Über Vertrauen, Bindung und Glück (23)
- gert

- 29. Apr. 2020
- 29 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Nov. 2022

Im Sommer 1993 bahnte sich auf Bjørnstangen ein kleines Drama an und gleichzeitig kam für Bjørn und Roberto die schönste Nachricht ihres Lebens. Aber alles der Reihe nach.
Bjørn hatte mit Antonia und Luca vereinbart, dass Pino zum Beginn der Sommerferien wieder nach Hause reisen sollte, um dann auch wieder auf eine italienische Schule zu gehen. Der Logopäde war überzeugt, dass Pino am normalen Schulunterricht teilnehmen könnte, und seine hervorragenden schulischen Leistungen wären die besten Voraussetzungen für einen problemlosen Start in Italien.
Nach einem überaus tränenreichen Abschied auf dem Flughafen, als Pino an der Hand einer SAS-Angestellten und mit einem großen Schild um den Hals durch die Glastür des Transitbereichs verschwand, waren die folgenden Tage wohl die schwersten in der Erziehung ihres Pflegesohnes.
Albert war nicht zu beruhigen, auch die Aussicht auf baldige Ferien in Italien half nicht. Die Trennung von seinem Pino belastete ihn so sehr, dass er nicht mehr richtig aß, Schlafstörungen hatte und sich stundenlang in sein Zimmer einschloss. Er wollte weder mit mir noch mit Gus reden. Jeden Tag schrieb er mehrseitige Briefe an Pino. Auf die Umschläge schrieb er jedes Mal in großen Druckbuchstaben ‚personalmente'. In der Schule ließen seine Leistungen rapide nach. Sodass seine Lehrerin eines Tages auf Bjørnstangen auftauchte und mit Bjørn sprechen wollte. Er versuchte ihr die Situation so gut es ging zu erklären, aber sie meinte, sie müsse Alberts dramatische Verhaltensänderung Barnevernet melden.
Ich hatte zu Kristin, der Sachbearbeiterin, ein sehr gutes Verhältnis, deshalb rief sie mich an, bevor sie den gesamten bürokratischen Apparat in Gang setzte. Es gelang mir, sie davon zu überzeugen, dass das Problem ausschließlich in der außerordentlich engen und speziellen Verbindung zwischen Pino und Albert zu suchen war, und dabei besonders die Zeit von Pinos Erkrankung eine Rolle spielte.
Kristin war einverstanden, die Entwicklung bis Weihnachten zu beobachten und gegebenenfalls erst dann eine Entscheidung zu treffe. Ich versprach ihr, mich intensiv mit Albert zu beschäftigen und eventuell auch nach Lösungen zu suchen.
Roberto telefonierte manchmal stundenlang mit Luca. Dabei stellte sich heraus, dass die Probleme mit Pino fast noch gravierender waren als mit Albert. Pino verweigerte teilweise komplett die Nahrung und weigerte sich zu sprechen. Er war wieder in seine Gebärdensprache zurückgefallen und beteiligte sich so gut wie nicht am Schulunterricht. Antonia und Luca waren mit ihren Nerven buchstäblich am Ende.
Als ich das erfuhr, rief ich Andrea an und bat ihn, Antonia und Luca davon zu überzeugen, Pino wieder nach Norwegen zu schicken. Ich würde mich darum kümmern, dass er bis zu einem Schulabschluss in Norwegen bleiben und seine logopädische Behandlung fortsetzen könnte. Finanziell würden Bjørn und Roberto für Pino aufkommen, und sollte er Sehnsucht nach seiner Heimat haben, würden wir ihm sofort einen Flug nach Hause ermöglichen. Selbstverständlich wären Antonia und Luca jederzeit auf Bjørnstangen willkommen.
Bjørn, Roberto, Gus und ich warteten jeden Tag auf einen Anruf aus Italien, um Albert endlich eine Perspektive geben zu können.
Am Abend bevor wir gemeinsam mit Bjørn, Roberto und Albert zu einer Reise mit dem VW-Bus durch West-Norwegen starten wollten, kam endlich ein Anruf von Andrea.
