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Die Jungs - Teil 2

  • Autorenbild: gert
    gert
  • 27. Juni 2020
  • 32 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug. 2021





Der Weg aus der Stille in den Lärm


Der erste Brief von fünfzehn, den Albert an Pino schrieb, kaum nachdem sie wieder auf Bjørnstangen waren, musste Roberto übersetzen und war dabei gleichzeitig gerührt und überrascht.


„Mein liebster Pino! Ich hoffe es geht Dir gut und es tut Dir nichts mehr weh. Schreibe bitte sofort, wenn der blöde Kerl Dich wieder ärgert. Mein Papa bringt das in Ordnung. Es wäre so schön, wenn Du hier wärst. Ich könnte viel besser auf Dich aufpassen. Auch meine Schulfreunde sind sehr nett. Sie würden Dir gefallen. Du könntest auch Deine Katze mitbringen. Sie würde sich bestimmt mit unseren vertragen. Ich weiß schon, wie ich mein Zimmer umräumen werde, wenn Du kommst. Bitte, bitte komm bald! Dein A. – daneben ein Herz“.


Es ärgerte Albert ein bisschen, dass er Roberto bitten musste, seine Briefe ins Italienische zu übersetzen, aber er sprach halt besser als er schrieb. Es war ihm überhaupt nicht peinlich, dass Roberto las, was er geschrieben hatte. Aber er hätte gerne etwas ganz persönliches zwischen sich und Pino gehabt, von dem niemand etwas wusste. Er fügte deshalb noch zwei Zeichnungen hinzu, die Bjørn und Robert erst viele Jahre später zu sehen bekamen.


Warum er auf der einen Pino mit übergroßem Penis und sich selbst mit einem eher undeutlichen, kleinen darstellte, konnte auch später nicht geklärt werden. In der anderen Zeichnung stellte er noch einmal Bjørnstangen und seine Bewohner in den leuchtendsten Farben dar und versah alle Personen mit ihren Namen.


Pino antwortete jedes Mal umgehend. Seine Briefe begannen immer mit „Carissimo Albert“ und der Umschlag war mit „personalmente“ beschriftet. Albert fiel aber auf, dass die Zeichnungen und Worte von Mal zu Mal trauriger wurden und als Pino kurz vor Weihnachten schrieb, dass er keine Lust mehr habe, in die „doofe“ Förderschule zu gehen, fragte er Bjørn, ob sie nicht das Weihnachtsfest in Ligurien verbringen könnten.


„Schatz, das geht nicht. Wir können hier im Winter nicht weg. Du weißt, dass wir sehr viel zu tun haben, aber ich mache Dir einen Vorschlag. Wir laden Pino und seinen Vater zu Ostern nach Bjørnstangen ein und bis dahin versuche ich, mehr zu erfahren, ob es in Norwegen Ärzte gibt, die Pinos Gehörschaden operieren können. Wenn wir alle ganz fest daran glauben, dann kann das klappen. Was hältst Du davon?“


Albert überlegte lange und sah Bjørn nachdenklich an. „Könnte Pino dann hier bleiben?“

„Das kann ich nicht bestimmen. Aber wir können ja mal mit Luca sprechen, was er davon hält, wenn Pino in Norwegen operiert wird und danach ein paar Wochen bei uns wohnt“.

„Oh ja, darf ich das Pino schreiben? Vielleicht geht er dann wieder gern zur Schule“.

„Ja, meinetwegen… aber mach ihm nicht zu viele Versprechungen. Wenn sein Vater nein sagt, oder die Ärzte in Oslo sagen, es geht nicht, dann muss alles bleiben, wie es ist“.


Albert nickte heftig aber strahlte seinen ‚Papa‘ glücklich an. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass sein „größter Held aller Zeiten“ (so hatte er Bjørn mal in einem Schulaufsatz genannt) die Angelegenheit hin bekommen würde. Schließlich hatte er bisher jedes Problem gelöst. Und dann gab es da ja auch noch alle die Onkels, mit denen Roberto und Bjørn befreundet waren. Da waren zu aller erst Onkel Gus und Onkel Walter, die Albert über alles liebte und die ja schließlich auch hin und wieder mit Bjørn und Roberto in einem Bett schliefen. Und es gab Onkel Tinus, der oft viele Wochen auf Bergstad-Gård wohnte und schon zu seinem Papa Arild und seiner Mama immer sehr nett war. Alle die zusammen - da war Albert sich sicher - würden dafür sorgen, dass sein Pino geheilt würde und bei ihm auf Bjørnstangen bleiben dürfte.


So schrieb er es dann auch an seinen Freund und legte gleich mehrere Zeichnungen bei. Besonders viel Mühe gab er sich mit einem riesigen Weihnachtsbaum, den er vor das Haupthaus von Bjørnstangen platzierte und neben den er seine beiden Pflegeväter und die drei wichtigsten Onkel stellte, denen er allen ein breites Lächeln verpasst hatte. Auf einem zweiten Bild malte er einen Arzt in weißem Kittel, der Pino in die Ohren schaute. Daneben sah man ein großes rotes Kreuz und einen Kasten mit vielen Fenstern, der offensichtlich ein Krankenhaus darstellen sollte. Das dritte Bild zeigte zwei kleine Jungs, die ganz dicht bei einander saßen. Neben und hinter ihnen waren ein Traktor, Autos, Kühe, Vögel, ein Pferd und viele kleine Strichmännchen zu sehen. Neben alles hatte er die Geräusche geschrieben, die Pino in Zukunft hören sollte.


Diesmal gab Albert seinen Brief dem Postmann, der täglich nach Bjørnstangen kam, persönlich in die Hand und bat, er möge dafür sorgen, dass er pünktlich zu Weihnachten in Italien ankäme. Der Postmann versprach es und es klappte.


Was Albert nicht wusste war, dass Roberto bereits mit Luca über ihre Pläne gesprochen hatte und Bjørn mit Andrea vereinbart hatte, dass er Pinos Eltern ebenfalls überzeugen sollte, ihren Sohn in Oslo einem Spezialisten vorzustellen.


Darüber hinaus hatten die Onkel Gus, ich und Tinus Informationen über angeborene Hörschäden bei Kindern gesammelt und zusammen mit Bjørn eine Spendenaktion gestartet, um eventuelle Kosten, die das norwegische Gesundheitssystem nicht übernehmen würde, finanzieren zu können.


Er wusste auch nicht, dass sein ‚Papa‘ bereits mit einem Professor gesprochen hatte, der auf schwierige Ohren-Operationen bei Kindern spezialisiert war und bereit war, sich Pino anzuschauen.


Erst kurz vor Ostern weihte Bjørn Albert in alle Pläne ein und verkündete ihm, dass Pino und sein Vater in zehn Tagen auf dem Flughafen Fornebu in Oslo ankommen würden. Albert musste hoch und heilig versprechen, nichts über die Spenden und die anderen Vorbereitungen zu verraten.


Die folgenden Tage waren für alle Beteiligten sehr anstrengend. Besonders für alle Bewohner auf Bjørnstangen, weil Albert die Zeit nicht abwarten konnte und jeden, der ihm über den Weg lief fragte, wie lange es noch dauere, bis das Flugzeug aus Italien ankäme. Von Kjell wollte er drei Mal am Tag wissen, ob er genug Nutella eingekauft habe, schließlich habe er Pino zu jedem Frühstück Nutella-Brote versprochen. Magne und Ruben (die beiden Angestellten auf Bjørnstangen) erinnerte er mehrmals daran, dass Pino nicht hören könne, und sie deshalb besonders gut auf ihn aufpassen müssten. Von mir und Onkel Gus wollte er wissen, wie es im ‚Rikshospital‘ in Oslo sei. Ob es ein großes Krankenhaus sei und ob dort auch andere Kinder mit Gehörschäden behandelt würden. Besonders wichtig war ihm die Frage: „Kann Pino nach der Operation wieder richtig hören, so wie Du und ich?“.

„Schatz, das weiß niemand. Der Doktor muss sich erstmal Pinos Ohren anschauen. Dann wird er vielleicht versuchen, sie zu operieren und dann muss man abwarten. Du darfst nicht zu ungeduldig sein“.


