hoffe, ich tue Dir jetzt nicht weh, Walter, wenn ich sage, dass ich an dem Morgen in Deinen Mann Knall und Fall verschossen war. Ich habe damals über Carlos versucht, so viel wie möglich über ihn zu erfahren. Ich wollte ihn unbedingt wiedersehen. Den ganzen Tag war ich eigentlich nicht richtig zu gebrauchen, und als ich ihn dann plötzlich abends vor einem Schaufenster stehen sah, wäre ich vor Aufregung fast vom Fahrrad gefallen". Er grinste und fuhr fort: "Ihr glaubt nicht, wie ich mich zusammenreißen musste. Gus sendete kaum Signale aus, dass er an mir interessiert war. Ich war richtig verzweifelt, weil ich glaubte, sein Favorit sei Carlos. Als er mir dann später von Dir, Walter, von Tinus, Euch und seinen anderen Freunden erzählte, brach bei mir schon wieder eine Welt zusammen. Als Partner und Freund fiel also auch er aus. Tja, und dann kam da plötzlich ein Anruf meiner Eltern, meine Sorge um meine Schwester, die quasi in einer Falle an der ungarischen Grenze saß, und Gus' warmherzige Zuwendung, seine zupackende Art, mit der er sofort erkannte, was ich brauchte. Vor ein paar Monaten hätte ich mir nicht träumen lassen, überhaupt irgendjemandem so etwas zu erzählen. Jetzt sitze ich hier mit Euch zusammen, habe das Gefühl, Euch seit Jahren zu kennen und rede mit Euch, wie ich es mir vorher mit keinem anderen getraut hätte". "Wenn ich Dir die Geschichte erzählen würde, wie ich meinen Schatz hier kennengelernt habe, würdest Du die Story unter ‚Fantasie' ablegen. Aber ohne Gus und Walter säßen wir beide heute nicht hier, und ich hätte niemals den liebsten Mann in meinem Leben gefunden". Roberto hob sein Glas und prostete uns zu: "Skål auf Gus und Walter!" "Skål!...Prost!" Bei dem, was Jacob sagte, wurde mir klar, dass das, was Gus und ich für normal hielten, eben nicht normal war. Unsere bunte Welt war die Welt von Glückskindern, wie Vatern es mal genannt hatte. Als ich spät in der Nacht Jacob zurück nach Bergstad brachte, verabredeten wir uns für den nächsten Tag zu einer Rundfahrt und anschließendem Saunagang auf Bjørnstangen. Jacob wünschte mir eine gute Nacht, bedankte sich noch einmal, hielt viel zu lange meine Hand und fragte dann: "Macht Dir das eigentlich gar nichts aus, dass ich mit Deinem Mann geschlafen habe?" Ich wollte nicht zu leichtfertig antworten und vor allem nicht den Eindruck erwecken, dass Sex für mich nur eine Lustbefriedigung ist. Da ihn das Thema aber offenbar sehr beschäftigte, sollte er auch sicher sein, dass ich meine Freundschaft zu ihm nicht von der natürlichsten Sache der Welt abhängig machen würde. "Ach, weißt Du, Gus und mich verbindet viel mehr als Sex. Wir haben uns versprochen, uns ehrlich zu sagen, wenn einmal ein Mann in unser Leben kommen sollte, der einen von uns so fasziniert, dass die Faszination stärker ist als alles, was uns im Laufe der letzten Jahre zusammengeschweißt hat. Erst dann machen wir uns wirklich Gedanken über unsere Beziehung". "Ich glaube, ich muss noch viel lernen", lachte Jacob. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man einen Mann so intensiv lieben kann, dass man trotzdem bereit ist, ihn mit anderen zu teilen". "Da gibt es keine Regel. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber Menschen zu mögen darf nicht an einer egoistischen Partnerschaft scheitern. Sex kann dann der höchste Beweis einer Zuneigung sein oder eben einfach nur Lustbefriedigung. Aber Lust auf einen Mann zu haben, ist doch nichts Schlimmes". "Gus hat es so ähnlich gesagt. Ihr scheint Euch ja wirklich sehr einig zu sein… Darf ich Dir einen Kuss geben? Ich mag Euch beide sehr, und… obwohl ich in Gus verliebt war und ein bisschen auch noch bin, merke ich, dass Du mir jetzt von Minute zu Minute wichtiger wirst. Na ja… und wer von Euch beiden mich geiler macht, kann ich gar nicht sagen". "Ich weiß jetzt, warum Gus den Sex mit Dir genossen hat… würde mir genauso gehen". Ich nahm spontan seinen Kopf in meine Hände und bohrte meine Zunge zwischen seine geschlossenen Lippen, die sich aber sofort öffneten. Er entspannte und grunzte zufrieden. "So, mein Süßer, mach Dir nicht so viele Gedanken und lass uns schauen, wie das mit uns in den nächsten Tagen weitergeht. Ich muss jetzt los, weil die anderen auf mich warten. Ich freu mich auf unsere Tour morgen. Schlaf schön!" Jacob stand in der beleuchteten Tür des Club-Hauses, wirkte etwas ratlos und winkte mir fast schüchtern nach. Das Wetter war am nächsten Tag grau, regnerisch und kalt. Die Wolken hingen tief an den Berghängen und gaben der Landschaft eine ganz speziell mystische Atmosphäre, die Jacob ganz besonders begeisterte. Immer wieder rief er "Ahh" und "Ohh" und bat uns anzuhalten, weil er sich etwas ganz genau ansehen oder einfach nur mal tief durchatmen wollte. Wir fuhren bis ans ‚Ende der Welt' [eine bizarre Felsenlandschaft auf einer in den Oslofjord ragenden Landzunge süd-westlich von Tønsberg]. Trotz Sturm und Sprühregen setzten wir uns auf einen der über Jahrhunderte glatt gespülten, runden Felsen und genossen, ganz dicht an einander gekuschelt, die spektakuläre Aussicht. Jacob legte dabei seinen Kopf mal auf Gus' Schulter und mal auf meine. "Das ist irre… so einen Platz gibt es wohl in ganz Europa nicht noch einmal. Man fühlt sich so winzig…". "Stimmt, das ganze Land ist von extremen Landschaftsformen und unberührter Natur geprägt, denen sich der Mensch anpassen beziehungsweise unterordnen muss", sagte ich. "Aber gerade deshalb lieben die Norweger ihr Land so sehr". Wieder zurück im Auto merkten wir, dass unser Regenzeug nicht dicht gehalten hatte. Wir waren alle drei nass bis auf die Haut. Daher entschlossen wir uns direkt nach Bjørnstangen zurück zu fahren. "Ich denke, ich muss erstmal ein paar trockene Klamotten aus meinem Zimmer holen". - "Roberto und Bjørn haben alles. Mach Dir keine Sorgen. Ich hoffe, sie haben auch die Sauna schon angeheizt". Bjørn und Roberto waren bei einer Bauernversammlung, als wir nach Hause kamen. Kjell hatte einen Kuchen gebacken und einen Zettel dazu geschrieben, dass sich jeder bedienen könne. Er