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Die Schatten der Vergangenheit und das Licht der Zukunft (14)

  • Autorenbild: gert
    gert
  • 1. Apr. 2020
  • 21 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Nov. 2022



Als wir einen Tag vor Silvester nach Tønsberg fuhren, um einen Motorwärmer für den kleinen, kälteempfindlichen Trecker zu kaufen, wollte Robert auch in Anders Buchladen vorbeischauen.

Der kleine Laden lag etwas versteckt, in einem weißen Holzhaus im historischen Zentrum der Stadt.

Er hatte nur ein Schaufenster, in dem nur wenige Bücher ausgestellt waren. Das Thema war: Norwegen zwischen 1940 und 1945.

Eine kleine altmodische Glocke kündigte den Besuch eines Kunden an, der, nachdem er zwei Stufen hinabgestiegen war und sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, sich plötzlich in einer mystischen Welt aus Texten und Büchern wiederfand, in der die einzige Orientierung ein kleines Licht ganz am Ende des Ladens war. Dort standen ein schwerer Eichentisch, darauf eine altmodische Leselampe mit grünem Glasschirm, daneben eine alte mechanische Registrierkasse und dahinter ein schwerer, roter Vorhang. Die Bücherregale im Laden waren fast wie ein Labyrinth aufgebaut. An jedem war ein kleines Brett mit einer Lampe befestigt, die bei Bedarf das Lesen der Titel erleichtern sollte.

Noch während wir uns staunend umsahen, hörten wir Schritte, die sich offenbar von einer knarrenden Holztreppe aus näherten. Der Vorhang bewegte sich etwas, und dann stand uns Anders lächelnd gegenüber. „Ach, das ist ja eine Überraschung. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet, dass wir uns so schnell wiedersehen. Womit kann ich dienen?“ Roberto lachte und sagte: „ Ich bin halt neugierig. Interessanten Geschichten von noch interessanteren Leuten muss ich immer sofort nachgehen“. „Und dann müssen Deine Freunde gleich mit, ob sie wollen oder nicht. Das gefällt mir“. Anders schmunzelte.

„Ja klar, echte Freunde interessieren sich für einander“. Roberto zwinkerte Anders zu. „Das sind Walter und sein Partner Gus, meine, nein unsere, besten Freunde“. Wir begrüßten Anders mit Handschlag und stellten uns selbst noch einmal vor. „Ach, ein Deutscher und ein Norweger… kommt nicht so häufig vor… aber Eure Generation ist ja gottseidank nicht mehr mit Vorurteilen belastet und Schuld an dem was war, habt Ihr ja sowieso nicht“. Anders schaute uns prüfend an und wartete auf eine Reaktion. Ich überlegte einen Augenblick und antwortete dann: „‘Vor‘urteile haben wir ja alle irgendwie; aber mit denen sollte man sich auseinandersetzen und dann zu vernünftigen ‚Urteilen‘ kommen. So habe ich es jedenfalls zuhause gelernt“. – „Das ist eine gute norwegische Haltung“. Anders nickte und lächelte mir zu.

„Nun bin ich allerdings nur halber Norweger. Der Papa ist Norweger und die Mama Deutsche und ich bin in Deutschland aufgewachsen. „Oh… das hört man nicht. Ich dachte Du wärest von hier aus der Gegend“. – „Papa ist auf Bekketangen geboren“. – „Ach… dann bist Du ein Sohn von Karl?“ – „Ja, Du hast ihn auf dem Romjulsfest gesehen“. Anders überlegte: „Ich habe ihn leider nicht erkannt. Seine Eltern kannten meine Eltern, und wir haben als Kinder manchmal mit einander gespielt. Was macht Dein Vater heute? Ist er wieder hier?“. – „Nein, er ist Anwalt in Ce… Nur ich bin mit Gus nach Asker gezogen und arbeite dort ab Januar bei Barnevernet“. – „Tja, erstaunlich, was das Leben im Laufe der Jahre so mit uns macht“. Anders Blick suchte einen Punkt in der Ferne, um uns nicht ansehen zu müssen.

Ich merkte, dass Gus die Spannung, die in unserem Gespräch entstanden war, nicht gefiel. Er nahm beiläufig ein Buch aus einem Regal und blätterte darin, so als interessiere ihn unser Gespräch nicht.

„Ihr seid alle Vier mutige Jungs. Ich wünschte, ich wäre in meinem Leben auch so mutig gewesen. Stattdessen habe ich, als ich so alt war wie ihr, nur daran gedacht, wie ich überleben kann, ohne Rücksicht auf andere. Und später wollte ich immer nur meine Ruhe haben, war leise, zurückhaltend und ängstlich“. Er fixierte nach wie vor einen imaginären Punkt in der Nähe der Ladentür.

„Mehr Mut hätte meinem Partner vielleicht das Leben gerettet und uns beiden ein zufriedeneres Leben beschert“. Anders hatte jetzt einen tief traurigen Gesichtsausdruck.

Roberto schaute ihn fragend an: „Magst Du uns irgendwann mal erzählen, was passiert ist?“.

„Ja, Ihr seid anständige und nette Jungs. Gebt mir ein bisschen Zeit, dann könnt Ihr gern mal zum Kaffee kommen und ich erzähl Euch alles. Nur im Augenblick…“. Er brach ab und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Ach, sch… ich denke einfach zu viel nach und bin viel zu oft allein“.