Albert begriff worum es ging, hatte aber ein absolutes Vertrauen in alles, was seine Pflegeväter und wir machten und sagten. Dass etwas schieflaufen könnte, kam ihm überhaupt nicht in den Sinn.


In Ligurien war die Nervosität ähnlich groß. Luca und Antonia konnten immer noch nicht richtig glauben, dass die beiden ‚Väter‘ und der kleine Albert aus dem kalten, dunklen Land hoch im Norden ihnen aus purer Uneigennützigkeit helfen wollten. Andrea Caroli war schon mehrere Male bei ihnen gewesen und hatte ihnen angeboten, ihre Blumen zu guten Preisen nach Norwegen zu verkaufen. Damit hätten sie keinerlei übrige Verpflichtung gegenüber Roberto und Bjørn und bräuchten keine Angst zu haben, eines Tages etwas von der Hilfe quasi zurückzahlen zu müssen.


Luca hatte noch nie eine Flugreise gemacht, und über Norwegen wusste er so gut wie nichts. Aber er wollte über seinen Schatten springen und die Chance für seinen Sohn ergreifen. Allerdings plagten ihn die Sorgen um die Kosten einer Untersuchung und Behandlung in dem fremden Land schon sehr. Er konnte einfach nicht glauben, dass ein Staat so eine schwierige Sache seinen Bürgern einfach kostenlos zur Verfügung stellte.

Pino war, seitdem er die letzten Briefe von Albert gelesen hatte, völlig aus dem Häuschen. In der Schule war er nicht mehr bei der Sache. Das fiel zwar kaum jemandem auf, da er den anderen Mitschülern weit voraus war und trotzdem kaum ein Lehrer wirkliches Interesse an ihm hatte, aber er selbst fühlte jeden Tag mehr, dass hier nicht sein Platz war.


Er merkte seinen Eltern an, dass sie zweifelten. Ihm war das egal, er wollte zu seinem Albert. Die Operation und ihr Resultat konnte er sich nicht vorstellen, aber wenn Albert sagte, dass sie gut für ihn sei, vertraute er ihm… und nur ihm.


Je näher der Tag der Abreise rückte, desto schlechter schlief Pino. Er lag wach und dachte darüber nach, was sich in seinem Leben in den letzten Monaten alles verändert hatte. Er genoss unter den Kindern im Dorf seit dem Sommer einen gewissen Respekt. Der hässliche Spruch stand zwar immer noch an der Hauswand auf der ‚Braia‘ und die Kinder wollten immer noch nicht mit ihm spielen, aber sie ließen ihn in Ruhe und selbst der ‚Idiot‘ machte keine Grimassen mehr. Sein Vater und seine Mutter hatten mit ihm in den letzten Monaten mehr ‚gesprochen‘ als in all den Jahren vorher. Obwohl seine kleine Schwester immer noch mehr Aufmerksamkeit bekam als er.


Die einschneidendste Veränderung war aber – und das stand über allem -, dass er Albert im Sommer kennengelernt hatte. Er war der Superheld, den er bisher nur aus Comic-Heften kannte. Er war für ihn wichtiger als alle anderen zusammen. Er merkte zwar, dass er seiner Mutter gegenüber nicht zu oft die Gebärde für das große A mit dem Herz machen durfte, weil sie dann ungehalten wurde. Sie durfte auch möglichst nicht so oft die Briefe von Albert sehen, weil sie dann böse wurde und ihm bedeutete, dass ein Junge einem anderen Jungen ‚so etwas‘ nicht schreiben dürfe. Ihm war zwar bis jetzt nicht klar, woran seine Mutter eigentlich Anstoß nahm, aber ihn interessierte auch das nicht wirklich. Er zählte die Tage, bis er wieder bei seinem Albert war. Alles andere spielte keine Rolle.


Am Tag vor der Abreise konnte er vor Nervosität nichts mehr essen und erbrach sich zwei Mal. Er spürte, dass es seinem Vater nicht viel anders ging, wenn auch aus ganz anderen Gründen.


Andrea hatte Vater, Mutter und Sohn zum Flugplatz nach Nizza gefahren. Mutter Antonia war überwältigt von der Hektik, den vielen Menschen und den Flugzeugen. Pino musste es über sich ergehen lassen, dass seine Mutter ihn ständig umarmen und küssen wollte. Andrea ahnte, dass Pino litt und lieber auf dem Flugfeld die Flugzeuge angucken würde, als sich die Ermahnungen und sorgenvollen Ausbrüchen von Antonia anzuhören. Daher behauptete er, Pino und Luca müssten sich beeilen und jetzt schnellstens durch die Passkontrolle.


Erst als sie in ihren Sitzen saßen und die Maschine langsam zur Startbahn rollte, beruhigten sich Vater und Sohn. Pino hatte ein Gefühl im Bauch, das er so noch nie gespürt hatte. Es hatte nichts damit zu tun, dass er nichts gegessen hatte. Es war ein gutes Gefühl und hatte mit Albert zu tun. Er war gespannt, ob er noch so aussehen würde wie im Sommer, ob er wohl seinen Arm noch so um ihn legen würde, wie er es an dem Morgen auf der ‚Braia‘ getan hatte.


Die Stewardess verstand sehr schnell, dass Pino nicht hören konnte und hatte offenbar Mitleid mit ihm. Immer wieder kam sie mit Süßigkeiten und kleinem Spielzeug. Auch als Pino das obligatorische Brötchen mit zwei Bissen runtergeschlungen hatte, stand sie gleich wieder neben ihm und bot ihm noch eins an. Pino genoss die Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbrachte. Das erste Mal in seinem Leben war er irgendwie wichtig. Albert hatte recht gehabt. Die Menschen im Norden waren sehr nett.


Als die Maschine die Wolkendecke durchbrach und den Landeanflug auf Oslo begann, konnte Pino sich nicht sattsehen an der grünen Landschaft, den Bergen und den vielen kleinen und großen Seen. Auch den Oslofjord hielt er für einen See. Sein Vater blickte starr nach vorn und war kreidebleich, ihm war schlecht und Pino merkte, er hatte Angst. Ganz im Gegensatz zu ihm selbst, er freute sich und war einfach nur gespannt.


Auch als sie im Flughafengebäude ankamen, war Luca überfordert von all den Schildern und den unverständlichen Lautsprecherdurchsagen. Pino glaubte genau zu wissen, wohin sie mussten und nahm seinen Vater an die Hand. So folgte er, ganz pragmatisch denkend, den anderen Passagieren und begriff sofort, dass sie, so wie die anderen, an einem schwarzen Laufband auf ihren Koffer warten mussten. Luca schaute sich immer wieder verwirrt um und hoffte insgeheim möglichst schnell ein bekanntes Gesicht zu sehen.

Dann gerieten die Menschen neben ihm plötzlich in Bewegung und tuschelten. Zwischen ihren Beinen drängelte sich ein kleiner Junge durch und hinter ihm lief wild gestikulierend ein uniformierter Beamter.


Der kleine Albert hatte nur Augen für seinen italienischen Freund, der ihn auch sofort entdeckt hatte. Sie hatten sich kaum innig umarmt, als schon Roberto und der Zöllner neben ihnen standen. Sie diskutierten lebhaft mit einander. Pino meinte zu verstehen, dass sein Albert etwas falsch gemacht hatte, aber der Beamte wohl auch zu diesen netten Menschen im Norden gehörte. Roberto sprach kurz mit seinem Vater, dann nahm er die beiden Jungs an die Hand und ging durch eine große Glastür, hinter der der Papa von Albert und noch zwei Männer warteten.


Pino mochte Alberts Papa sehr und begrüßte ihn gestikulierend und lachend. Auch die beiden anderen Männer schienen sehr nett zu sein. Albert bedeutete ihm, der eine sei ich und der andere Onkel Gus. Pino war froh, dass keine Frauen da waren, um ihn zu begrüßen.


Als sein Vater endlich mit dem Koffer angeschleppt kam, schien er wirklich erleichtert zu sein, dass die Gastgeber ihm weitere Entscheidungen abnahmen. Pino und Albert registrierten die Vorgänge in ihrer Umgebung nur noch nebenbei. Sie unterhielten sich mit Gebärden und Mimik offenbar über alles, was in den letzten Monaten geschehen war.