selbst war nirgendwo zu sehen. Magne reparierte etwas im Gewächshaus und Ruben hatte mit dem Melken begonnen. Da ich wusste, wo die Bademäntel und Handtücher lagen, suchte ich für jeden jeweils ein Set raus und für Jacob fand ich eine Hose, ein T-Shirt, einen Pullover, Slip und Socken. Wir hingen unsere nassen Sachen im Arbeitsraum auf, wo alles durch die Fußbodenheizung schnell trocknen konnte. Dann kochten wir uns einen Kaffee und schoben uns ein Stück Schokoladenkuchen rein. "Das ist ein schönes Leben hier. Alles wirkt so entspannt und stressfrei. Ist das immer so?". Jacob sah mich fragend an. - "Ja, in der Regel schon. Stress entsteht hier nur durch das Wetter, wenn Tiere oder Menschen krank sind oder wenn Naturkatastrophen passieren…, was sehr selten vorkommt". Wir nahmen unsere Bademäntel und Handtücher und gingen rüber zum Brygghus. Es war überall wohlig warm. Selbst das Gästezimmer oben war geheizt. Irgendjemand hatte sogar daran gedacht, Getränke in den Umkleideraum zu stellen. Als wir uns auszogen, bemerkte ich Jacobs unruhige Blicke mal auf mich und mal auf Gus gerichtet. Den Grund konnte ich mir nicht erklären. Hier im Haus waren wir es ja alle gewohnt nackt herumzulaufen und an einem steifen Schwanz störte sich auch niemand. Aber vielleicht hatten wir Jacob darauf nicht genügend vorbereitet. Er ging als erster in die Dusche. Ich amüsierte mich, als Jacob den speziellen Duschkopf zur ‚Intimreinigung' eingehend untersuchte und nicht sofort etwas damit anfangen konnte. Er hielt ihn in die Luft, versuchte an seiner Spitze zu drehen, drückte ihn gegen die Handfläche und ließ ihn über seinen Bauch gleiten. "Weißt Du wofür man das Ding braucht?", fragte er als ich in die Dusche kam. "Gib her, ich zeig's Dir". Während Jacob wie gespannt auf meinen nicht mehr ganz schlappen Schwanz starrte, prüfte ich die Wassertemperatur. "Pass auf, so geht das." Ich schob den blitzenden kleinen Stab in meinen Anus, ließ das handwarme Wasser einen Augenblick mit größerem Druck laufen und drückte es dann nach ein paar Sekunden wieder raus. "Oh, da hätte ich auch drauf kommen können", lachte Jacob. - "Das ist ja toll und sehr praktisch". "Dacht ich mir's doch. Das ist das richtige Spielzeug für Dich". Gus stand jetzt hinter uns und begann sich und gleich darauf auch meinen Rücken und Po einzuseifen. Sein Schwanz stand innerhalb von Sekunden hart und waagerecht ab. Jacob nahm den Duschkopf wieder in die Hand, betrachtete ihn noch einmal von allen Seiten und steckte ihn sich dann in seinen Anus, dabei kniff er für ein paar Sekunden die Augen zu, nur um gleich wieder sein geheimnisvolles Lächeln aufzusetzen. Seine "Sichel" hatte ihr Volumen nahezu verdoppelt und zuckte heftig, als er das Spülwasser wieder rausdrückte. Er wiederholte den Vorgang mit wachsender Begeisterung mehrfach. Jedes Mal schienen ihm die braunen Spuren peinlich, und er sorgte hastig dafür, dass alles schnellstens beseitigt wurde. Schließlich nahm er noch einen Waschlappen und wischte alles gründlich sauber. Gus rieb seinen wunderschönen Kolben sachte an meinem Rücken und wir standen ganz still, während das warme Wasser über unsere Körper lief. Vorsichtig, fast schüchtern näherte sich Jacob uns beiden. Sein Blick fragte: "Darf ich?" Als Antwort streckten wir ihm unsere steifen Lustschwengel entgegen, und er griff dankbar zu. Dann kniete er sich vor uns hin und sein Mund beschäftigte sich mit unseren zum Platzen harten Schwänzen. Er verteilte seine Zuneigung sehr gleichmäßig und gerecht, obwohl ich merkte, dass er Gus schon etwas besser kannte als mich. Gus strich ihm über den Kopf und flüsterte: "Lass uns doch erstmal schwitzen. Sonst verschießen wir unser ganzes Pulver jetzt schon". - "Mmmmm", gurgelte Jacob, grinste und erhob sich. Sein Kuss schmeckte nach Sperma, aber weder Gus noch ich hatten abgespritzt. Ich öffnete gerade die Tür zur Sauna, als wir vom Flur her Geräusche hörten. Magne war gerade aus dem Gewächshaus gekommen und schmiss seine Arbeitsklamotten auf einen Stuhl neben dem Saunabereich. Dann tauchte sein fröhliches, bärtiges Gesicht in der Tür auf. "Hallo! Viel Spaß Euch Dreien!" Jacob zuckte vor Schreck zusammen. Er hatte Magne und Ruben noch nicht begrüßt und überhaupt nicht damit gerechnet, dass noch jemand im Haus sein könnte. "Keine Angst, das war Magne. Er ist der unverzichtbare Mann für alle Fälle hier auf dem Hof. Er lebt mit seinem Freund Ruben in der Wohnung auf der anderen Seite des Flures. Ruben ist studierter Landwirt und quasi Chef des Stalles und der Tiere". "Ein durch und durch schwuler Bauernhof also", lachte Jacob und war sofort wieder beruhigt. Als wir nach dem ersten Saunagang kalt duschen wollten, stand Magne gerade von oben bis unten eingeseift unter der Dusche. Ich ging zu ihm, gab ihm einen Kuss und stellte mich kurz unter die eiskalte Schwalldusche. Jacob zögerte und wollte offenbar warten, bis Magne fertig war. "Geh rein! Der beißt nicht… und wenn… dann nur, wenn Du es willst". Gus schupste Jacob regelrecht in die Dusche, so dass Magne ihn auffangen musste. "Na, das ist doch endlich mal ein nettes, neues Gesicht in unserem tristen Novemberalltag. Ich bin übrigens Magne", grinste er. Jacob versuchte etwas ungeschickt, nicht noch einmal das Gleichgewicht zu verlieren und keuchte mehr, als dass er sprach: "Und ich bin Jacob… aus Amsterdam". - " Ach so, Geschäftsfreund von den beiden?". - "Eigentlich nicht so richtig, obwohl ich Gus bei der Arbeit kennengelernt habe". - "Na, wie auch immer. Herzlich willkommen! Sollte mal der Strom nicht so laufen, wie er soll; ich helfe gern". Da Gus befürchtete, Jacob könne diese durchaus anzügliche Bemerkung falsch verstehen, warf er schnell ein: "Magne ist Elektriker". Schallendes Gelächter. Bei unserem zweiten Saunagang leistete uns Magne Gesellschaft. Ich sah Jacob an, dass er mehr und mehr entspannte. Hatte er noch vor ein paar Minuten sein Handtuch ganz fest um die Hüfte gezogen und den Blickkontakt mit Magne vermieden; rekelte er sich jetzt mit weit gespreizten Beinen und einem nur