„Wir kommen gern, aber unsere Einladung nach Bjørnstangen steht nach wie vor“, sagte Roberto.

„Ach ja, die beiden Höfe Bekketangen und Bjørnstangen… das waren Zeiten. Der eine Zufluchtsort für die Jungs von Milorg. [der militärische Arm der norwegischen Widerstandsbewegung], und auf dem anderen wohnte einer der schlimmsten NS-Leute in der ganzen Gegend… Deine Großeltern waren prachtvolle Leute. Da kannst Du stolz sein. Leider ist mein Kontakt zu Deiner Tante nach ihrer Heirat abgebrochen…“. – „Tante Rita und Onkel Odd müsstest Du auch noch auf dem Romjulsfest gesehen haben. Sie gingen gerade raus, als Du uns ansprachst“. – „Auch sie habe ich leider nicht wiedererkannt. Es ist eine Schande“, sagte Anders.

„Den Vater von Kjartan haben ‚unsere‘ Jungs in Grini beziehungsweise ‚Ilebu‘ oder ‚Ila“ wie es später offiziell hieß, 1945 erschossen. Bei Kjartan selbst wusste man nie woran man war. Er hat sich hinter seinem ultra konservativen christlichen Glauben versteckt und jede politische Haltung vermieden. Jeder wusste allerdings, dass er Homosexuelle hasste wie die Pest. So gesehen ist es einfach fantastisch, dass Du und Bjørn jetzt den Hof übernommen habt. Ich glaube das war auch der Grund, warum so viele von uns Älteren von Eurem Tanz so begeistert waren und andere sich regelrecht geschämt haben. Ich kenne ja viele von früher und habe sie genau beobachtet. Na ja, und Kjartans Schwester, Bjørns Mutter, zittert heute noch vor den Verbrechern von NS [Nasjonal Samling war die norwegische Nazi-Partei]“.

„Wieso?“, fragte Gus sichtlich überrascht.

„Ich dachte Ihr wüsstet das… zumindest Bjørn sollte es wissen…“.

„Ich denke, sie hat Bjørn nie etwas über die Vergangenheit erzählt. Er lebte ja die meiste Zeit bei Odd und Rita“. – „Ach… das wusste ich nicht… aber er wird doch sicher mal mit seinem Vater geredet haben?“. – „Nein, er kennt ihn nicht und seine Mutter will ihm nicht sagen, wo der Vater in Amerika wohnt“. – „Was? Amerika?... Esben Sigurdsen lebt ganz vergnügt in Amsterdam. Er ist immer noch Sozialist und arbeitet für eine holländische Gewerkschaft, wenn er nicht schon in Rente ist… das weiß ich nicht genau. Wir waren früher mal richtig gute Freunde. Als er dann mehr oder weniger Hals über Kopf Ende der fünfziger Jahre plötzlich weg war, haben wir uns aus den Augen verloren. Ich habe noch hin und wieder einen Brief bekommen und dann hörte auch das irgendwann auf. Esben hat allerdings nie etwas von seinem Sohn geschrieben. Ich habe immer angenommen, er ist aus Norwegen weg, weil ihn ein alter NS-Mann verleumdet und bei der Polizei angeschwärzt hat – derselbe übrigens, der vermutlich Bjørns Mutter bis vor ein paar Jahren unter Druck gesetzt hat“.

„Bjørns Mutter behauptet, Bjørns Vater hätte sie sitzengelassen, weil er in Amerika ein neues Leben anfangen wollte. Ich glaube Bjørn kennt nicht mal seinen richtigen Namen, denn die amerikanische Botschaft konnte ihm bei seiner Suche nach seinem Vater bisher nicht helfen“. Gus war jetzt sogar ein bisschen aufgeregt.

„Wartet mal, ich suche mal den letzten Brief raus, den ich von Esben bekommen habe. Der ist zwar mehr als 22 Jahre alt, aber es steht eine Adresse drauf. Vielleicht hilft Bjørn das bei seiner Suche“.

Anders verschwand hinter dem dicken Vorhang, und wir hörten wieder die Schritte auf der knarrenden Treppe. Ein paar Minuten später kam er zurück und hatte einen aufgerissenen Briefumschlag in der Hand. Die Adresse darauf war in einer schönen, sauberen Handschrift geschrieben und auf der Rückseite stand ein deutlicher Absender. „Nehmt den Brief mit und gebt ihn Bjørn. Vielleicht gibt er ihn mir irgendwann mal wieder zurück“.

„Vielen Dank, das wird ein tolles nachträgliches Weihnachtsgeschenk für Bjørn sein“. Wir gaben alle Drei Anders die Hand.

„Sag mal, hast Du nicht Lust, heute Abend zu uns zum Essen zu kommen? Bjørn würde sich sicher riesig freuen, und Karl wird sich auch freuen, einen alten Freund aus der Kindheit wiederzutreffen“.

Anders lächelte und sah Roberto an: „Danke, das ist ganz lieb, aber ich will keine Unruhe in Eure kleine Familie bringen. Wer weiß, wie Bjørn reagiert und ob Karl an unsere gemeinsamen Jungenstreiche erinnert werden will, ist auch nicht sicher“.

„Doch, ich bestehe darauf, Du musst einfach kommen, wenn Du es irgendwie einrichten kannst. Ich kann Dich auch abholen und wieder zurückfahren, oder Du übernachtest bei uns. Alles kein Problem“. Roberto unterstrich das Gesagte mit einem erneuten festen Griff nach Anders Hand.