Er hatte es mit viel Überzeugungsarbeit geschafft, Antonia dazu zu bringen, ihren Widerstand aufzugeben und einzuwilligen, ihren Sohn wieder nach Norwegen ziehen zu lassen. Laut Andrea müssen sich rührende Szenen abgespielt haben. Pino ist seinen Eltern um den Hals gefallen, hat sich ein Nutella-Brot nach dem anderen reingeschoben, bis er brechen musste und ist dann in der gesamten Nachbarschaft rumgelaufen, um allen, die es hören und nicht hören wollten zu erzählen, dass er von nun an in Norwegen zur Schule gehen und auf einem ‚gaaaanz grooooßen' Bauernhof wohnen werde. Er sprach fließend, deutlich und fehlerfrei.
Auf Bjørnstangen spielte sich Ähnliches ab. Albert drehte völlig durch und wollte nur noch wissen, wann wir zum Flughafen fahren und Pino abholen würden. Noch am selben Abend begann er sein Zimmer aufzuräumen. Er stapelte alle seine Spielsachen in der Mitte des Zimmers und teilte sie in zwei Haufen auf. Der eine waren die Sachen, mit denen Pino immer am liebsten gespielt hatte und der andere die Dinge, an denen er selbst am meisten hing. Dann räumte er die Lieblingsspielsachen fein säuberlich in Pinos Schrank ein. Anschließend nahm er sich seine Bekleidungsstücke vor und suchte raus, was er Pino endgültig vermachen wollte. Er war der Überzeugung, dass Pino generell für norwegische Verhältnisse unpassend gekleidet war. Schließlich zog er unter größter Anstrengung Pinos Bett durch den ganzen Raum, um es direkt neben seinem zu platzieren.
Wir mussten einsehen, dass sich unter diesen Umständen eine Ferienreise mit Albert nicht realisieren ließ und verschoben unsere Tour um zwei Wochen. In der Hoffnung, dass Pino bis dahin wieder auf Bjørnstangen sein würde und wir dann alle gemeinsam fahren könnten.
Am nächsten Tag rief ich Kristin an und berichtete ihr von der bevorstehenden Lösung unseres Problems und bat sie, uns behilflich zu sein, um die notwendigen norwegischen Papiere für Pino zu besorgen und sicher zu stellen, dass er nach den Sommerferien wieder am regulären Schulunterricht teilnehmen konnte. Sie war sofort bereit zu helfen und schien offenbar sehr erleichtert nicht weiter eingreifen zu müssen.
Bereits zehn Tage später standen wir wieder am Transitbereich von Fornebu und erwarteten unseren kleinen Gast aus Italien. Dabei wurde Albert auf eine harte Probe gestellt, denn die SAS-Maschine aus Nizza war über eine Stunde verspätet. Als sie dann endlich gelandet war, kam allerdings nicht Pino als erstes sondern eine Mitarbeiterin von SAS, die nach den ‚Angehörigen' des kleinen Pino Saffredi suchte. "Der kleine Mann hat so viel Gepäck, dass jemand von Ihnen ihn durch den Zoll begleiten muss. Weisen sie sich bitte aus und folgen sie mir!" - "Darf unser Junge hier mit?" - "Nein, das geht leider nicht".
Roberto erklärte sich bereit, der Dame zu folgen. Neben dem Gepäck-Rollband saß Pino auf zwei großen Koffern mit einem Rucksack auf dem Rücken und einer bunten Stofftasche in der Hand. An seiner Seite stand ein junger Zöllner, der sich angeregt mit ihm unterhielt.
Als Pino Roberto sah, warf er seinen Rucksack ab, ließ die Stofftasche fallen und lief zwischen allen anderen Reisenden hindurch strahlend auf ihn zu: "Onkel Roberto, Onkel Roberto… wo ist Albert?".
"Na, mein Großer? Nun lass Dich erstmal drücken. Albert durfte nicht mit hier reinkommen. Er wartet mit Onkel Bjørn, Gus und Walter dort hinter der Glastür. Wir müssen jetzt erstmal mit Deinen beiden Koffern durch den Zoll".