noch locker über seinem Oberschenkel liegenden Handtuch auf der mittleren Bank, suchte förmlich den körperlichen Kontakt zu uns anderen und lächelte Magne immer wieder an. Es schien ihm auch nichts auszumachen, dass sich sein Schwanz jetzt auch für Magne in voller Erregung zeigte. "Jungs, ich muss Euch schon wieder verlassen. Mein Schatz kommt gleich aus dem Stall, und ich habe versprochen Abendbrot zu machen". Magne erhob sich und zeigte uns dabei seinen langen, festen und sehr gut zu seinem trainierten Körper passenden Penis. Beim Rausgehen drehte er sich noch einmal zu Jacob um und sagte mehr zu ihm als zu Gus und mir: "Sollte es Euch irgendwann langweilig werden auf Bjørnstangen, könnt Ihr gerne bei uns reinschauen". "Netter Kerl", bemerkte Jacob. "Findet Dein Schwanz auch", feixte Gus, der direkt hinter ihm saß und kraulte ihm den Lockenkopf. Jacob schloss seine Augen, legte seinen Kopf zwischen Gus' Beine und griff nach rechts, um sich in meinem Oberschenkel festzukrallen. Ich löste seine Finger vorsichtig und nahm einen nach dem anderen in den Mund. Als dann meine Zunge langsam seinen Arm hinauf glitt, schmeckte ich seinen salzigen Schweiß. Sein wohliges Stöhnen zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Jeder Saunaliebhaber weiß, dass Bewegung in der Sauna extra schweißtreibend ist und auch sehr anstrengend. Daher drehte ich mich nur kurz um, kniete mich vor Jacob auf den Boden und bearbeitete seine glatte, glänzende Eichel. Hier mischte sich der Geschmack von Schweiß mit dem von Sperma. "Magst Du Dich draufsetzen?", fragte Jacob flüsternd. Ich mochte und schob mir die Sichel in den Anus. Durch die starke Krümmung seines Schwanzes, war das Gefühl etwas intensiver aber eine Auf- und Abbewegungen etwas schwieriger. Immer wieder glitt sein Schwanz raus. Gus' gerader, harter Schwanz ragte mir neben Jacobs lächelndem Gesicht entgegen. Abwechselnd den schönen Mund zu küssen und den ach so bekannten herrlichen Lustkolben zu blasen, brachte mich jetzt erst richtig ins Schwitzen und machte mich so geil, dass ich mal wieder meinen Orgasmus nicht kontrollieren konnte. Mein Sperma schoss aus mir heraus und mischte sich auf Jacobs Bauch mit seinem Schweiß. Er schmierte sich diese Mischung auf seinen eigenen Schwanz, wichste hart und spritze schon wenige Sekunden später gegen meinen Po. Gus entlud sich mit tiefem Brummen in meinen Schlund. Ich schluckte die gesamte Ladung und ließ mich anschließend erschöpft auf Jacob fallen. Der keuchte und lachte während er sich von mir zu befreien suchte. "Na, hoffentlich ist die Schweinerei nicht zu groß, die wir da drinnen hinterlassen haben". Jacob sah etwas besorgt aus, als wir draußen vor der Sauna standen. "Kein Problem, morgen müssen wir sowieso sauber machen". Zum Abkühlen ging ich diesmal nach draußen vor die Tür und setzte mich auf die Bank. Jacob und Gus kamen Arm in Arm nach. Es schneite leicht und auf dem Hof war alles ganz still. Die Lichter im Kuhstall waren gelöscht und man hörte lediglich ganz leise das Klappern der Ketten. Hinter der Scheune leuchtete die künstliche Beleuchtung des Gewächshauses, in dem im Augenblick nur Jungpflanzen standen und ein Teil der Fläche für Weihnachtssternpflanzen benutzt wurde. Die abendliche Ruhe auf Bjørnstangen faszinierte mich zu jeder Jahreszeit. Ich nahm Jacobs Hand, legte meinen Finger an den Mund und flüsterte: "Hör mal!" "Ich höre nichts". - "Eben". Nachdem wir geduscht und uns angezogen hatten, gingen wir zum Haupthaus. Kjell war in der Küche und hatte bereits alles fürs Abendbrot auf den Tisch gestellt. Bjørn und Roberto waren noch unterwegs. "Die Bauern machen Julebord. Das kann länger dauern", meinte Kjell trocken. Gegen neun klopfte es plötzlich ganz zaghaft an der Haustür und gleich anschließend stand der kleine Albert völlig aufgelöst und weinend in der Küche. "Wo ist Onkel Bjørn?", schluchzte er. "Komm her Schatz! Was ist los?" - "Oma Astrid ist tot". Gus nahm Albert in den Arm, setzte ihn bei sich auf den Schoß und gab ihm sein Taschentuch. "So, nun mal ganz langsam. Was ist passiert?". "Mama und ich waren bei Oma und Opa… Oma hat im Sessel gesessen und Fernseh geguckt… und dann hat Opa sie an gestupst… und zu Mama gesagt, sie solle mich mal rausschicken… ich habe mich aber hinter die offene Tür gesetzt… Opa hat geweint und gesagt, Oma Astrid habe jetzt ihren Frieden gefunden. Dann hat Mama mich nach Hause gebracht und Papa geholt… und der hat gesagt, ich soll zu Onkel Bjørn gehen". "Onkel Bjørn und Onkel Roberto kommen bestimmt gleich. Trink mal erstmal eine Limo". Gus strich Albert zärtlich über den Kopf und schenkte ihm ein Glas ein. "Was ist nach dem Tod? Wie kommt Oma in den Himmel?". Albert hatte sich etwas beruhigt und schaute Gus erwartungsvoll an. "Schatz, das weiß ich nicht… das weiß niemand. Alle Menschen haben eine Seele… Du und ich, wir alle. Alles, was Du fühlst, ob Du gut bist oder mal böse, ob Du jemanden magst oder nicht, ob Du etwas ganz doll schön findest oder Dich ekelst, all das ist Deine Seele. Die kann niemand sehen und eines Tages verlässt sie unseren Körper und fliegt davon, dann sind wir tot. Stell Dir vor, der Himmel ist voller Seelen. Da trifft die eine die andere und sie schauen auf uns. Die eine sagt zur anderen: ‚Der Kleine dort unten das ist der Albert, den habe ich sehr lieb und werde auf ihn ein bisschen aufpassen. Und die andere sagt: ‚ Das daneben ist der große Gus, den habe ich schon ein paar Jahre im Blick. Den muss ich manchmal bremsen, aber er kommt meistens ohne mich klar'." Albert schaute Gus etwas skeptisch an: "Woher weißt Du das? Papa hat mal gesagt, nach dem Tod sei alles vorbei und da sei nichts mehr, so wie nichts vor meiner Geburt war". - "Vielleicht hat Dein Papa recht, aber genau wissen, kann auch er das nicht". Gus kamen Zweifel, ob es richtig war, dieses Gespräch mit Albert zu führen, fügte dann aber hinzu: "So lange Deine Oma Astrid in Deinem Kopf ist, ist ihre Seele in Deiner Nähe, glaube ich". - "Oh ja, das glaube ich auch". Albert lächelte bereits wieder, schaute