Bjørn beobachtete das ‚Gespräch‘ mit Erstaunen und Bewunderung. Es war ihm völlig schleierhaft, wie sein Pflegesohn sich die Fertigkeit dieser Kommunikation angeeignet hatte.


Die beiden Jungs wollten im Volvo von Onkel Gus und mir mitfahren. Luca fuhr mit Roberto und Bjørn. Sie saßen nebeneinander auf der Rückbank und hielten sich wieder fast krampfhaft fest an den Händen. Pino erzählte viele Jahre später einmal, dass er sich als Kind einbildete, durch das Festhalten von Alberts Hand ein großes Gefühl der Sicherheit zu bekommen und dabei Stärke tanken konnte.


Als wir auf den Hof von Grønnt Hus (der Firma, in der Gus und ich arbeiteten) einbogen, staunten Pino und Albert über die in ihren Augen riesigen Gewächshäuser. Sie kannten beide Pflanzenproduktion in Glashäusern. Pino war schon einmal in den Gewächshäusern der Familie Caroli gewesen, wo sein Vater hin und wieder Jungpflanzen für seine Gärtnerei kaufte und Albert war bestens vertraut mit der Tomatenproduktion auf Bjørnstangen, die ihm Magne ausführlich erklärt hatte. Er kannte sich mit Bewässerungssystemen, Lüftung und Schädlingsbekämpfung mindestens so gut aus wie mit Mähdreschern, Kartoffelrodern oder Melkmaschinen.


Während die Erwachsenen ins Verwaltungsgebäude gingen, um mit einander zu sprechen, hatte es Joachim, der Chefgärtner und unser Freund aus Bremer Zeiten, übernommen den beiden Jungs den Betrieb zu zeigen.


Pino war am meisten von den Rosen beeindruckt und roch immer mal wieder an einer, wenn er an ihnen vorbeiging. Albert interessierte sich mehr für die zentrale Düngungsanlage und die Sortiermaschinen, an denen einige Frauen die Rosen nach Länge zu Zwanziger-Paketen zusammenpackten.


Im Personalraum der Gärtnereiarbeiter bot Joachim ihnen Cola und Brause an und unterhielt sich mit Albert. Der bat um ein Stück Papier und einen Schreibstift, damit sich Pino besser am Gespräch beteiligen konnte. Pino malte mit schnellen Strichen ein Haus mit einer Art Klappe auf dem Dach und daneben ein Fragezeichen. Albert schrieb auf Italienisch und Norwegisch daneben „Lüftung“. Pino schrieb: „Warum?“


Joachim sah interessiert zu, wie Albert ganz ohne seine Hilfe die Frage offenbar richtig und fachgerecht beantwortete. Seine Gebärden deuteten an, dass Rosen ein ausgeglichenes Klima benötigen und die Luftfeuchtigkeit nicht zu hoch sein darf. Dazu garantiert die automatische Lüftung eine Luftzirkulation, die auch verhindert, dass Pilzerkrankungen auftreten.


Joachim fragte Albert, woher er das alles wisse. „Von Magne, der lässt bei uns die Tomaten wachsen…“.


Joachim schmunzelte über die Ausdrucksweise, aber er kannte Magne und wusste von der Tomatenproduktion auf Bjørnstangen. „Möchtet Ihr beide denn auch mal Gärtner werden?“

Pino hatte die Frage verstanden, schüttelte heftig mit dem Kopf und schrieb auf den Zettel „Veterinario“. Albert übersetzte „Tierarzt“ und meinte dann, er selbst wolle Bauer werden so wie sein Papa, aber studieren wolle er auch und noch ein paar Sprachen lernen.

„Oh, da hast Du Dir aber viel vorgenommen“.


„Papa hat gesagt, es reicht nicht zu wissen, wie die Pflanzen wachsen und die Tiere leben. Man muss auch wissen, was daraus gemacht wird und wer die Milch kauft“.

„Ich glaube, da hat dein Papa recht“.


Als die Erwachsenen ihr Gespräch beendet hatten, nahm Luca seinen Sohn beiseite und redete in Gebärdensprache auf ihn ein. Albert beobachtete das ‚Gespräch‘ konzentriert, sprang dann plötzlich zu Bjørn und bedrängte ihn: „Stimmt das, dass Pino schon morgen zur Untersuchung kommen kann?“.


„Ja Schatz, morgen schaut sich ein berühmter Professor im Rikshospital Pinos Ohren an. Aber das bedeutet noch nicht, dass er operiert wird“.


„Papa, Du bist toll!“


Mit Hilfe von Egil (dem Chef von Grønnt Hus) und Tinus hatten wir die Finanzierung der eventuellen Operation geklärt und ich hatte den Termin mit dem Professor vereinbart.

Pino schien seinem Vater nicht ganz zu trauen und schaute hilfesuchend zu Albert. Der grinste, zeigte auf Bjørn und machte eine Gebärde, die ‚Supermann‘ bedeuten sollte.

Gus und ich hatten Luca und die beiden Jungs zu uns nach Hause eingeladen, damit wir am nächsten Tag schneller im Rikshospital sein konnten.


Ich merkte Luca an, dass er mit einer so raschen Entwicklung nicht gerechnet hatte, und er einerseits Probleme hatte, seine neuen geschäftlichen Verbindungen mit Grønnt Hus und andererseits die wohlmöglich einschneidenden Veränderungen für seinen Sohn mental zu verarbeiten. Auch Pino wirkte etwas verunsichert und hielt auf der Rückbank immer noch krampfhaft Alberts Hand, als wir an unserem Haus vorfuhren.


Pino stand minutenlang bewegungslos und staunend vor dem schlichten, modernen Gebäude, das mit seinen sieben Zimmern, ca 270qm Wohnfläche und 1600 qm Garten nach norwegischen Maßstäben nicht ungewöhnlich groß war, für ihn aber wie ein Schloss wirkte, wie er später mal sagte.


Luca bekam unser Gästezimmer und die beiden Jungs hatten ihr eigenes Reich in unserem Hobbykeller. Dort gab es ein kleines Schlafsofa, jede Menge Bücher und Gesellschaftsspiele…und… sie hatten ihr eigenes Bad.

„Werdet Ihr beide Euch hier unten vertragen?“, fragte Gus die Jungs auf Italienisch, während er ihnen alles zeigte. Pino hatte ihm die Worte von den Lippen abgelesen, strahlte und nickte heftig. Albert war bereits damit beschäftigt das Spieleregal durchzusehen und zog ein Schachbrett mit den dazugehörigen Figuren heraus und stellte es auf den Tisch.

Pinos Augen wurden immer größer und er begann die Sachen so vorsichtig abzutasten, wie er es einst mit dem Feuerwehrauto von Albert gemacht hatte. Dann setzte er sich so behutsam auf das Schlafsofa, als könne es jeden Moment zusammenbrechen. Seine kleinen Finger strichen über das Bettzeug, und er schien für ein paar Sekunden zu träumen.

„Kommt Jungs! Es gibt draußen auf der Terrasse etwas zu essen“. Gus musste die beiden Jungs regelrecht aus dem Keller nach draußen schieben, weil sie natürlich noch nicht genug Zeit gehabt hatten, sich alles in Ruhe anzusehen.


Luca wirkte müde und war nicht besonders an den aufgeregten Gebärden seines Sohnes interessiert.


Ich nahm mir Albert zur Seite, erklärte ihm noch einmal genau, wie es mit Pino in den nächsten Tagen weitergehen sollte und bat ihn, seinen Freund so gut wie möglich vorzubereiten, nicht zu übertreiben und ihm keine zu großen Hoffnungen zu machen. Albert war aus meiner Sicht mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz gesegnet und entwicklungsmäßig seinem Alter um mindestens zwei Jahre voraus. Er hatte eine Gabe, sich konzentriert Menschen zuzuwenden, dabei immer freundlich zu wirken und Gesagtes geistig schnell zu verarbeiten. [eine Beobachtung, die später von seiner Lehrerin bestätigt wurde]


„Ich habe ihm schon gesagt, dass er sich darauf verlassen kann, wenn Papa etwas organisiert, geht es immer gut… und …, dass die Leute hier alle nett zu ihm sein werden“.