Anders zog die Stirn in Falten, schlug die Augen nieder und ergriff ebenfalls Robertos Hand: „Also gut, ich komme. Ich wohne ja jetzt in Holmestrand und habe es gar nicht so weit“.

Wir bekräftigten alle noch einmal, dass wir uns auf den Besuch wirklich freuen und verabredeten uns für 19:00 Uhr auf Bjørnstangen.

Während der Rückfahrt einigten wir uns, dass Roberto Bjørn den Brief übergeben, und ihm auch erstmal alleine die ganze Geschichte erzählen sollte.

Als wir auf dem Hof ankamen, arbeiteten Bjørn und Arild bereits am Traktor und warteten auf den Motorwärmer. „Da habt Ihr aber ganz schön lange gebraucht“. – „Wir waren noch in der Buchhandlung von Anders“. – „Ach so, habt Ihr Bücher gekauft?“ – „Nein, aber wir haben uns lange mit Anders unterhalten, und ich habe Dir noch etwas mitgebracht“. Robert nahm Bjørn etwas beiseite, und wir zogen uns zurück. „Lass uns doch eben eine Tasse Kaffee trinken, dann zeig ich Dir was“. Roberto gab Bjørn einen Kuss und zog ihn mehr oder weniger aus der Werkstatt.

„Süßer, ich würde ja gerne mit Dir jetzt… aber wir brauchen den Trecker“. – „Aber meine Überraschung kann nicht warten… also los, komm!“

Bjørn zog nicht einmal seinen Termoanzug aus, sondern legte lediglich Pelzmütze und Handschuhe auf den Küchentisch und schlürfte an seinem Kaffee.

Als Roberto ihm alles erzählt und den Briefumschlag gegeben hatte, war Bjørn bleich geworden und starrte in seine Kaffeetasse. „Glaubst Du ihm?“ – „Ja, ich denke, er sagt die Wahrheit. Er hat keinen Grund zu lügen“. – „Aber das würde ja bedeuten, meine Mutter hätte mich und den Rest der Familie belogen…oder, … haben Rita und Odd etwas gewusst?“ – „Nein, ich vermute, dass lediglich Kjartan etwas wusste, aber nichts gesagt hat, weil er ein Sozialisten-Hasser war“.

„Ich fasse es nicht… sie hat es geschafft, dass mein Vater nicht weiß, dass er einen Sohn hat, und ich bis heute nicht weiß, wer mein Vater ist. Das ist eine solche Gemeinheit…“, Bjørn stützte seinen Kopf auf und schluchzte, „…eine solche Gemeinheit…“. – „Urteile nicht zu früh, Schatz. Anders vermutet, dass Deine Mutter unter Druck steht und Angst vor einem alten NS-Mann hat, der wohl im Krieg Kontakt zu unserem Hof gehabt hat“. – „Mann Roberto, ich bin ihr Sohn… das hätte sie mir doch sagen können“. – „Ich habe Anders für heute Abend zum Essen eingeladen. Dann kann er Dir vielleicht alles erklären“.

Bjørn gab seinem Liebsten einen langen Kuss, setzte seine Mütze auf, zog die Handschuhe an und ging wieder raus.

Genau um 19:00 sahen wir vom Küchenfenster aus ein Auto vor der Scheune parken. Anders stieg aus und kam aufs Haus zu. Im Licht des Windfangs sahen wir, wie er sich den Schnee von den Stiefeln klopfte und in der rechten Hand ein kleines Päckchen in die Luft hielt. Dann hielt er kurz inne, schien tief durchzuatmen und klopfte schließlich an die Tür.

Roberto war schon auf den Flur gegangen und öffnete sofort: „Velkommen! Fint at du kunne komme. Kom inn!“ Anders schaute sich erstaunt und etwas skeptisch um. „Es ist fast vierzig Jahre her, dass ich die Schwelle dieses Hauses das letzte Mal überschritten habe… Ich kenne es kaum wieder. Damals düster, kalt und unfreundlich, heute hell, warm und gemütlich… was für ein Unterschied“.

Bjørn hatte geduscht, eine bunte Strickjacke mit Jeans angezogen und kam gerade die Treppe herunter, als unser Gast seinen Mantel an die Garderobe hängte.

„Hei Anders! Du glaubst gar nicht, wie ich mich freue, dass Du gekommen bist“. Bjørn nahm den etwas überwältigten Anders spontan in den Arm und fügte hinzu: „Als Roberto mir heute Mittag die Geschichte von Dir erzählte und mir den Brief gab, war ich erschrocken, dann habe ich nachgedacht und schließlich konnte ich es nicht mehr erwarten, Dich kennenzulernen. Bitte komm rein, mach es Dir bequem, fühl Dich wie zuhause und sag mir, was Du trinken möchtest“.

Anders schien sprachlos, hielt Bjørn mit beiden Armen fest, schob ihn etwas von sich und betrachtete ihn wie ein Kurzsichtiger. „Und Du bist also der Neffe von Kjartan und der Sohn von Esben… Gottseidank hast Du von Deinem Onkel nichts. Deinem Vater bist Du allerdings wie aus dem Gesicht geschnitten… hier steht mir Esben gegenüber, so wie er vor nun fast 23 Jahren aus meinem Leben verschwunden ist“. Anders kämpfte mit den Tränen. „Ich war so blind. Ich hätte das schon beim Romjulsfest sehen müssen…“. Er wollte oder konnte Bjørn nicht loslassen und hielt immer noch fast krampfhaft das kleine Päckchen in der Hand. „Bjørn, mein Junge, eigentlich wollte ich gar nicht kommen. Ich hatte einfach Angst, alte Wunden aufzureißen und Unruhe zu stiften, aber jetzt… wo Du hier vor mir stehst und so lieb lächelst wie Dein Vater…und… Euer Haus so viel Wärme und Freundlichkeit ausstrahlt, möchte ich Dich gar nicht mehr loslassen…“.