Gus dankbar an und ließ sich widerstandslos die Tränen abtrocknen. Wir anderen waren ganz still geworden und hatten das Gespräch der beiden fast atemlos verfolgt. Hätte es noch irgendeinen winzigen Zweifel gegeben, spätestens nach diesen Worten war mir klar, dass ich nie wieder einen Mann so lieben würde wie meinen Gus. Als wir noch alle schweigend dasaßen und nach den richtigen Worten suchten, hörten wir Roberto und Bjørn ins Haus kommen. Als sie die Küche betraten, erfasste Bjørn sofort, dass etwas passiert war. Albert sprang sofort von Gus' Schoß und fiel seinem Patenonkel um den Hals; nicht mehr so traurig wie vor ein paar Minuten, aber sehr anhänglich. Albert wollte einfach von seinem geliebten Onkel in den Arm genommen und vielleicht auch getröstet werden. Bjørn drückte den Kleinen ganz fest, aber schaute uns gleichzeitig fragend an. "Oma Astrid ist gestorben", sagte Gus ganz sachlich. - "Ja, und ihre Seele passt jetzt auf mich auf", verkündete Albert überzeugt. "Und wo sind Papa und Mama?" "Ich weiß nicht genau. Ich glaube, Papa muss ein Loch buddeln". "Wieso das denn?" "Na ja, Papa hat vorhin zur Mama gesagt: ‚Jetzt müssen wir sehen, dass wir sie ordentlich unter die Erde bringen'…". Bjørn drehte sich etwas weg, um nicht zu zeigen, dass er ein Lachen kaum unterdrücken konnte. Auch wir anderen hatten große Mühe ernst zu bleiben. "So, so… hat der Papa sonst noch was gesagt?" - "Ja, ich soll hier bleiben, bis er oder Mama mich holt". "Ok, hast Du denn Zahnbürste und Schlafanzug mitgebracht?" - "Nee, habe ich vergessen. Aber meine Zahnbürste ist doch oben im Bad und Schlafanzug brauche ich nicht. Ich habe doch schon mal ein Hemd von Dir genommen". - "Na gut, ausnahmsweise". Bjørn nahm Albert auf den Arm und stellte fest, dass Neunjährige eigentlich viel zu schwer zum Tragen waren. Als sie die Treppe raufstiegen, fragte Bjørn: "Sag mal, woher weißt Du das mit der Seele?" - "Onkel Gus hat das gesagt". - "Ach so… ja… da hat er natürlich recht". Nachdem Bjørn aufgepasst hatte, dass Albert sich ordentlich die Zähne putzte und ihm kurz das Gesicht mit einem Waschlappen gewaschen hatte, gab er ihm eines seiner Baumwollhemden und brachte ihn ihr Schlafzimmer. "Heute darfst Du hier schlafen, morgen wieder nebenan, ok?" Albert strahlte selig, gab seinem Onkel einen Kuss und kuschelte sich genau in der Mitte des großen Doppelbettes ein. Bjørn setzte sich noch einen Augenblick neben ihn und wartete, bis er eingeschlafen war. Dann schloss er ganz leise die Tür und ging ins Arbeitszimmer, um Arild anzurufen. Es meldete sich niemand. Kurz kam ihm der Gedanke, es bei Einar zu versuchen. Doch dann schien es ihm unpassend mitten in der Nacht im Trauerhaus anzurufen. Ich brachte Jacob nach Bergstad zurück und schaute kurz bei Tinus rein. Von Arild und Mai Linh war nichts zu sehen. Sie hatten lediglich für Tinus die Nachricht hinterlassen, dass Astrid verstorben sei und Arild am nächsten Tag um zehn Uhr wieder auf Bergstad sein werde. Als wir uns morgens zum Frühstück in der Küche trafen, hatte Albert die Ereignisse vom Vortag scheinbar gut verarbeitet. Nur in die Schule wollte er nicht, da seine Tasche auf Bergstad war und vor allem, weil er keine Lust hatte, nach Oma Astrid gefragt zu werden. Also rief Bjørn in der Schule an und entschuldigte ihn. Das war zwar nicht legal, aber da ihn alle Lehrer und der Direktor kannten, akzeptierten sie es ohne Nachfrage. Anschließend packte er Albert ins Auto und sie fuhren nach Bergstad. Tinus und Jacob saßen im Clubhaus vor dem Kamin und lasen Zeitung. Tinus hatte täglich eine Anzahl internationaler Zeitungen abonniert darunter auch zwei deutsche, deren Wirtschaftsteil er auch in Norwegen jeden Tag durcharbeitete. Von Arild und Mai Linh hatten beide noch nichts gesehen. Bjørn war etwas ungehalten, wollte es aber im Beisein von Albert nicht sagen. Er schickte ihn ins Haupthaus und sagte: "Schatz hol Deine Schultasche und pack Dir ein paar Sachen zum Anziehen und zum Spielen ein". - "Ok,… Schlafanzug auch?" - "Ja, auch". Als Albert verschwunden war, sagte er: "Ich habe großes Verständnis dafür, dass die beiden - er meinte Arild und Mai Linh - sich jetzt um Einar kümmern und eventuell auch alle Formalitäten erledigen müssen. Aber sie hätten den Kleinen nicht einfach völlig verzweifelt, allein im Dunkeln nach Bjørnstangen laufen lassen dürfen. Und sie hätten wenigstens mal anrufen müssen". "Stimmt, das habe ich gestern abend auch gedacht. Der Junge war ziemlich aufgelöst. Gottseidank hat sich Gus so liebevoll um ihn gekümmert. Das war einfach toll", erwiderte Jacob. Tinus schüttelte den Kopf und meinte: "Ich versteh das nicht. Arild und Mai Linh wirken schon seit Monaten so, als ob sie nicht in der Lage sind, dem Kleinen ein gemütliches Zuhause zu bieten. Sie reden kaum mit einander und kümmern sich wenig um das, was ihr Sohn macht. Ich habe das Gefühl, er ist mehr auf Bjørnstangen als hier. Wenn er hier ist, sitzt er oft bei mir und schaut Fernsehen, oder wenn ganz selten mal Schulkameraden zu Besuch kommen, stromern sie im Gelände rum, und es interessiert die Eltern kaum, ob der Sohn zum Essen kommt oder nicht". "Ich würde das gern mit Arild besprechen, aber jetzt ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt". Bjørn sah ernst und sehr nachdenklich aus. Gerade als Albert mit einem riesigen Rucksack und seiner Schultasche vom Haupthaus zum Clubhaus lief, bog Arilds Pickup auf den Hof ein. "Hei Papa!", rief Albert und lief seinem Vater entgegen. Arild sah müde und übernächtigt aus. "Hallo mein Sohn! Wo willst Du denn hin?" - "Zu Onkel Bjørn. Er hat gesagt, ich soll meine Schultasche und ein paar Sachen holen". - "So, hat er das?". Ohne seinen Sohn auch nur kurz zu berühren, kamen sie gemeinsam ins Clubhaus. Bjørn begrüßte Arild und drückte ihm sein Beileid aus. "Danke! Sie war ja eigentlich keine Verwandtschaft, aber für Mai Linh eben irgendwie doch die Mutter. Einar macht mir Sorgen. Er wird die nächsten Tage nicht allein leben können, aber zu uns kommen will er auch nicht". Jacob stand