Ich bewunderte den Optimismus des kleinen Kerls und freute mich immer wieder neu über das wunderbare Verhältnis zwischen Pflegevater und Pflegesohn. Ich musste mir eingestehen, dass ich ein bisschen stolz war, Bjørns Entwicklung bereits über so viele Jahre mit verfolgen zu können und hielt mich für nicht ganz unschuldig daran, dass der kleine Albert in so gut behüteten Verhältnissen auf Bjørnstangen groß werden konnte.


Pino und Albert hielt es nicht lange am Esstisch. Sie wollten den Garten erkunden und rannten zu einem kleinen Bach, der unser Grundstück durchzog. Nur ab und zu sahen wir sie hinter einem kleinen Hügel auftauchen und Steine und Stöcker schleppen. Wir hörten sie lachen und hin und wieder das Wasser spritzen. Als es zu dämmern begann und kühl wurde, ging Gus zum Bach hinunter, um die beiden zu holen. Sie hatten sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen und wateten im eiskalten Wasser. Mit Steinen und Stöcken hatten sie einen Damm gebaut und so den Bach angestaut. Gus schmunzelte und sagte: „Jungs, bevor wir hier alle absaufen, öffnet bitte wieder Euren Damm, lasst das Wasser fließen und kommt dann rein. Das wäre sicher nicht gut, wenn Pino morgen bei der Untersuchung erkältet ist“.


„Wir kommen gleich… und dann ist es ja auch in unserem Spielkeller ganz warm…“, meinte Albert pragmatisch.


Ein bisschen machte ich mir schon Sorgen, weil Pino bereits blaue Lippen hatten. Aber ich hatte nicht mit Alberts Fürsorge für seinen Freund gerechnet.


Kaum waren die beiden in ihrem Zimmer, suchte Albert eine Wolldecke und zwei große Badehandtücher. Er legte die Decke um Pinos Schultern und rubbelte ihm anschließend seine Füße so kräftig, dass sie ganz rot und warm wurden. Der so Umsorgte nahm alles hin und juchzte vor Begeisterung.


Als ich kurze Zeit später noch einmal nach den beiden sah, hatte Albert die Heizung angedreht und sie saßen sich schweigend am Schachbrett gegenüber. Leise schloss ich die Tür und überließ sie ihrem Spiel.


Abends wurde uns dann ein kleines Problem bewusst, an das wir nicht gedacht hatten. Wir hatten für Albert zwar eine Zahnbürste gekauft, doch er hatte keinen Schlafanzug. Ihm machte das überhaupt kein Kopfzerbrechen. Er verkündete, in solchen Fällen bekäme er von Bjørn oder Roberto immer ein großes, langes Hemd und das wäre auch genug. Im Übrigen schliefe er hin und wieder auch ohne Schlafanzug. Das fände er sehr schön… schließlich machten das sein Papa und Onkel Roberto immer.


„Na ja…“, wendete ich ein, „Du bist heute nacht aber nicht allein im Bett“.


„Na und?“


Die Antwort war zwar entwaffnend, aber ich suchte ihm trotzdem eines meiner alten Flanellhemden raus, das er sich auch überzog, aber nicht zuknöpfte.


Ich wunderte mich, wie flüchtig Luca seinem Sohn gute Nacht sagte. Er strich ihm kurz über den Kopf, machte aber keine Anstalten, ihn ins Bett zu bringen.

Ob es in Italien tatsächlich so war, dass die Frauen überwiegend für die Kindererziehung zuständig waren und die emotionalen Bedürfnisse der Kinder deckten?


Auf Bjørnstangen sah es abends ganz anders aus. Bjørn und Roberto nahmen sich fast immer Zeit, mit Albert die Zähne zu putzen und anschließend noch ein paar Minuten an seinem Bett zu sitzen, Geschichten zu erzählen oder sich einfach nur mit ihrem Pflegesohn zu unterhalten. Ein Kuss zur guten Nacht fehlte nie.


Als Luca längst ins Bett gegangen war, schauten Gus und ich noch einmal nach den Jungs. Das Licht brannte zwar noch im Keller und die Schachfiguren standen in Remi-Position auf dem Brett, aber Pino und Albert schliefen bereits ganz fest. Sie hatten ihre Arme um einander gelegt und Albert hatte seinen Kopf beinahe in Pinos Haaren vergraben.


Von Stunde zu Stunde stieg Lucas Nervosität am nächsten Tag. Er war einfach so viel Wirbel ums sich und schon gar nicht seinen Sohn gewöhnt. In Norwegen war alles so gut organisiert, man hielt sich an Termine und Zusagen. Aus Sicht eines Italieners gab es aber immer das Risiko, etwas falsch zu machen. Er hatte enormen Respekt vor Akademikern, und jetzt sollte er auch noch einem ausländischen „Professore“ das Schicksal seines Sohnes anvertrauen. Wir muteten ihm offenbar wesentlich mehr zu als seinem Sohn. Der schob sich beim Frühstück die von Albert versprochenen Nutella-Brote rein und war in bester Stimmung. Die Aussicht seine Ohren von einem fremden Doktor begutachten zu lassen, beunruhigte ihn kaum.


Erst als wir vor dem modernen, im Bauhausstil gebauten, weißen Klinikgebäude in der Innenstadt Oslos standen, griff Pino wieder unwillkürlich die Hand seines Freundes und schaute ehrfürchtig an der glatten Fassade nach oben. Luca kämpfte in diesem Augenblick das erste Mal mit den Tränen. Für ihn kam jetzt der Moment, in dem er das Schicksal seines Sohnes in die Hände völlig fremder Leute geben musste.


Ein sehr charmanter junger Pfleger nahm uns in der Eingangshalle in Empfang und brachte uns direkt zum Büro des Professors. Mir war es ein Rätsel, wie er sich in seine im wahrsten Sinne hautenge, blütenweiße Arbeitshose hineingezwängt hatte, sich dann auch noch darin bewegen und immer ein verbindliches Lächeln behalten konnte. Aber darum ging es ja jetzt nicht…


Nachdem die Formalitäten geklärt waren, bat uns eine Mitarbeiterin im Vorzimmer zu warten.


Als der Professor uns begrüßte, sah ich Luca an, dass er sich einen berühmten Doktor anders vorgestellt hatte. Der Arzt war etwa fünfzig Jahre alt, hatte kurze, leicht graue, gepflegte Haare, trug einen grünen Rollkragenpullover und stellte sich mit seinem Vornamen Christian vor.


Er begrüßte Pino ganz besonders herzlich, schaute ihm direkt ins Gesicht, machte einige schnelle Gebärden und lächelte verschmitzt dabei. Es schien ein guter Witz gewesen zu sein, denn Pino lachte laut auf und schien den Mann sofort in sein Herz geschlossen zu haben.


Luca sah mich unsicher an und wollte leise von mir wissen, ob das schon der berühmte ‚Professore‘ sei. Ich bestätigte es ihm.


Christian lächelte. Er hatte die Frage gehört und antwortete in perfektem Italienisch: „Hier bei uns in Norwegen sieht man den Leuten in der Regel ihre Stellung und ihren Titel nicht an. Wichtig ist, dass man seine Arbeit kann“.


Er wollte Luca und Pino ein bisschen kennenlernen und vor allem Vertrauen aufbauen. Dazu stellte er ein paar Fragen zu ihren privaten Verhältnissen, um sich dann nach Pinos allgemeinen Gesundheitszustand zu erkundigen. Schließlich fragte er Pino in Gebärdensprache, ob er Angst habe. Der schüttelte mit dem Kopf, machte ein paar Handbewegungen und grinste. Professor Christian grinste ebenfalls, schlug ihm auf die Schulter und zog anerkennend die Augen hoch. Dann bat er Luca und mich, ihn etwa eine Stunde mit Pino allein zu lassen. Er müsse jetzt ein paar Untersuchungen machen, bei denen Angehörige nicht dabei sein dürften. Es täte aber nicht weh, versicherte er.

Ich sah, dass Pino vollstes Vertrauen zu Christian hatte und nahm Luca mit nach draußen und ging mit ihm in die Cafeteria. Er war entspannter geworden und trank seinen Kaffee das erste Mal an diesem Tag in aller Ruhe. „Ich hätte es so gerne, dass Pino eines Tages meine Arbeit weitermachen kann. Nur, dafür muss er im Dorf respektiert werden… wenn er nicht hören kann, wird das sehr, sehr schwer“.