Bjørn legte seinen Arm um Anders Schulter und schob ihn mit sanfter Gewalt ins Wohnzimmer. Dort saß Vatern wie immer in seinem Ohrensessel und studierte die Zeitung. Er war der einzige, der auf unseren Gast nicht vorbereitet war. Vermutlich weil der Nachmittag so hektisch gewesen war, Vatern eine lange Siesta gehalten hatte oder jeder davon ausgegangen war, er wüsste Bescheid.

Als wir eintraten, erhob sich Vatern, gut erzogen wie er war, nahm seine Brille ab und streckte Anders ohne jedes Anzeichen von Wiedererkennen seine Hand entgegen. „Ich bin Karl, der Vater von Walter…“, jetzt stutzte er: „Kennen wir uns?... Ach ja, richtig, Du warst auch auf dem Romjulsfest…Obwohl… Ich kann mich täuschen… aber da ist etwas… Deine Augen, Dein Lächeln, Dein Dialekt. Ich glaube, wir kennen uns… aber das muss sehr, sehr lange her sein. Gib mir etwas Zeit… ich komme noch drauf“. Vatern sah Anders in die Augen, schüttelte unmerklich mit dem Kopf und lächelte: „Sag etwas, dann komme ich drauf! Sympathische Gesichter vergesse ich eigentlich nie… verflixt…“.

„Ach Karl, erinnere Dich doch mal an den Jungen mit dem Bollerwagen und den drei Puppen Ole, Ove und Odvar“. Anders grinste und sah Vatern so lieb an, dass der regelrecht verlegen wurde, was für ihn äußerst ungewöhnlich war.

„Anders! Mein Gott, na klar… was bin ich blöd. Nachdem mir Roberto vorgestern Deine Visitenkarte gezeigt hatte, hätte ich natürlich drauf kommen müssen… Das waren Zeiten… Immer wenn unsere Eltern sich bei Euch im Buchladen trafen, mussten wir beide raus auf die Straße. Ballspielen wolltest Du nicht, in den Apfelbaum Eures Nachbarn klettern wollte ich nicht. Also sind wir mit Deinem Bollerwagen und den ‚drei Jungs‘ die Straße rauf und runter gerannt und haben im Laufen Geschichten erfunden, die die Drei hätten erlebt haben können. Einmal habe ich die Puppen dann wohl auch mal ausgezogen und festgestellt, dass es gar keine Jungs sein konnten, denn es fehlte ihnen was. Dich hat das geärgert und Du hast mir erklärt, das interessiere Dich nicht. Sie hätten schließlich Hosen an und daher seien es Jungs für Dich“. Vatern lachte und konnte seinen Blick von Anders gar nicht losreißen, der jetzt seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, nach seinem Taschentuch suchte und das kleine Päckchen dauernd von der einen in die andere Hand nahm.

„Das war der Anfang einer verhängnisvollen Zeit… drei Jahre später hat mich ein Mitschüler beim Direktor angeschwärzt, weil ich mal bei einem richtigen Jungen nachschauen wollte, was da zwischen den Beinen meiner Puppen fehlte. Ich bekam einen Eintrag, den die Deutschen dann gleich 1941 fanden und mich nach Viktoria-Terrassen [Polizei- und Gestapo-Zentrale von 1941-1945 in Oslo] zitierten. Dort hängte man mir eine völlig aus der Luft gegriffene Anklage wegen Sodomie an und verfrachtete mich zwei Tage später zur Zwangsarbeit nach Deutschland, wo ich als Homosexueller abgestempelt war, und mich lediglich mein ‚N‘ in meiner Gefangenen-Nummer davor bewahrte gleich in die Gaskammer zu kommen. In Ravensbrück und später in Neuengamme hätten sie es dann trotzdem fast geschafft“.

Vatern war entsetzt und blickte mit weit aufgerissenen Augen erst Anders und dann uns an. „Warum habe ich das denn nie erfahren? Hätte ich das damals gewusst, als ich mein Studium in Göttingen begann und nebenbei skandinavische Gefangene in Bergen-Belsen und Neuengamme mit Nachrichten aus der Heimat versorgte. Wir waren ein paar Dänen, Schweden und Norweger, die bestimmt etwas für Dich hätten tun können. Wir hatten in der norwegischen Seemannskirche in Hamburg Verbindungsleute, die gerade in Neuengamme sehr viel geholfen haben“.

„Man hatte mir ja jeglichen Kontakt mit Landsleuten verboten. Mein Charakter wurde damals zynisch, egoistisch, rücksichtslos und menschenverachtend. Ich habe alles gemacht um zu überleben. Als wir dann im März 1945 mit den ‚weißen Bussen‘ nach Schweden gebracht wurden, war ich so böse geworden, dass ich sogar noch einem Mitgefangenen seine Brotration gestohlen habe“.