auf und fragte Albert: "Hast Du Lust, mir ein bisschen den Golfplatz zu zeigen?" - "Oh ja, gern". Albert strahlte und sah Bjørn fragend an. "Frag nicht mich, frag Deinen Vater!" Arild wirkte, als habe er seinen Sohn gar nicht bemerkt. "Papa, darf ich Jacob den Golfplatz zeigen?" - "Mach, was Du willst". Als die beiden draußen waren, sagte Bjørn: "Arild, so kann das nicht weitergehen. Das mit Astrid ist schlimm und für Einar muss auch eine Lösung gefunden werden, aber der Kleine darf nicht darunter leiden". - "Och, er ist doch schon groß und intelligent genug zu begreifen, dass wir jetzt anderes zu tun haben, als uns um seine Spielsachen zu kümmern". "Es geht wohl nicht um seine Spielsachen. Es geht um seine kleine Seele. Er braucht im Augenblick ganz viel Liebe". "Wie willst Du das beurteilen? Er soll ordentliche Schulnoten mitbringen und sich nicht mit Nebensächlichkeiten beschäftigen. Mai Linh und ich haben so viel zu tun, dass er auch mal allein zurechtkommen muss. Na ja, und ein bisschen Zeit für uns selbst brauchen wir auch". "Mir ist gestern abend aufgefallen, wie glücklich der Junge ist, wenn ihm jemand zuhört und ihn ernst nimmt". - "Glaubst Du, wir tun das nicht?". "Du hast eben selbst gesagt, Ihr habt keine Zeit". - "Na ja, nicht immer. Aber er hat doch alles, was er braucht". "Pass auf, ich mach Dir einen Vorschlag: Albert zieht für ein paar Wochen zu uns nach Bjørnstangen. Dann hast Du und Mai Linh mehr Zeit für Euch und könnt zur Ruhe kommen. Wir lassen einfach Albert die Wahl, wann und wie oft er wo sein möchte. Wir passen auf, dass er seine Hausaufgaben macht, regelmäßig zur Schule geht und ordentlich isst". Arild sah nachdenklich zu Boden und wirkte überhaupt nicht mehr wie der starke Bär, der er noch vor einigen Tagen war. "Vielleicht hast Du recht. Ich bin kein guter Vater und Mai Linh ist oft überfordert. Aber ich habe immer gedacht, der Kleine merkt das nicht. Er kann doch fast immer machen, was er will, und wir schimpfen ganz selten mit ihm". "So ein kleiner, kluger Kerl braucht aber noch ein bisschen mehr. Er braucht Sicherheit und Vertrauen". Arild drehte sich um und wollte ohne ein Wort nach draußen gehen. Bjørn rief ihm nach: "Arild! Ich brauche Dein Einverständnis, dass Albert zu uns kommt". - "Ja, ja ist schon in Ordnung". Er ging direkt zu seinem Auto, startete und fuhr vom Hof. Tinus hatte das Gespräch aufmerksam verfolgt, schüttelte den Kopf und meinte: "Nicht nur seine Frau ist überfordert, er auch. Ich hoffe, die Arbeit hier auf dem Hof und dem Platz leidet nicht. Sonst müsste ich noch jemanden einstellen. Wenn die Saison wieder losgeht, gibt es Arbeit rund um die Uhr". "Das Problem lässt sich bestimmt lösen. Notfalls suche ich jemanden für Dich". - "Danke, das wäre schön, wenn Du nach Weihnachten hin und wieder ein Auge auf Bergstad wirfst. Ich bin in den nächsten Monaten viel auf Reisen und kann erst im März wieder hier sein". "Mach ich. Wenn's nötig ist, können wir ja telefonieren". - "Danke! Wenn Du Geld brauchst, meldest Du Dich. Du bist ein wirklich toller Freund". Tinus nahm Bjørn ganz liebevoll in den Arm und gab ihm einen Kuss. Draußen hörten sie Jacob und Albert fröhlich lachend über den Hof laufen und dann im Flur des Clubhauses ihre Schuhe abtreten. "Wo ist Papa?" - "Der konnte nicht mehr warten. Er lässt Dich lieb grüßen und möchte, dass Du eine Zeit lang auf Bjørnstangen wohnst. Willst Du das?" "Oooohh jaaa!". Albert sprang vor Freude auf das Ledersofa, hüpfte dort wie auf einem Trampolin, fiel dann Bjørn von hinten um den Hals und wollte Huckepack getragen werden. Der lachte und machte das Spiel mit. Die beiden sausten durch das Clubhaus, johlten und alberten, bis Bjørn seinen kleinen Reiter behutsam wieder auf dem Sofa absetzte und sagte: "So, Du Clown, jetzt hat Dein Onkel Hunger und ist total geschafft. Wir fahren jetzt nach Hause und gucken mal, ob Kjell etwas zu essen hat". In der Küche auf Bjørnstangen roch es köstlich nach Bratkartoffeln mit Fleischklopsen und ein Blech mit "sjokoladekake" stand auf der Anrichte zum Abkühlen. Albert nahm wie selbstverständlich seinen Platz links neben Bjørn ein und trank gleich erstmal ein großes Glas Milch fast in einem Zug aus. Der weiße Kranz um seine Lippen sah danach so lustig aus, dass Jacob laut lachen musste. "So, mein Freund, wenn Du länger mit uns zusammen wohnen willst, musst auch Du mit dem Essen warten, bis wir anderen angefangen haben", schmunzelte Bjørn gespielt streng. "Ok, mach ich." Am nächsten Tag verabschiedete sich Jacob von Bjørn und Roberto und fuhr mit uns nach Asker. Wir zeigten ihm Grønnt-Hus, fuhren mit ihm zum inzwischen schneebedeckten Holmenkollen und schauten bei Kunstnernes Hus vorbei, um mit Jerry und Morten gemeinsam etwas zu essen. Unser Gästezimmer lag gleich neben unserem Schlafzimmer und hatte einen Ausgang zum selben Balkon. Dort stand Jacob, nachdem er seine Sachen eingeräumt hatte und genoss den Ausblick auf unseren Garten und die schneebedeckten Hügel in der Ferne. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich für das graue, kalte Novemberwetter entschuldigen zu müssen, obwohl Jacob das gar nichts auszumachen schien. "Du musst im Sommer noch mal wiederkommen. Dann ist es hier einfach wunderschön". - " Das ist es doch jetzt schon. Für mich lebt Ihr im Paradies". "Ach, weißt Du, ich glaube, wir sehen das schon gar nicht mehr". "Nicht nur die Landschaft ist hinreißend. Auch die Art wie Ihr alle mit einander umgeht fasziniert mich. Vor allem, wie Ihr und Bjørn das Problem mit dem kleinen Albert gelöst habt, war einfach toll. Die Liebe, mit der sowohl Gus als auch Bjørn auf den kleinen Kerl eingegangen ist, war so rührend. Gäbe es doch nur mehr schwule Männer wie Euch. Ihr gehört zu dem Typus, den man bei uns in Amsterdam jedenfalls nicht in Bars oder in der Sauna trifft". "Das hat sicher etwas damit zu tun, mit welcher Erwartungshaltung Du in die Sauna oder die Bar gehst. Insgeheim treibt uns doch die Lust auf Sex dort hin. Wir erwarten gar nicht, den Partner fürs Leben dort zu