Ich konnte seinen Gedanken nachvollziehen, da ich wusste, wie wichtig in Italien eine aus intakten Familien bestehende Dorfgemeinschaft war. Schon deshalb weil das italienische Sozialsystem intakte Familienstrukturen voraussetzte. Ich wusste, dass Antonia und Luca darauf vertrauten, dass ihr Sohn sie später einmal durch seine Arbeit mit versorgen könnte. Meine Befürchtung war allerdings, dass Luca schwer enttäuscht werden würde, da ich Pino so einschätzte, dass er schon bald sehr selbstbewusst sein eignes Leben leben würde. Ganz abgesehen davon, dass seine Beziehung zu Albert sich als etwas sehr Stabiles herausstellen könnte, und eventuell die Familie noch vor besondere Herausforderungen stellen würde.


Daher wollte ich Lucas Bemerkung jetzt nicht weiter kommentieren und schwieg.

Wir mussten noch mehr als eine Stunde warten, bis ‚Professore Christian‘ und sein kleiner Patient wieder auf dem Gang auftauchten, auf dem Luca und ich auf sie warteten.

Der Professor berichtete kurz und sachlich, was er untersucht hatte, dass er einige Proben genommen, Röntgenbilder gemacht und eine Sonaruntersuchung durchgeführt habe. Von Pino verabschiedete er sich mit einigen fröhlichen Gebärden und einem vertraulichen, leichten Faustschlag gegen die Schulter, den Pino grinsend erwiderte.


Christian versprach, sich noch vor der Abreise der beiden bei uns telefonisch zu melden.

Zuhause hatten Gus und Albert bereits gemeinsam das Abendbrot vorbereitet und warteten nun ungeduldig auf unsere Rückkehr. Bjørn und Roberto hatten sich auch ins Auto gesetzt und kamen etwa gemeinsam mit uns in Asker an. Albert hatte zuhause angerufen und gefragt, ob er bei uns bleiben könne, bis Pino und sein Vater wieder zurück flögen.

Bjørn wusste, dass er die Bitte nicht abschlagen konnte und brachte seinem ‚Sohn‘ ein paar nötige Sachen mit.


Pino schien Albert die Stunden mit dem Professor in allen Einzelheiten haarklein zu berichten. Er zeichnete Geräte auf, beschrieb Christian genau und ließ Albert in sein Ohr schauen.


Wir beobachteten die beiden amüsiert und Gus meinte lachend: „Ich glaube Pino weiß schon mehr als wir. Er scheint ja Albert schon die Operation im Detail zu erklären“.

„Sollte mich nicht wundern“, frotzelte Bjørn.


Luca wirkte unglücklich. Ich hatte den Eindruck, dass er sich überfahren fühlte. Sein Sohn erzählte nicht ihm von der Untersuchung sondern seinem norwegischen Freund. Der ‚Professore‘ hatte sich offenbar mehr um Pinos Zustimmung zur Operation bemüht als um die seines Vaters, und dem Gespräch seiner Gastgeber konnte er nur mit Mühe folgen.

Als die beiden Jungs sich dann auch noch in ihr Zimmer zurückzogen, schaute Luca nur noch schweigend aus dem Fenster in den dunklen Garten.


Luca bemühte sich sicher ein guter Vater zu sein, aber er schien zu merken, dass ihm sein Sohn entglitt. Bald würde Pino vielleicht das erste Mal in seinem Leben etwas hören können, vielleicht könnte er irgendwann auch einmal sprechen. Was wären wohl seine ersten Worte? Warum hing er so an diesem norwegischen Jungen? Hätten Antonia und er diese Beziehung besser unterbinden sollen? Wäre es vielleicht überhaupt besser gewesen, alles beim Alten zu lassen? Sie hatten doch bisher gut mit ihren Blumen und Oliven gelebt und Pino würde das auch tun. Er brauchte doch nur dort weitermachen, wo sein Vater eines Tages aufhören würde. Mit Gottes Hilfe würde ihm das gelingen, ob er nun hören und sprechen konnte oder nicht.


Warum taten diese Männer das alles für ihn und seine unbedeutende Familie? Würden sie ihn und Antonia eines Tages in der Hand haben und ‚Gefälligkeiten‘ von ihm verlangen… so wie es eigentlich in Italien Gang und Gebe war?


Plötzlich rannen Tränen über Lucas Backen, aber er wollte nicht weinen.


Inzwischen hatten wir alle Lucas Dilemma bemerkt. Wir sahen, dass ihn etwas aufwühlte, und dass er mit der Situation deutlich überfordert war.

Bjørn und Robert wollten wieder nach Bjørnstangen zurück und gingen in den Keller, um sich von ihrem Pflegesohn zu verabschieden. Als sie die Tür zum Hobbyraum öffneten, bot sich ihnen ein rührendes, aber im ersten Moment auch überraschendes Bild.


Die beiden Jungs saßen zusammen auf dem Sofa, vor ihnen stand das aufgebaute Schachspiel, aber es war keine Figur bewegt. Pino hatte lediglich seine kurze Schlafanzugshose an und Albert mein Flanellhemd. Sie hatten sich gegenseitig die Arme um den Hals gelegt, ihre Stirnen gegen einander gedrückt und schauten sich intensiv in die Augen. Bjørn war der festen Überzeugung, sie hätten sich ein paar Sekunden vorher geküsst.


„Na? Was macht Ihr? Habt Ihr schon Zähne geputzt?“


Ohne Roberto und Bjørn auch nur eines Blickes zu würdigen oder ihre Position zu verändern, antwortete Albert mit einem lauten „Ja“ und Pino nickte.


„Spielt Ihr?“


„Nein, ich untersuche Pino“, antwortete Albert ganz ernst.


„Der Professor hat ihm erklärt, dass ein guter Arzt vor allem seine Augen und Finger bei der Untersuchung benutzen muss. Man dürfe sich nicht nur auf Maschinen verlassen“.


„Ach so… und was glaubst Du sehen zu können?“


„Ob Pino bald hören und sprechen will“.


„Ob er ‚WILL‘?“


„Ja, der Professor hat gesagt, Pino muss auch hören und sprechen wollen, wenn die Operation vorbei ist“.


„Da hat der Doktor sicher recht. Aber jetzt solltet Ihr beide schlafen. Roberto und ich fahren nach Hause. Wenn Du etwas brauchst, ruf uns an! Gute Nacht Ihr beiden!“ Bjørn streichelte beiden über den Kopf und gab jedem einen Kuss auf die Backe. Pino zuckte kurz zusammen, aber schaute seinem Albert trotzdem weiter fest in die Augen. Es schien als hätten die beiden eine Wette abgeschlossen, wer den Blick des anderen am längsten aushält.


Auf dem Nachhauseweg sprachen Bjørn und Roberto über das Erlebte und kamen zu dem Schluss, dass sie die Beziehung der beiden Jungs nicht beeinflussen durften und konnten. Jeder Versuch wäre vermutlich auch sinnlos, da beide Jungs aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Intelligenz, jeden Versuch einer Einflussnahme durchschauen und wohl auch abwehren würden.


Bjørn machte sich Sorgen, wie es in Italien für Pino nach einer eventuellen Operation weitergehen würde. Er hatte zwar keine Ahnung von solchen Dingen, aber dass mit dem Gewinn der Hörfähigkeit sofort alles in Ordnung wäre, und Pino sofort loslegen könnte zu sprechen, war doch eher unwahrscheinlich. Er zweifelte daran, dass der Junge in Italien die notwendige Nachbehandlung und Förderung bekommen würde.


„Ich kenne mein Heimatland ganz gut und weiß, dass man dort vermutlich mehr auf die Hilfe Gottes vertrauen wird als auf den Sachverstand von Spezialisten. Vor allem werden Luca und Antonia festlegen, wieviel Hörfähigkeit und Sprachvermögen Pino benötigt, um für die kleine Firma und die Familie zu sorgen. Ich glaube nicht, dass sie viel in eine Nachbehandlung investieren werden, die dazu führen könnte, dass Pino seinem Dorf und seiner Familie den Rücken kehrt“.