„Mensch, Anders, Du bist doch nicht ‚böse‘… Du bist ein lieber Kerl und…, dass Du heute Abend hier bist zeigt doch, dass Du weder egoistisch noch menschenverachtend bist. Was Dir die Verbrecher angetan haben ist so schrecklich, dass es jeder erfahren sollte. Aber Du bist und bleibst ein guter Mensch mit einem tollen Charakter. Komm her, lass Dich drücken!“. Vatern breitete seine Arme aus und umarmte Anders ganz fest und unglaublich herzlich. Der legte seinen Kopf auf Vaterns Schulter und weinte jetzt hemmungslos. „Ach, hätte ich doch nur gewusst, dass Du ganz in meiner Nähe warst. So vieles wäre leichter zu ertragen gewesen…“, schluchzte er und brachte dann kaum noch ein Wort raus.

Ich hatte bisher immer geglaubt, Vatern könne nur schwer seine Gefühle zeigen. So zärtlich und liebevoll wie er jetzt seinen alten Freund Anders im Arm hielt, hatte ich ihn noch nie gesehen. Immer wieder strich er ihm übers Haar und flüsterte ganz leise etwas in sein Ohr, das wir nicht verstanden.

Ich gab den anderen ein Zeichen, dass wir die beiden allein lassen sollten. So zogen wir uns leise in die Küche zurück und halfen Kjell beim Tischdecken.

„Was mag das für ein Päckchen sein, das Anders da in der Hand hat?“. Gus sah fragend in die Runde. „Sicher nur ein kleines Geschenk für die Einladung, das er vor lauter Aufregung einfach vergessen hat uns zu geben“, lächelte Bjørn.

Als ich eine halbe Stunde später Vatern und Anders zum Essen rufen wollte, saßen sie eng umschlungen auf dem Sofa, steckten die Köpfe zusammen und redeten sehr leise aber lebhaft miteinander. Sie machten den Eindruck von uralten Freunden, die nichts auseinanderbringen konnte. Immer wieder sahen sie sich minutenlang in die Augen, um sich dann gegenseitig liebevoll über die Haare zu streichen.

Ich gab ihnen noch eine Viertelstunde und rief dann durch die geschlossene Tür: „Jungs, das Essen wird kalt!“

Arm in Arm kamen beide in die Küche. Sie strahlten um die Wette und alle Tränen waren getrocknet. Beide wollten unbedingt nebeneinander sitzen. Vatern legte Anders fürsorglich Fleisch, Gemüse und Kartoffeln auf den Teller und fragte immer wieder, ob ihm noch etwas fehle.

„Mir fehlt nichts mehr. Ich habe innerhalb von einer Stunde alles gefunden, was ich jahrelang vermisst habe. Wärme, Geborgenheit, prachtvolle Menschen und Liebe in einem Haus, das ich eigentlich niemals wieder betreten wollte, vor dem ich richtig Angst hatte und in dem ich einige meiner scheußlichsten Bekanntschaften gemacht hatte“.

„Magst Du erzählen, was hier im Hause damals los war“, fragte Roberto.

„Das ist aber kein schönes Thema bei einem so gemütlichen Essen“, warnte Anders. „Macht nichts, damit müssen wir jetzt klarkommen“. – „Also gut, das Schlimmste lasse ich einfach mal weg…“.

„Als ich das erste Mal in dieses Haus kam, war ich gerade 16 Jahre alt. Kjartans Vater hatte Jungen zwischen 11 und 16 eingeladen, um eine NS-Jugendorganisation hier im Bezirk zu gründen. Karls Vater hatte mich gebeten an dem Treffen teilzunehmen, damit ich später berichten sollte, was hier geplant war. Auf Bekketangen trafen sich zu der Zeit regelmäßig einige Sympathisanten der Arbeiterpartei und der Kommunisten, die für jede Information über ‚Nasjonal Samling‘ dankbar waren.

Dort wo heute Eure Schwarz-Weiß-Fotos hängen, prangte damals das Sonnenkreuz mit den zwei Schwertern, das Symbol der Nasjonal Samling. Darunter stand ein Tisch mit Zeitungen, ganz oben auf lag „Fritt Folk“ [Zentralorgan der NS]. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Gestell daneben, in dem mehrere Gewehre und Pistolen eingehängt waren“.

Anders aß noch ein paar Bissen, legte dann Messer und Gabel beiseite, wischte sich den Mund ab, trank ein Schluck Wasser und setzte seinen Bericht fort.

„Die meisten Jungs saßen im Wohnzimmer und warteten auf Kjartans Vater, der saß aber noch im Arbeitszimmer zusammen mit einigen deutschen Freunden aus der NSDAP. Ich wusste das nicht und ging ohne anzuklopfen ins Arbeitszimmer, weil ich mich hier nicht auskannte und dachte, es wäre die Tür zum Wohnzimmer. In dem Zimmer wurde geraucht und fünf Männer saßen in Sesseln um den Schreibtisch herum. Kjartans Vater und noch ein anderer Mann hatten eine schwarze Uniform an. Die anderen waren in Zivil. Der kleine Kjartan saß auf dem Knie eines fetten, schwitzenden Mannes, dessen Hemd aufgeknöpft war und dessen weiße Unterhose man durch den offenen Hosenstall sehen konnte. Ich höre heute noch, wie er ein deutsches Kinderlied sang: ‚Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt dann schreit er…‘.