treffen. Dementsprechend verhalten wir uns und senden Signale aus, die meistens als oberflächlich, arrogant oder gleichgültig aufgefasst werden. So entsteht natürlich keine Gesprächsebene und schon gar nicht das Interesse an der Persönlichkeit des Gegenübers". "Mag sein". "Sieh mal, im Laufe der Jahre haben unsere Freunde und wir sehr viel von einander erfahren. Wir haben eine Menge mit einander erlebt und vor allem von einander gelernt. Dabei haben wir oft und mehr oder weniger intensiv, Sex mit einander gehabt. Aber der Sex steht nicht im Vordergrund. Er gehört zu unseren gemeinsamen Interessen und manchmal bestätigt er uns, dass wir uns einfach gern haben. Nicht mehr aber auch nicht weniger". "Hat denn niemand von Euch jemals Bedenken gehabt, Eure Freundschaften könnten durch Sex auch wieder zerstört werden?". "Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, man kann Freundschaften nur erhalten, wenn man sich zwingt Streit, Hass und Egoismus so weit wie möglich zu unterdrücken und dem anderen möglichst nichts Unredliches zu unterstellen". "Sehen das die anderen auch so?" "Auch das weiß ich nicht, aber sie akzeptieren auf jeden Fall, dass Gus und ich das so sehen. Auch mit Bjørn und Roberto sind wir in diesem Punkt hundertprozentig einer Meinung". "Ich habe in der kurzen Zeit, in der ich Euch kenne so viel gelernt und bin so fasziniert, dass ich hoffe, ich werde in Zukunft zu festeren Beziehungen und Freundschaften in der Lage sein". "Bei uns bist Du jedenfalls immer willkommen". "Danke! Das ist lieb". "Das ist auch ein bisschen Eigensucht", schmunzelte ich, nahm ihn in den Arm und gab ihm einen Kuss auf die schönen Lippen. Die Tage zusammen mit Jacob vergingen viel zu schnell. Wir tobten nackt durch unser Haus, schliefen fast jede Nacht miteinander und hatten sogar wilden Sex beim Brotbacken in der Küche. Als wir uns am Ende der Woche von Jacob auf dem Flugplatz verabschiedeten, versprachen wir uns fest, uns so schnell wie möglich wieder zu treffen und nahmen uns so heftig in den Arm, dass wir wiedermal abfällige Bemerkungen von umstehenden Mitreisenden provozierten, um die sich allerdings keiner von uns scherte. Da bei Grønnt Hus sehr viel zu tun war, konnten Gus und ich lediglich über die Weihnachtstage nach Bjørnstangen fahren. Die Probleme auf Bergstad-Gård waren nicht weniger geworden. Auch nach der Beerdigung von Astrid und einer akzeptablen Lösung für Einar, hatte sich das Verhältnis von Mai Linh und Arild weiter verschlechtert. Sie arbeiteten zwar beide fleißig auf dem Hof, sprachen aber kaum mit einander und hatten beide offenbar angefangen sporadisch sehr viel Alkohol zu trinken. Um Albert kümmerten sie sich nur wenig. Selbst zu Weihnachten brachten sie ihre Geschenke nach Bjørnstangen und waren beide deutlich betrunken, als sie ihren Sohn umarmten und ihm frohe Festtage wünschten. Albert nahm es gelassen und behandelte seine Eltern, als seien sie gute alte Bekannte. Er zeigte zum Beispiel Bjørn stolz, einen ‚Walkman', den er von uns geschenkt bekommen hatte und nicht etwa seinem Vater. Kurz bevor seine Mutter in der Küche einzuschlafen drohte, machten sie und Arild sich schwankend, durch den Schnee stapfend auf den Heimweg. Ich wollte am Weihnachtsabend das Thema nicht weiter vertiefen, fragte aber Bjørn am nächsten Tag: "Wie soll das mit Albert weitergehen?". Ich war noch zu sehr Sozialpädagoge, als dass mich das Schicksal des kleinen Kerls und seiner Familie kalt gelassen hätte. "Ich habe mit Arild über eine befristete Pflegschaft gesprochen. Er hat im Prinzip nichts dagegen und versprochen, dem Lensmann einen entsprechenden Vorschlag zu machen. Aber Du weißt ja, wie schwierig das in Norwegen ist und wer alles zustimmen muss. Ganz abgesehen davon, dass ich die Pflegschaft alleine beantragen müsste. ‚Barnevernet' akzeptiert ja Roberto nicht als meinen Lebenspartner und selbst, wenn das eines Tages geklärt sein sollte, wäre eine gemeinsame Pflegschaft für sie immer noch aus moralischen Gründen unakzeptabel". Im neuen Jahr eskalierte das Problem. Mai Linh hatte sich betrunken mit einem Messer verletzt. Arild fand sie gerade noch rechtzeitig. Der Arzt veranlasste sofort die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik in Arendal. Wie damals in Norwegen üblich, wurde der Fall auch ‚Barnevernet' gemeldet, wo gerade Bjørns Pflegschaftsantrag behandelt wurde. Schon eine Woche später trafen sich auf Bjørnstangen all die, die über die Zukunft des kleinen Albert entscheiden sollten. Da war die Vertreterin von Barnevernet, Alberts Lehrerin aus der Grundschule, der Lensmann und ein Psychologe. Interessanterweise hatte man auch mich um eine Stellungnahme gebeten, da ich als ehemaliger Mitarbeiter von Barnevernet in Asker zum einflussreichen Bekanntenkreis von Bjørn gehörte, wie es offiziell hieß. Allerdings durfte ich an der entscheidenden Sitzung im Wohnzimmer von Bjørnstangen nicht teilnehmen. Einzeln wurden Bjørn, Roberto, Tante Rita und ich befragt. Zum Abschluss beantragte die Lehrerin auch Albert zu hören. Er habe eine überdurchschnittliche Intelligenzleistung und sei durchaus in der Lage, seine Situation zu beurteilen. Der Psychologe unterstützte den Vorschlag und warnte davor, eine Entscheidung gegen den Willen des Jungen zu fällen. Da ich ahnte, welche Fragen man Albert stellen würde, hatte ich ihn in der Küche etwas vorbereitet. "Wenn Du hier bei Onkel Bjørn und Onkel Roberto bleiben möchtest, musst Du auf alle Fragen dieser Leute ehrlich antworten. Du brauchst keine Angst haben, die wollen eigentlich nur wissen, was Du wirklich willst". Albert war großartig. Er hatte genau verstanden, worum es ging und war so selbstbewusst, wie ich bisher kaum einen Jungen seines Alters erlebt hatte. Er ging allein ins Wohnzimmer und begrüßte die Anwesenden mit einem knappen "Hei!" Seine Lehrerin übernahm erst einmal allein die Befragung. "Na, Albert, wie geht es Dir?" "Danke, sehr gut". "Weißt Du, warum wir hier sind?" "Ja klar. Ihr wollt sagen, wer auf mich aufpassen soll, solange Mama und Papa krank sind". Seine