„Schon Albert zu Liebe müssen wir versuchen, das Beste für Pino herauszuholen. Da wird noch viel Überzeugungsarbeit nötig sein. Gottseidank haben Gus, Andrea und Walter ein kleines Lockmittel durch die Blumen in der Hand. Vielleicht lassen sich Antonia und Luca überzeugen, dass gute Verbindungen nach Norwegen ökonomisch für sie nur Vorteile haben können. Wir müssen ihnen klar machen, dass ihr Sohn dafür der Schlüssel ist“.


Bjørn hatte sich nicht geirrt. Albert und Pino hatten sich an diesem Abend zum ersten Mal auf den Mund geküsst. Und nicht nur das, sie hatten sich auch gründlich gegenseitig ‚abgetastet‘. Das hatte ihnen so gut gefallen, dass sie das eine wie das andere von jetzt ab fast jeden Abend vor dem Schlafengehen wiederholten.


Bis einen Tag vor der geplanten Abreise von Luca und Pino waren die beiden Jungs so aufgedreht und albern, dass wir Mühe hatten sie zu bändigen. An einem Tag nahmen wir sie mit zur Arbeit, wo sie über das Gelände und durch die Gewächshäuser von Grønnt Hus toben durften. An einem anderen Tag gingen wir Pommes frites in Asker essen, weil Pino das zu seinem norwegischen Lieblingsgericht erkoren hatte. Wir meinten, ihm damit die Wartezeit bis zu einer Nachricht aus dem Krankenhaus verkürzen zu können.


Später stellte sich heraus, dass Pino gar nicht auf diese Nachricht wartete. Für ihn war bereits nach dem Gespräch mit Professor Christian alles abgemacht. Er wollte lediglich wissen, wann es denn nun endlich losginge.


Als dann endlich der ersehnte Anruf vom Professor kam, war Pino enttäuscht, obwohl Christian aufgrund der Untersuchungsergebnisse zu einer schnellen Operation riet und sehr optimistisch war, ein gutes Resultat erzielen zu können, konnte Pino nicht begreifen, warum er damit bis zum Oktober warten musste. Das waren fast sechs Monate, die er nicht mit seinem Albert zusammen sein konnte - für einen Zwölfjährigen eine schrecklich lange Zeit.


Auch Albert machte der medizinische Eingriff keine großen Sorgen. Seine Gehirnwindungen beschäftigten sich bereits mit der Zukunft.


Er wollte von Bjørn wissen, ob und wie lange Pino nach der OP auf Bjørnstangen wohnen könne, und ob er mit ihm zusammen in eine Schule gehen dürfe. Sein sonst so entschlussfreudiger Papa wollte sich in dieser Frage nicht festlegen. Das wurmte Albert sehr. Darüber hinaus hatte er mitbekommen, dass Luca Angst hatte, nicht genug Geld zu haben, um die Operation überhaupt durchführen zu lassen. Auch dazu wollte er mit dem für ihn ‚reichsten‘ und ‚besten‘ Papa der ganzen Welt ein ernstes Wort reden. Bis dahin hatte er sich vorgenommen, Luca ein Angebot zu machen. Er wollte sein gesamtes Sparschwein Luca schenken, damit es jetzt keine Verzögerung mehr gäbe, und Pino so schnell wie möglich hören und sprechen könne.


Diesen Vorschlag machte er Luca ein paar Minuten vor dem Abflug, damit er den Rückflug genießen und sich keine Sorgen mehr machen musste.


Die Trennung fiel den beiden Jungs wieder sehr schwer, aber diesmal flossen keine Tränen, da es für beide keinen Zweifel gab, dass sie sich im Oktober wieder sehen würden. Zum Missfallen einiger älterer Leute gaben sie sich mitten in der Abflughalle von Fornebu einen Kuss auf den Mund und hielten sich anschließend wieder fest an den Händen, bis der Flug nach Nizza aufgerufen wurde.


Beim Abendbrot auf Bjørnstangen verkündete Albert seinen Plan. Er wollte, dass Pino bei Ihnen wohnen und mit ihm zusammen in eine Schule gehen sollte. Sein Zimmer hatte er im Kopf bereits umgebaut, denn auch das war für ihn abgemacht, Pino sollte dort mit ihm wohnen.


Bjørn schaute Albert über seine Teetasse hinweg an und schmunzelte: „Unser Herr Sohn… Du bist mir ein Schlingel. Mit Deinem Spargeld kannst Du machen, was Du willst, aber wer bei uns wohnt, bestimmen immer noch wir… Aber OK… in diesem besonderen Fall… und schließlich ist es ja Dein Zimmer… Übrigens, wo wolltest Du denn so lange schlafen und Deine ganzen Spielsachen unterbringen?“.


„Wieso? Das Zimmer ist doch groß genug für uns zwei. Wir schlafen natürlich zusammen“.

Roberto lachte und meinte, dass Albert damit drauf und dran wäre, den Ruf von Bjørnstangen als schwulstem Bauernhof der Gegend noch zu verstärken. Albert konnte mit dieser Bemerkung nichts anfangen und sah seinen Plan als völlig logisch und selbstverständlich an.


Nach längerem Überlegen sagte Bjørn zu ihm, dass es nicht ganz so einfach sei, wie er sich das vorstelle. Schließlich müssten Pinos Eltern der Operation erst zustimmen, dann könne man sich auch über die weitere Zukunft Gedanken machen. Er verschwieg Albert, dass er bereits Andrea gebeten hatte, Antonia und Luca von der Wichtigkeit der OP und besonders der Nachbehandlung in Norwegen zu überzeugen. Bjørn würde finanziell für Pino in der Zeit aufkommen. Und sollten Antonia oder Luca ihren Sohn im Oktober begleiten wollen, seien sie selbstverständlich auch seine Gäste.

Die folgenden Wochen und Monate hatte der Postmann wieder viel zu tun. Wenn Albert ihn nicht selbst abpassen konnte, musste Kjell für ihn die Briefe nach und von Italien abgeben und in Empfang nehmen. Dazu gab es auf einem Tisch neben der Küchentür einen Platz, der nur für Alberts Post eingerichtet war.


Dennoch zogen sich die Tage bis zum 22. Oktober – dem Tag des OP-Termins – für Albert endlos hin. Diesmal würde Pino von seiner Mutter Antonia begleitet werden, was Albert mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis nahm. Bis auf ganz wenige Ausnahmen – dazu gehörten Tante Rita und seine Lehrerin – konnte man sich auf Frauen nicht verlassen. Die Mädchen seiner Klasse waren das beste Beispiel dafür, wie Frauen hinter seinem Rücken über ihn redeten und ihm nie die Wahrheit sagten.


Nun war es endlich soweit. Am 15. Oktober kamen Pino und seine Mama auf Bjørnstangen an. Es war ein trüber, kalter Herbsttag und es lag schon Schnee in der Luft. Mutter und Sohn waren definitiv nicht passend für dieses Klima gekleidet. Antonia trug ein dünnes, geblümtes Sommerkleid und eine leichte Wolljacke. Für Pino hatte sie eine weiße Jeans mit weißem Oberhemd und blauem Anzugs-Jackett rausgesucht. Er fror darin nicht nur, sondern fühlte sich in den Sachen auch offensichtlich nicht wohl.


Albert war schon am frühen Morgen ein paar Mal zur Straße gelaufen, um Ausschau zu halten, ob er unser Auto entdecken könnte. Obwohl Bjørn ihm gesagt hatte, dass er nicht damit rechne, dass Pino und Antonia vor dem Mittagessen kommen würden.


Vor lauter Aufregung konnte Albert nichts essen. Bei jedem Geräusch auf dem Hofplatz sprang er auf und schaute aus dem Fenster. Bis Bjørn ihn ermahnte, dass es auf Bjørnstangen die Regel sei gemeinsam zu essen und so lange sitzen zu bleiben bis alle am Tisch fertig seien. Albert schmollte zwar, zwang sich aber still zu sitzen. Als ich dann schließlich mit den beiden so sehnlich erwarteten Gästen auf den Hof einbog, gab es allerdings für Albert kein Halten mehr. Er sprang auf und lief auf Socken nach draußen. Ich konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, um den kleinen, wild gestikulierenden Kerl nicht umzufahren.