Als ich eintrat fuhr mich Kjartans Vater an: ‚ Kannst Du Bengel nicht anklopfen?‘. Ich entschuldigte mich und wollte wieder gehen, als der feiste Kerl auf Deutsch rief, dass ich doch bleiben solle. Es gefiele ihm, dass ich so ‚frisch und unbedarft‘ sei. Die anderen Männer stimmten ihm zu und einer rief, junges Blut tue not in diesen Tagen. Der Dicke versprach mir, ich könne eine Führungsposition in der neuen Jugendorganisation bekommen, wenn ich nicht zu prüde und mit einer Art Aufnahmeprüfung durch die Männer einverstanden sei.

Mein Verhängnis war, dass ich mich schon damals zu Männern sehr hingezogen fühlte und einfach naiv war. Der Dicke ließ Kjartan weiter auf seinem Knie reiten und befahl mir mit klarer, harter Stimme, meine Hose auszuziehen. Er müsse prüfen, ob ich mich vom Körperbau her für eine Führungsaufgabe eignen würde. Ich erspare Euch die Einzelheiten dessen, was anschließend geschah. Ich will nur soviel sagen. Diese Männer waren alle, einschließlich Kjartans Vater, lebende Teufel. Ich habe erst in Ravensbrück und Neuengamme wieder solche Brutalität und Hemmungslosigkeit erlebt wie damals hier im Arbeitszimmer. Vier Männer haben Kjartan und mich geschlagen und missbraucht, mehrfach und immer wieder. Kjartans Vater hat zugeschaut und diabolisch gelacht.

Kjartan hatte blaue Flecke am ganzen Körper und blutete am After, biss trotzdem die Zähne zusammen und hat nicht geweint. Ich fühlte mich unglaublich dreckig und klebrig. Auch ich blutete aus dem Po und hatte unsagbare Schmerzen. Meine einzige Genugtuung bis heute ist, dass vier von den fünf Männern entweder im Krieg umgekommen sind oder in Ila erschossen wurden. Nur einer lebt noch in Horten, ist aber seit zwei Jahren schwer krank. Ich habe ihn in Verdacht, dass er Deine Mutter, Bjørn, bis vor ein paar Jahren unter Druck gesetzt hat. Vielleicht hatte er sogar Schuld, dass Kjartan sich hier auf Bjørnstangen in den letzten Jahren so eingeigelt hat. Ihr dürft nicht vergessen, dass die alten NS-Leute auch heute noch ihre Verbindungen und Einfluss haben“.

In der Küche war es still geworden. Kjell war ganz bleich und schaute hilflos von einem zu anderen, setzte immer wieder an, um etwas zu sagen, ließ es dann aber.

Roberto brach das Schweigen: „Ich werde nie wieder unbeschwert in unseren Arbeitsraum gehen können. Bloß gut, dass unser Schreibtisch heute oben steht“.

„Jungs, die Zeiten sind endgültig vorbei, Ihr habt nichts mehr damit zu tun. Aber bitte, vergesst nie, zu welchen Schrecklichkeiten einige Menschen fähig waren und, dass das niemals wieder passieren darf. Achtet auf das, was Eure Mitmenschen sagen und tun und wehrt Euch, wenn jemand eine Gruppe von Menschen ausgrenzen will oder meint, Hass sei gerechtfertigt“.

Vatern legte wieder seinen Arm um Anders und lächelte ihn an: „Und Du willst uns weismachen, Du seiest egoistisch und menschenverachtend… das bist Du nicht“. Anders neigte seinen Kopf an Vaterns Schulter und sagte: „ Ach Karl, das sahen und sehen einige Leute ganz anders. Vermutlich gehört Esben, Bjørns Vater, auch dazu. Ich weiß bis heute nicht, warum er den Kontakt zu mir eingestellt hat“.

„Woher weißt Du eigentlich, dass mein Vater noch lebt?“, mischte sich Bjørn ein. Anders blickte auf und schaute ihn unverwandt an: „Weil ich ihn erst vor ein paar Monaten gesehen habe…“. – „Waaas?... – „Ja,… also nicht richtig… aber im Fernsehen. NRK brachte einen Beitrag über einen internationalen Gewerkschaftskongress in Amsterdam… da hat er geredet. Ich bin mir sicher, er war es… Er sieht immer noch verdammt gut aus, ist so schlank wie sein Sohn, hat den unverkennbaren norwegischen Tonfall im Englischen, und vor allem er lächelt wie sein Sohn... Er war es, ganz bestimmt“.

„Warum glaubst Du, dass Mutter nicht will, dass ich mit ihm Kontakt aufnehme?“. – „Weil sie glaubt, er sei ein Verbrecher… und… vielleicht hat sie sich tatsächlich eingeredet, er sei in Amerika, um ihn besser vergessen zu können … Ich weiß es nicht…“.

„Ein Verbrecher?“. Bjørn schaute Anders ratlos an. „Ja, ich befürchte, der NS-Mann aus Horten hat Deiner Mutter gesagt, Dein Vater sei einer der Jungs gewesen, die den ‚Dicken‘ in Ila 1945 erschossen haben. Man weiß bis heute nicht, wer an der Aktion alles beteiligt war. Einige Juristen und Journalisten behaupten, es sei Mord gewesen. Man hat Anfang der 60iger Jahre eine Untersuchung gestartet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Erschießungen nach dem damaligen Kriegsrecht gedeckt waren. Bloß bei dem Dicken gab es Unklarheiten. Er soll schon vorher hinterrücks von einem Unbekannten erschossen worden sein. Ein Mitgefangener hat damals den Namen Deines Vaters ins Spiel gebracht. Man glaubte ihm nicht, sah die Aussage als reine Schutzbehauptung und ließ ihn seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen… Na ja, und heute lebt dieser Mann also todkrank und alt in Horten… auch das ist eine Form von Gerechtigkeit“.