Lehrerin schmunzelte und schaute Albert lange schweigend an. "Kennst Du Lensmann Asger?" "Ja, der geht doch immer vorm ‚Barnetoget' am 17. Mai". "Stimmt, und Ragnar hier möchte Dich und Onkel Bjørn kennenlernen und Kristin muss aufpassen, dass nichts passiert, was nicht gut für Dich wäre". "Ok, alles klar". "Sag mal Albert, vermisst Du Deine Mama und Deinen Papa sehr?" Albert hatte mit dieser Frage nicht gerechnet und zögerte einen kleinen Moment, strahlte dann die Versammlung an und sagte: "Nein, wieso? Die sind doch öfter mal weg". "Und was machst Du dann?" Albert schaute seine Lehrerin überrascht an und antwortete als ob sie völlig begriffsstutzig sei: "Na, ich bin dann hier bei Onkel Bjørn… Mein Zimmer hier oben ist sowieso schöner als meins auf Bergstad". "Bist Du oft hier?" "Ja". "Wo bist Du lieber?" Wieder legte Albert den Kopf schief und guckte seine Lehrerin an, als ob diese Frage eigentlich überflüssig sei. "Na hier natürlich. Onkel Bjørn und Onkel Roberto können mir auch viel besser bei den Hausaufgaben helfen. Mama und Papa finden das doch alles viel zu schwer". Wieder schmunzelte seine Lehrerin und schaute in die Runde, um sich stillschweigend bestätigen zu lassen, wie intelligent ihr Schüler war. Jetzt mischte sich Ragnar, der Psychologe ein: " Spielt denn Onkel Bjørn auch mit Dir?" "Ja, ganz oft. Onkel Bjørn ist echt klasse und wahnsinnig stark…und er weiß ganz viel, was Onkel Roberto nicht weiß. Er gewinnt immer beim Schach und beim ‚Spørreleken' (Fragespiel). Memory gewinne fast immer ich. Onkel Roberto kann ganz toll schnitzen und singen…viel besser als Onkel Bjørn". "Oh, da macht Ihr aber viel. Ist denn Dein Onkel Bjørn streng?" "Manchmal, aber nicht so streng wie Papa". "Magst Du denn auch mal mit Deinem Onkel kuscheln?" "Ja, das ist immer ganz toll. Ganz anders als mit Mama und Papa… die haben immer keine Zeit". "Darfst Du denn auch bei Deinem Onkel im Bett schlafen?" "Onkel Bjørn möchte das nicht". Spätestens jetzt war das Gespräch in eine kritische Phase gekommen, denn Albert ahnte, dass eine ehrliche Antwort Schwierigkeiten machen würde. Ragnar hakte aber glücklicherweise nicht weiter nach. Lensmann Asger hatte bisher schweigend zugehört, lächelte jetzt Albert an und fragte: "Hast Du viele Freunde?" "Ja, einige aus meiner Klasse kommen hin und wieder zum Spielen". Asger nickte und sagte zu Alberts Lehrerin: "Mein Sohn war auch schon häufig auf Bergstad und hier wohl auch. Die Kinder haben immer großen Spaß mit einander". "Ja Albert, das hast Du ganz prima gemacht. Du darfst jetzt wieder zum Spielen gehen. Wir müssen uns nur noch einen Augenblick unterhalten". Albert berichtete uns über die Befragung fast wörtlich und schob sich dabei ein großes Stück Schokoladenkuchen in den Mund. Zehn Minuten später kam seine Lehrerin in die Küche und fragte: "Albert, magst Du uns noch Dein Zimmer zeigen?" "Ja, klar! Möchtest Du vorher noch ein Stück Schokoladenkuchen?" "Die anderen dürfen keins?" Albert sah etwas zweifelnd auf den Kuchen und schien die Stücke zu zählen. Dann meinte er: "Dann müsst Ihr die Stücke nochmal teilen". Alle konnten sich ein Lächeln nicht verkneifen. Albert nahm seine Lehrerin an die Hand und zog sie die Treppe rauf. Die anderen folgten neugierig. Wir hatten unser Schlafzimmer Albert abgetreten und schliefen jetzt in dem Zimmer, das eigentlich für Vatern reserviert war. Albert hatte ein kleineres Bett, einen Schrank für seine Spielsachen und einen neuen Schreibtisch bekommen. Stofftiere, Legosteine, Spielzeugautos und Comic-Hefte lagen verstreut im ganzen Zimmer herum. "Oh, so ein tolles Zimmer hätte ich auch gern mal gehabt, als ich klein war", sagte Kristin. Bjørn war inzwischen auch dazu gekommen. Alberts Lehrerin lobte ihn für alles, was er für seinen Patensohn bisher getan hatte und bat ihn dann zu einem kurzen Gespräch nach unten. "Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Du erstmal für die nächsten sechs Monate die Pflegschaft für Albert übernehmen kannst. Kristin wird Euch zwischendurch mal besuchen und Walter soll uns später seinen Eindruck über Alberts Entwicklung mitteilen. Bist Du damit einverstanden?" "Ja, das ist in Ordnung, solange der Junge nicht zu sehr belastet wird und zur Ruhe kommt". Für die damaligen Verhältnisse in Norwegen, war die Pflegschaftsentscheidung ungewöhnlich. Bei Kindern wurden Einzelpflegschaften an Männer nur sehr selten vergeben. Bis weit in die zweitausender Jahre zog man Ehepaare oder Frauen vor. Die Neuigkeit von Alberts vorläufigem Einzug auf Bjørnstangen verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Gemeinde. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Albert selbst stolz in der Schule verkündete, er wohne jetzt auf Bjørnstangen und seine Klassenkameraden könnten ihn dort besuchen. Kurz vor Ostern kam Mai Linh aus der Klinik. Arild wollte ihr eine Freude machen und schenkte ihr eine Reise nach Dänemark zu Verwandten in Aalborg. Dazu hatte er Tickets für die neue Fährlinie von Oslo nach Frederikshavn gekauft. Am 6. April waren sie bereits vormittags mit dem Zug nach Oslo aufgebrochen, um am späten Nachmittag mit der Fähre ‚Scandinavian Star' in Richtung Dänemark abzulegen. Am Samstag, den 7. April 1990 wachte ich morgens bereits um halb fünf auf. Wie immer kochte ich mir einen Kaffee und stellte das Radio ein. Es lief nicht wie gewohnt Musik um diese Zeit, sondern ein aufgeregter Reporter berichtete über den Brand auf einer Fähre im Skagerrak. Erst als der Name des Schiffes genannt wurde, wurde mir die Tragödie bewusst. Ich ließ meine Kaffeetasse stehen und lief sofort ins Schlafzimmer, um Gus zu wecken. Ich erzählte ihm kurz, was ich gehört hatte und rief dann auf Bjørnstangen an. Bjørn hatte noch kein Radio angeschaltet und wollte gerade zum Melken gehen. Ich war sehr aufgeregt und er versuchte mich zu beruhigen. Er versprach sofort die Reederei anzurufen und sich anschließend wieder bei uns zu melden. Es verging eine ganze Stunde, bis Bjørn endlich anrief. Zur Reederei war er nicht durchgekommen, daher hatte er