Für Antonia hatte Albert keinen Blick über. Er wollte zu seinem Pino. Der hatte die letzten Kilometer zwischen Holmestrand und Bjørnstangen ebenfalls heftig im Auto rumgezappelt, sodass seine Mutter ihn ein paar Mal ermahnte still zu sitzen. Als er Albert aus dem Haus laufen sah, löste er seinen Sicherheitsgurt und sprang aus dem gerade ausrollenden Wagen und wäre beinahe hingefallen. Albert fing ihn mehr oder weniger auf und sie johlten und strahlten sich an. Was dann kam, war für ‚Insider‘ eine Art Umarmungsritual. Für Außenstehende – wie z.B. für Antonia – war es die harmlose Balgerei zweier 12jähriger Jungs. Es lag ohnehin außerhalb jeder Vorstellungskraft von Antonia, dass zwischen ihrem Sohn und dem kleinen Norweger mehr war als eine Kinderfreundschaft. Ihr hatten zwar die vielen Briefe zwischenzeitlich mal etwas zu denken gegeben. Vor allem hatte sie hin und wieder Dinge gelesen, die sie für zwei Jungs in diesem Alter für unschicklich oder mindestens unpassend hielt. Ihr Mann und der Pastor, den sie zu Rate gezogen hatte, hatten sie aber beruhigt und Alberts mangelnde Sprachkenntnisse und Pinos kindlichen Übermut für einige „Missverständlichkeiten“ verantwortlich gemacht. Hätte sie die beiden Jungs halb nackt zusammen in einem Bett gesehen oder einen der liebevollen Küsse miterlebt, wäre sie vermutlich nie gekommen und hätte einer Operation ihres Sohnes in Norwegen kaum zugestimmt.


Schon am zweiten Tag bahnte sich Unheil auf Bjørnstangen an. Antonia hatte nur zähneknirschend zugestimmt, ein Gästezimmer im Brygghus allein zu beziehen. Sie wollte eigentlich, dass Pino mit bei ihr im Zimmer schlafen sollte. Gottseidank konnte Roberto sie überzeugen, dass es besser für sie und ihren Sohn wäre, wenn er in Alberts großem Zimmer schlafen würde. Überhaupt nicht abfinden konnte sich Antonia mit der Tatsache, dass die Küche von einem Mann geführt wurde. Ihr Sohn brauche – gerade jetzt – seine gewohnte italienische Kost…und Männer könnten sowieso nicht für Kinder kochen. Sie sah es als für vollkommen natürlich an, als Frau sofort die Organisation der Küche zu übernehmen und begann sogar schon umzuräumen. Damit war für Kjell die Schwelle des Erträglichen überschritten, und er stellte Bjørn und Roberto ein Ultimatum. Würde Antonia sich weiter bei ihm in der Küche einmischen, würde er bereits am nächsten Tag den Hof verlassen.


Das wollte Bjørn auf jeden Fall verhindern und bat Roberto mit Antonia zu reden, um ihr klar zu machen, welche Regeln auf Bjørnstangen galten und, dass niemand anderes als Kjell in der Küche und im Haus das Sagen hatte. Um Antonia nicht vollends vor den Kopf zu stoßen, machte er den Vorschlag, dass sie einmal in der Woche – zusammen mit Kjell – italienisch kochen könne. Wenn sie Lust habe, auf dem Hof zu helfen, werde Magne ihr eine Aufgabe geben.


Es war für Roberto nicht einfach, Antonia davon zu überzeugen, dass sie seit Jahren auf Bjørnstangen sehr erfolgreich den Betrieb ausschließlich mit Männern aufrechterhalten hatten, und auch Albert immer zu seinem Recht gekommen sei. Erst als Pino längere Zeit mit seiner Mutter gestikuliert hatte, gab sie ihr Misstrauen auf und zwang sich kommentarlos die Mahlzeiten zusammen mit den Männern in der Küche einzunehmen.


Mit Magne verstand sie sich recht gut und war sofort begeistert, im Tomaten-Gewächshaus zu helfen. Es missfiel ihr allerdings, dass Albert und Pino den ganzen Tag zusammen und unbeaufsichtigt durch die Gegend stromerten. Auch in diesem Punkt musste sie nachgeben, da Bjørn der Auffassung war, dass Albert verantwortungsbewusst genug war und sich auf dem Hof und der Umgebung besser auskannte als manch anderer.


Besonders irritiert war Antonia über die Tatsache, dass sich die einzige katholische Kirche der ganzen Region in Tønsberg befand. Sie es aber gewohnt war, mindestens einmal am Tag zum Beten zu gehen. Zu diesem Problem hatte Albert eine geniale Idee. Er wusste, dass in einem Abstellraum über der Scheune ein riesiges ‚Holzkreuz mit Jesus dran‘, wie er es bezeichnete, eingelagert war. Bjørn hatte es, als er den Hof von seinem Onkel Kjartan übernommen hatte, dorthin verbannt und anschließend vergessen. Jetzt schlug er vor, das ‚Ding‘ in Antonias Schlafzimmer zu verfrachten, dann sei es doch fast wie in Italien. Als Albert auch noch ein verstaubtes Marien-Bild aus Kjartans ehemaligem Schlafzimmer unter dem Gerümpel fand, hatte er Antonias Herz endgültig erobert. Der Hausfrieden auf Bjørnstangen war vorerst wieder hergestellt.


Albert genoss es, seinem Pino sein Reich zu zeigen. Er erklärte ihm den Kuhstall, den Milch-Raum, den Mähdrescher, die Traktoren, Saatmaschinen, Heuwender, alle anderen Geräte und natürlich das Tomaten-Gewächshaus. Pino war der Erste, der Alberts ‚heimlichen Raum‘ in der Scheune betreten durfte. Ein winziges Zimmer, das hinter dem Abstellraum lag und nur ein schießscharten-artiges Fenster hatte. Es handelte sich dabei um eine alte Außentoilette für die Arbeiter aus den Gründerzeiten des Hofes, die selbst Bjørn so gut wie vergessen hatte. Albert hatte hier oben einen alten Sessel, zwei Kissen, eine Decke und ein paar Spielsachen. Durch das schmale Fenster hatte man einen fantastischen Blick über die Hügel und Felder bis hin nach Bekketangen.


Die beiden streiften durch den herbstlich gefärbten Wald bis hin zu dem kleinen See, an dem schon sein ‚Papa‘ als Junge zusammen mit Onkel Walter und Onkel Gus gebadet hatte.


Während weniger Tage freundete sich Pino mit einem schwarz-weißen Kater, den Kälbchen im Kuhstall und nicht zuletzt mit Magne und Ruben an. Er lernte in Rekordzeit einige norwegische Wörter, die er abends in der Küche auf ein Blatt Papier schrieb, damit, wenn Kjell Zeit hatte, ihm dann Gegenstände zeigen konnte, die er dem Geschriebenen zuordnen musste. Albert hatte ihm schon in seinen Briefen immer wieder norwegische Begriffe neben seine Zeichnungen geschrieben, sodass Pino jetzt in recht kurzer Zeit einen beachtlichen Wortschatz aufbaute, mit dem er später sowohl den Professor, den Logopäden als auch das Krankenhauspersonal überraschte.

Im Gegensatz zu seiner Mutter hatte Pino die Nacht vor der Operation tief und fest geschlafen. Morgens saß sie bereits reisefertig in der Küche, als ihr Sohn sich gerade verschlafen neben Albert rekelte und ihm wie unabsichtlich mit den Fingern durch die Haare fuhr.


Roberto konnte gerade noch rechtzeitig verhindern, dass Antonia vor lauter Unruhe in Alberts Zimmer ging, um die beiden zu wecken. Die Tatsache, dass das zweite Bett seit Pinos Ankunft morgens regelmäßig unbenutzt war, hätte sie vermutlich vollends aus der Fassung gebracht.


So stutzte sie lediglich, als die beiden lediglich mit Unterhosen bekleidet und Arm in Arm in die Küche kamen, um sich wie üblich ihren Kakao abzuholen. Wegen des bevorstehenden Eingriffs durfte Pino allerdings nichts essen. Das machte ihm nichts aus und auch den missbilligenden Blick seiner Mutter wegen seines, ihrer Ansicht nach, unpassenden Aufzugs, ignorierte er.