Bjørn war sehr nachdenklich geworden. „Meine Mutter hätte es mir sagen müssen… Ich werde ihr aber jetzt keine Vorwürfe mehr machen. Was haltet Ihr davon, wenn wir im neuen Jahr nach Amsterdam fliegen und Esben Sigurdsen suchen? Ich fände es toll, wenn Du, Anders, mitkommen würdest“.

„Ich bin nicht sicher, ob die Idee so gut ist. Esben will mit mir aus irgendeinem Grund nichts mehr zu tun haben. Bevor ich nicht weiß warum, möchte ich mich nicht aufdrängen“. Anders drehte sich um, griff in die Hosentasche und zog das kleine Päckchen hervor, über das wir uns bereits den Kopf zerbrochen hatten.

„Das können wir ja rausfinden. Ich möchte mit meinem Vater reden und seine Sicht der Dinge hören. Was, wenn alles ein riesen Missverständnis ist? Na ja, finden wir ihn nicht, schließe ich das Kapitel ein für alle Mal ab, aber wir haben eine schöne Reise nach Amsterdam gehabt“, sagte Bjørn ohne jede Emotion.

„Ja, Bjørn hat recht. Man sollte es ohne große Erwartungen und Hoffnungen versuchen. Wenn Ihr wollt, komme ich auch mit. Mich interessiert die Sache sehr“, mischte Vatern sich ein.

„Davon war ich ausgegangen. Das wäre super, wenn Du mich, auch in rechtlichen Fragen, ein bisschen unterstützt. Lasst uns die Reise gleich im Januar machen. Da ist hier auf dem Hof nicht viel zu tun und wir können uns Zeit nehmen“.

„OK, Karl, wenn Du dabei bist, komme ich auch mit“. Anders schaute Vatern so verliebt an, dass ich das erste Mal befürchtete, diese wiederbelebte Freundschaft könnte einen Einfluss auf Vaterns Beziehung zu Jörgen haben. Gleichzeitig legte er das Päckchen auf den Tisch und schob es zu Bjørn rüber. „Nimm das, Bjørn! Wie auch immer das mit Deinem Vater ausgeht, hier hast Du etwas, dass Dich immer an ihn erinnern wird“.

Bjørns Hände zitterten etwas, als er das Papier abriss. In einer kleinen Pappschachtel lag in Watte gebettet eine goldene Taschenuhr. Auf der Innenseite des Deckels war eingraviert: „Esben Sigurtsen, Bruddet 6. April 1942 – Frigjøringen 8. Mai 1945“. [Am 2. Ostertag 1942 legten alle Bischöfe der norwegischen Staatskirche ihre Ämter im Protest gegen die NS-Regierung nieder und 90% des Klerus folgten ihnen. 8.5.1945 Tag der deutschen Kapitulation und Befreiung Norwegens.]

Bjørn betrachtete die Uhr von allen Seiten und sagte dann: „Die Uhr ist sehr schön und sieht kostbar aus. Wofür hat mein Vater sie bekommen?“.

„Ich weiß es nicht, aber ich vermute, die Uhr war ein Geschenk Deines Großvaters. Er war Pastor in Horten. Esben hat mir die Uhr zur Verwahrung gegeben, ein paar Wochen bevor er das Land verlassen hat“.

„Ich danke Dir! Das ist so lieb. Jetzt werde ich so lange nach ihm suchen, bis ich ihm die Uhr zurückgeben kann… danke, danke…“.

Bjørn machte den Vorschlag, Anders sollte doch über Nacht bleiben, dann könnten man am nächsten Tag zusammen Silvester feiern und in Ruhe die Reise nach Amsterdam planen.

Anders wollte etwas einwenden, besann sich aber, bedankte sich für die Einladung und gab zu, sich insgeheim darauf vorbereitet zu haben, weil Roberto ja bereits so etwas angedeutet habe. Schlafanzug und Zahnbürste hatte er daher in einer Tasche im Auto.

Als Gus und ich als Letzte weit nach Mitternacht aus dem Bad kamen, stand die Tür zu Vaterns Zimmer offen, und wir hörten, dass Anders und er sich noch leise angeregt unterhielten. Als ich dann morgens gegen vier Uhr zum Pinkeln aufs Klo ging, war die Tür zu Vaterns Zimmer geschlossen, aber das Arbeitszimmer war offen. Die frische Bettwäsche auf dem Schlafsofa war glatt und unberührt.

Gegen Neun trafen wir uns alle nach und nach zum Frühstück in der Küche.

Bjørn und Roberto waren bereits seit ein paar Stunden im Kuhstall gewesen. Arild hatte schon einen Besuch bei unseren Nachbarn gemacht und Mai-Linh guten Morgen gewünscht. Ruben wollte nur ganz schnell eine Tasse Kaffee trinken, um dann anschließend im Brygghus weiter zu arbeiten. Kjell bereitete das Mittagessen vor, als Anders und Vatern im Schlafanzug die Treppe herunterkamen.