schließlich den Lensmann privat angerufen. Der seinerseits nahm Kontakt mit der Polizei in Oslo auf und bekam so die aktuellsten Informationen. Nach einem Brand an Bord hatte das Schiff gegen 2:00 Uhr May-Day gefunkt. Eine Rettungsaktion mit mehreren Schiffen und Helikoptern war in vollem Gang und man rechnete damit, die meisten Passagiere retten zu können. Dieser Optimismus war verfrüht. Bereits um 9:00 Uhr morgens rechnete man mit über 100 Toten. Gegen Mittag gab dann die schwedische Polizei die Opferzahl mit 157 an, von denen viele noch nicht identifiziert waren. Später erfuhren wir, die meisten Menschen waren nicht verbrannt sondern erstickt. Gus und ich fuhren gleich nach dem Frühstück nach Bjørnstangen. Als wir in die Küche kamen, saß bereits der Lensmann dort und sprach mit Bjørn und Roberto. Albert war mit Magne im Gewächshaus. Die Polizei hatte vor einer halben Stunde bestätigt, dass Mai Linh und Arild auf einer Liste von Vermissten standen. Es gäbe noch Hoffnung, da die schwedische Feuerwehr immer noch Lebende von Bord hole. Am späten Nachmittag kam dann die traurige Nachricht, dass Mai Linh und Arild unter den identifizierten Todesopfern waren. Albert hatte mitbekommen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Niemand wollte ihn beunruhigen, daher erzählten wir ihm weder von dem Unglück, noch warum Lensmann Asger am Samstag im Haus war. Erst kurz vorm Abendbrot ging Bjørn zu Albert, der in seinem Zimmer spielte. Fast eine Stunde lang war es oben ganz still. Dann kam Bjørn mit seinem kleinen 9jährigen Pflegesohn auf dem Arm in die Küche. Der kleine Albert lutschte das erste Mal, seit ich ihn kannte am Daumen und schmiegte sein verweintes Gesicht ganz fest an den Hals seines Onkels. Als er Gus sah, lächelte er plötzlich und flüsterte: "Glaubst Du, dass Papas und Mamas Seele schon Oma Astrid getroffen haben?" Gus strich ihm zärtlich über den Kopf und antwortete: "Ganz bestimmt". "Dann wird Papa auch nicht böse, wenn er sieht, dass ich geweint habe". Eine von Alberts typischen Gedankensprüngen, deren Logik sich anderen nur schwer erschloss. Die Vorstellung schien ihn zu beruhigen. Er kletterte von Bjørns Schoß und ging zu Gus. "Sind Papa und Mama gestorben, weil sie nicht schwimmen konnten?". "Wie kommst Du darauf?" - "Weil Papa gesagt hat, ich müsse schwimmen lernen, weil das vielleicht mal mein Leben retten könnte". "Da hat er recht gehabt, aber er ist nicht ertrunken, sondern er ist erstickt". - "Ach so, das ist nicht so schlimm, oder? Papa hat immer zu Mama gesagt, ‚Ich ersticke nochmal an deiner Qualmerei'". Trotz der traurigen Nachrichten mussten wir jetzt alle erneut schmunzeln. In dieser Nacht durfte Albert wieder in Bjørns Baumwollhemd im großen Doppelbett zwischen den beiden schlafen. Vermutlich hätte sogar Ragnar, der Psychologe nichts dagegen einzuwenden gehabt. Der hat es allerdings nie erfahren. Am Montag brauchte Albert nicht zur Schule, und seine Lehrerin vereinbarte mit Bjørn, keinen Druck auf den Kleinen auszuüben. Für Einar war der Tod seiner Pflegetochter fast noch schlimmer als der Tod seiner Frau vor ein paar Monaten. Er zog freiwillig in ein Pflegeheim und überließ seinen Hof einem Neffen zweiten Grades. Zwei Tage nach der Beerdigung stellte sich heraus, dass Arild und Mai Linh ein gemeinsames Testament gemacht und noch einmal ausdrücklich bekräftigt hatten, dass sie wünschten, dass ihr Sohn und Alleinerbe, im Falle er sei zum Zeitpunkt ihres Ablebens noch minderjährig, bei Bjørn und Roberto aufwachsen solle und Bjørn solle auch sein Vermögen verwalten. Bjørn hatte sich unabhängig davon bereits mit Tinus in Verbindung gesetzt und vereinbart, möglichst schnell einen Verwalter für Bergstad-Gård zu finden. Den Golfplatz und das Clubhaus hatte Bjørn bereits eigenmächtig vorübergehend geschlossen. Tante Rita erklärte sich bereit, das Haupthaus in Ordnung zu halten, bis Bjørn einen Verwalter gefunden hatte. Tinus wollte so schnell wie möglich nach Norwegen kommen. Albert gewöhnte sich erstaunlich schnell daran, dass seine Eltern nicht mehr da waren. Auch seinem alten Zuhause schien er nicht nachzutrauern. Barnevernet änderte seinen Pflegschaftsbeschluss und übertrug Bjørn ab sofort die Pflegschaft bis zu Alberts Volljährigkeit. Auf Wunsch von Barnevernet schrieb ich innerhalb eines Jahres zwei Berichte über Alberts Entwicklung. Beide unterschieden sich nur unwesentlich von einander. Albert war ein aufgeschlossenes, phantasiebegabtes, soziales und fröhliches Kind. Seine schulischen Leistungen waren hervorragend und er zeichnete sich durch starkes Selbstbewusstsein und Selbständigkeit aus. Wenn Albert ‚nein' sagte - was selten vorkam -, meinte er nein. Er war weder ein bockiges noch ein verwöhntes Kind und fand sich klaglos mit den Regeln ab, die Bjørn ihm hin und wieder auferlegte. Lediglich, wenn diese Regeln aus seiner Sicht nicht ausreichend begründet oder ungerecht waren, dann protestierte Albert. Logische Erklärungen akzeptierte er sofort. Seine Freunde gingen auf Bjørnstangen ein und aus, aber auch sie mussten sich an Bjørns und Robertos Vorgaben halten. So war der Kuhstall und das Gewächshaus als Spielplatz tabu, im Haus mussten die Schuhe ausgezogen werden und in Alberts Zimmer durfte nicht getobt werden. Im Haus und besonders in der Küche war Kjell der Chef für die Kinder und sie hatten sich ihm zu fügen. Bjørn verlangte, dass Albert sagte, wohin er ging, hatte aber nichts dagegen, wenn er seinen inzwischen besten Freund den Sohn von Lehnsmann Asger besuchte und später dort auch mal über Nacht blieb. Auch zu Tante Rita und Onkel Odd durfte er ohne zu fragen. Die beiden wurden für ihn Oma und Opa und verwöhnten ihn entsprechend. Kristin, die Mitarbeiterin von Barnevernet, stellte bereits Ende 1990 ihre Besuche auf Bjørnstangen ein und ließ bis zu Alberts 18. Geburtstag nichts mehr von sich hören. (Dran bleiben! Es geht im Kapitel 21 weiter.)

Kommentare, Anregungen und Fragen bitte über den Chat oder: gugamster@hotmail.com)

 
 
 

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