Ich hatte mich bereit erklärt, die beiden zum Rikshospital zu fahren. Albert durfte natürlich mitkommen, musste aber bei Gus in Asker bleiben, da Kindern der Besuch auf den Stationen nur in Ausnahmefällen erlaubt war. Antonia konnte anschließend bei uns den Tag verbringen und ggf. auch in Italien bei Luca anrufen.


Die Aufnahme ging reibungslos und zu meiner großen Freude nahm uns wieder der sympathische Pfleger in Empfang, der mir bereits vor einem halben Jahr aufgefallen war. Antonia konnte überhaupt nicht begreifen, dass ich in dieser Situation, in der es nach ihrer Ansicht doch um Leben und Tod ihres Sohnes ging, Zeit hatte, den jungen Mann in ein Gespräch zu verwickeln.


Auf der Station begrüßte uns eine freundliche Schwester, nahm Pino sofort mit in sein Zimmer und erklärte ihm noch einmal, was jetzt auf ihn zukam.


Pino war eher neugierig als aufgeregt. Der hektische Krankenhausbetrieb faszinierte ihn, aber wirklich beeindruckt war er davon, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Niemals zuvor hatte er erlebt, dass sich so viele freundliche Erwachsene nur für ihn zu interessieren schienen. Er empfand es nicht als Belastung, dass seine Mutter ihn nicht in sein Zimmer begleiten durfte, sondern eher als Triumph seiner Selbständigkeit.


Er war schon einmal mit seinem Vater im Krankenhaus von San Remo gewesen und hatte gesehen, dass dort die Patienten zum Teil mit bis zu fünf Leuten in einem Zimmer lagen. Ihm hätte das nichts ausgemacht, aber zu seiner großen Überraschung hatte er hier in Oslo ein Einzelzimmer mit einem großen Fenster, aus dem er über viele spannende Häuser der Stadt schauen konnte, das Bett war in seinen Augen riesig und die gesteifte Bettwäsche roch herrlich sauber.


Die nette Schwester half ihm seine Sachen unterzubringen, sich auszuziehen und gab ihm eine Art Kittel, den er sich überziehen musste. „Wie das Hemd von Albert…“, dachte er und bedauerte, dass sein Freund ihn so nicht sehen konnte.


Dann kam der etwa unangenehmere Teil der Angelegenheit. Sein Arm wurde festgebunden und eine andere Schwester gab ihm eine Spritze. Bevor er müde wurde, sah er gerade noch das freundlich lächelnde Gesicht des Professors, der ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte und eine Gebärde machte, die ihm bedeuten sollte, dass es jetzt losginge. Von diesem Moment an erinnerte er nichts mehr.


Als er aufwachte, lächelte ihn wieder die nette Schwester an. Zuerst hatte er den Eindruck, es habe sich nichts geändert, dann spürte er einen Druck auf beiden Ohren und wollte sie mit den Händen abtasten. Die Schwester drückte behutsam seine Hände zurück und schrieb in Italienisch auf eine Schiefertafel, die sie ihm auf die Bettdecke legte: „Nicht anfassen!“


Pino seufzte und schlief wieder ein. Als er wieder wach wurde, hatte er ein heftiges Brummen im Kopf, das er sich nicht erklären konnte. Es war mal laut mal leise und hin und wieder tat es weh. Wohl fühlte er sich damit nicht.


In diesem Moment bemerkte er seine Mutter, den Professor und die Schwester neben seinem Bett. Aber wo war Albert? Das erste Mal an diesem Tag bekam Pino leichte Panik. Nur Albert war für ihn der Garant, dass alles gut werden würde. Er brauchte sein Lächeln und seine hektischen Gebärden um zu glauben, dass der unheimliche Druck und die Schmerzen nur vorübergehend waren. Die Hand seiner Mutter fühlte sich zwar ganz gut und vertraut an, aber Alberts Gegenwart konnte sie nicht ersetzen.


Er griff daher nach der Tafel und schrieb in ungelenken Buchstaben: „Dov'è Albert?“ [Wo ist Albert?]


Alle schauten auf das, was er geschrieben hatte. Das Brummen in seinem Kopf nahm wieder zu und veränderte seine Stärke.


Er nahm eine Hektik im Raum wahr und sah, dass der Professor mit der Schwester sprach und seine Mutter traurig mit dem Kopf schüttelte. Er las von ihren Lippen ab, dass sie sagte, Albert sei ein Freund. Daraufhin griff er wieder die Tafel und kritzelte: „Il mio migliore amico“. [mein bester Freund]


„ Dann geschah erstmal nichts. Sein linker Arm war an einem Schlauch befestigt, durch den eine Flüssigkeit aus einer über ihm hängenden Flasche lief. Die Schmerzen ließen wieder nach, dafür veränderte sich das Brummen zu einem Dröhnen, wurde hin und wieder zu einem Piepsen und dann zu einem merkwürdigen Surren. War das das Hören, das der Professor ihm versprochen hatte? So hatte er sich das nicht vorgestellt.


Als er kurz eingenickt war und wieder die Augen aufschlug, grinste ihn sein Albert an. Jetzt würde alles gut werden. Die Welt drehte sich quasi wieder in der richtigen Geschwindigkeit.

Albert hatte mit Gus im Auto vor der Klinik gewartet. Er wusste, dass Kinder eigentlich nicht als Besucher ins Krankenhaus durften. Doch dann kamen Onkel Walter, eine Schwester und ein Pfleger ans Auto und forderten ihn auf mitzukommen. Er dürfe seinen Freund Pino jetzt besuchen. Auf diesen Moment hatte Albert gehofft und vorsorglich das Feuerwehrauto mitgenommen, an dem Pino so viel lag. Als er in Pinos Zimmer kam, stellte er es so ab, dass Pino es sofort sehen konnte.


Die Idee mit der Schiefertafel fand Albert genial und fragte sich, warum er nicht schon längst darauf gekommen war, schließlich hatte er so etwas Ähnliches auch unter den alten Sachen von Kjartan schon entdeckt.

Er schrieb sofort: „Kannst Du schon was hören?“


Pino lächelte glücklich und schrieb: „Ich glaube ja, aber es tut weh“.


Der Professor und die Schwester waren offensichtlich gerührt. „Da mögen sich aber zwei sehr gern. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, Gesichtsausdrücke von Kindern zu interpretieren. Den kleinen Albert hätten wir nicht draußen lassen dürfen“.


Antonia sah sich in ihrer Mutterrolle vernachlässigt und wusste nicht, ob sie Albert dankbar oder auf ihn eifersüchtig sein sollte.


Zu Antonia gewandt meinte Christian: „Ich bewundere Ihren Sohn. Er ist sehr tapfer. Vor allem aber ist er ungewöhnlich sprachbegabt, denn Alberts Gebärden sind für mich völlig unverständlich, aber Ihr Sohn scheint alles zu verstehen“.


„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Ich dachte die beiden sprechen eine Art Geheimsprache“.


Der Professor lachte: „Da mögen Sie recht haben… nichts besser als das, in dem Alter“.

„Glauben Sie, dass mein Sohn schon etwas hören kann?“


„Ja, mit Sicherheit, allerdings muss sich sein Gehirn erstmal an die Geräusche gewöhnen, und er muss lernen, alle Töne richtig einzuordnen. Vor allem die eigene Sprache wird ihm unheimlich sein. Noch hört er alles sehr gedämpft, aber wenn die Verbände ab sind, muss er mit dem ‚Lärm‘ leben“, lächelte der Professor.


Albert fand die Verbände lustig. Pino erinnerte ihn irgendwie an Micky Mouse. So versuchte er es auch in Gebärden umzusetzen und brachte Pino das erste Mal zum Lachen. Dabei erschrak der sich aber so, dass er sofort wieder verstummte. Er hatte sein eigenes Lachen gehört. Eine unheimliche und ungeheure Erfahrung.


(Dran bleiben, die Geschichte geht im Teil 4 weiter.)

Deinen Kommentar bitte an: gugamster@hotmail.com)

 
 
 

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