Wenn ich zurückblicke, gab es nur wenige seltene Augenblicke, in denen ich Vatern im Schlafanzug gesehen hatte. Normalerweise war Vatern mehr oder weniger von morgens bis abends korrekt gekleidet. Nur zuhause in Ce… lief er schon mal nackt durchs Haus, aber ein Schlafanzug gehörte nicht zu seinen bevorzugten Kleidungsstücken.

Die beiden waren in ausgelassener Stimmung und alberten bereits auf der Treppe herum, warfen sich gegenseitig vor, sich die Haare nicht gekämmt zu haben und, dass der jeweils andere einen fürchterlichen Geschmack in Bezug auf Bekleidung habe.

Am Frühstückstisch schmierte jeder dem anderen die Brote und selbst das Müsli und die Äpfel machte jeweils der eine für den anderen fertig.

Gus flüsterte mir zu: „Das machst ja selbst Du nicht mehr für mich…“ und schmunzelte. Ich schaute dem Spiel völlig entgeistert zu. So kannte ich meinen Vater nicht. Ich hatte in all den Jahren immer den Eindruck gehabt, Vatern könne seiner Rolle des seriösen Advokaten nicht mehr entfliehen. An diesem Morgen war er ein großer Junge, der unverkrampft und fröhlich sein Leben genoss und unglaublich glücklich schien. Der bisher eher nachdenkliche, ernste Anders stand ihm in nichts nach.

Ich bemerkte, wie auch Bjørn und Roberto staunend die beiden beobachteten.

„Kennst Du den? Gehen zwei Männer über die Brücke, sagt der eine: ‚Darf ich auch mal in der Mitte gehen?‘“. Vatern schüttete sich aus vor Lachen über seinen eigenen Witz. Anders feixte und meinte, dass er das auch gefragt haben könnte. „Ich hab‘ auch noch einen fügte er lachend hinzu: „Ein Norweger zeigt seinem Freund aus Deutschland seine Ländereien. Folgender Dialog entspinnt sich: "Liebling schau, diese Wälder...gehören alle mir. Liebling, diese Felder ... alles meins ... diese Wiesen ... alles meins ... und diese Kühe ... alle meine!" Ein Stier besteigt gerade eine Kuh, um sie zu begatten. Der Norweger zeigt mit seinem Finger darauf und säuselt verliebt: ‚Liebling ... und was der Stier da macht ... das möchte ich jetzt auch machen!‘ Darauf der Angesprochene: ‚ Mach doch, sind ja Deine Kühe!‘“

Ich konnte mich kaum erinnern, dass Vatern in größerer Runde jemals Witze erzählt hatte, geschweige denn schon beim Frühstück. In der vergangenen Nacht musste etwas Einschneidendes passiert sein. Ich vermutete, er würde noch nicht darüber reden wollen, machte mir aber dennoch schon Sorgen über seine Beziehung zu Jörgen.

Noch während ich nachdachte, setzte Vatern zu einer seiner berühmten Ansprachen an:

„Also, meine Lieben, bevor Ihr Euch den Kopf über uns beide zerbrecht. Ja, wir haben heute Nacht zusammen geschlafen und ja, wir sind wahnsinnig glücklich, dass wir uns wieder gefunden haben. Wir haben beschlossen, uns nicht mehr zu trennen. In unserem Alter macht man keine Experimente mehr. Die paar Jahre, die wir vielleicht noch haben, werden wir uns nicht mehr aus den Augen lassen. Anders wird seinen Laden noch ein bisschen weiterführen, und ich werde meine Kanzlei mehr und mehr in Jörgens Hände übergeben. Wir werden versuchen, im Laufe des nächsten Jahres unsere Haushalte zusammenzuschmeißen, entweder hier in Norwegen oder irgendwo in einem wärmeren Land, aber wir bleiben zusammen“. Daraufhin nahm er Anders in den Arm und gab ihm einen Kuss. Der strahlte, blickte Vatern in die Augen und hielt ihn ganz fest.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Als Vatern sich kurz erhob, sah ich, dass er einen steinharten Ständer in seiner Schlafanzugshose hatte. Ein Anblick, der tatsächlich bisher nur Gus vor ein paar Jahren vergönnt war.

Mir blieb die Spucke weg. Gus meinte ganz sachlich: „ Das hört sich prima an. Ich wünsch Euch alles Gute!“ – „ Also… ich…. Also ich auch!“, stotterte ich. „Aber… wird… also wird Jörgen nicht traurig sein?“ – „Um ihn mache ich mir keine Sorgen, der hat schon seit geraumer Zeit einen Freund, mit dem er sich mehr beschäftigt als mit mir. Wir haben uns von Anfang an diese Option offen gehalten. Ich wollte, dass er meine Kanzlei übernimmt. Alles andere war eine Art angenehmer ‚Nebeneffekt‘. Um ehrlich zu sein, er ist auch nicht bei seiner Verwandtschaft in Schweden, sondern liegt vermutlich gerade im Bett seines Freundes in Hannover“, sagte Vatern mit leicht ironischem Unterton. „Fest steht, Anders und ich werden ab heute nur noch machen, was uns Spaß macht. Vielleicht werden wir noch ein paar alte Nazis ärgern, bestimmt werden wir Euch immer helfen, wenn Ihr Hilfe braucht, und ganz gewiss werden wir uns noch ein wenig die Welt anschauen. Also, macht Euch um uns keine Sorgen“.

(Dran bleiben, es geht im Kapitel 15 weiter.)

 
 
 

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