Der junge Zöllner schien die Situation sofort zu begreifen, lächelte Roberto an und meinte: "Ist nicht Ihrer der Kleine, oder? Manchmal bin ich froh, dass ich für so einen Racker keine Verantwortung habe". - "Tja, das kann man so und so sehen… Verantwortung habe ich schon für ihn, nur gemacht habe ich ihn nicht". Roberto grinste und zwinkerte dem Zöllner vertraulich zu. "Ah, verstehe. Darf ich nur eben mal einen Blick in den Koffer werfen?". - "Ja klar!". Jetzt geschah etwas, das Roberto später nicht erklären konnte. Obwohl der Inhalt des Koffers eindeutig nicht den norwegischen Zollbestimmungen entsprach. - Es lagen mehrere Flaschen Olivenöl, verschiedene Einmachgläser mit italienischen Köstlichkeiten und unterschiedliche Beutel mit Süßigkeiten zwischen Kinderhosen, billigen Pullis, Socken und drei Teddys. - Schloss der Zöllner den Deckel wieder und schmunzelte: " Das reicht ja erstmal, damit der kleine Kerl in unserem kalten Land eine Zeit lang überleben kann… hoffentlich wird das Heimweh nicht zu groß".
Roberto lächelte zurück und erwiderte: "Das ist meine geringste Befürchtung. Vermutlich hat seine Mutter mit all dem nur ihr Gewissen beruhigt, weil sie ihren Sohn allein reisen lassen musste. Italienische Mütter sind sehr speziell, wissen Sie", damit zwinkerte er dem Zöllner noch einmal zu, packte die beiden Koffer, den Rucksack, die Tasche und schleppte alles zum Ausgang.
Pino war schon nicht mehr zu halten gewesen und rannte wie eine Rakete zwischen den Beinen der anderen Passagiere hindurch in die Wartehalle. Sie sahen sich fast gleichzeitig und fielen sich in die Arme, als ob sie sich prügeln wollten. Sie lachten und benutzten die Gebärdensprache ohne sich um ihre Umgebung zu kümmern. Hin und wieder flüsterte Albert Pino etwas ins Ohr, dann alberten die beiden wieder und gestikulierten wild in der Luft herum.
Einer der Wartenden sprach uns an und fragte: "Ihr Kleiner kann nicht hören?" - "Oh doch, er kann… im Augenblick will er nur nicht. Aber das wäre jetzt zu kompliziert zu erklären. Wir müssen jetzt sehen, dass wir schnell nach Hause kommen".
Kaum waren wir wieder auf Bjørnstangen angekommen, tobten die beiden in ihr Zimmer. Ein paar Minuten später kam Albert wieder in die Küche und rief: "Papa! Wir brauchen noch einen Schrank".
"Wieso, Ihr habt doch zwei. Die sind groß genug für alles, was Ihr habt".
"Guck doch selbst, wenn Du mir nicht glaubst".
Bjørn seufzte und stieg zusammen mit seinem Pflegesohn die Treppe rauf. Pino saß in der Mitte des Zimmers und hatte den Inhalt beider Koffer um sich herum auf dem Fußboden verteilt.
Bjørn schaute in beide Schränke, die Kommode und den Schreibtisch und verstand das Problem. "Mein lieber Sohn, warum sind Deine Sachen in beiden Schränken verteilt? Würdest Du Deine Sachen in Deinen Schrank legen, hätte Pino genug Platz in seinem.
Albert schaute seinen Pflegevater an, als ob er von einem anderen Stern käme. "Die Sachen in Pinos Schrank sind jetzt SEINE Sachen".
"Ach so… na, dann muss er halt einiges auch in Deinen Schrank legen dürfen".
Albert legte seine Stirn in Falten und überlegte angestrengt. "Ok, so können wir es machen. Alle unsere Anziehsachen in einen Schrank und die Spielsachen in den anderen. Schulsachen in den Schreibtisch und was dann noch über ist kommt in die Kommode".
"Wenn Pino damit einverstanden ist, könnt Ihr das so machen. Aber Du kannst ab jetzt hier nicht mehr alleine entscheiden. Pino hat die gleichen Rechte wie Du".
"Das ist Ok".
Als im April die Nachricht kam, dass das norwegische Parlament ein Partnerschaftsgesetz verabschiedet hatte, laut dem ab sofort gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft legalisieren konnten und in vielen rechtlichen Fragen Ehepartnern gleich gestellt wurden, konnten es Roberto und Bjørn zuerst kaum fassen.
Bjørn rief noch am gleichen Abend Vatern in Italien an und wollte von ihm ganz genau wissen, was das jetzt für Folgen für Roberto und ihn hätte. Vatern meinte nur: "Für mich und Anders kommt das Gesetz zu spät, aber Ihr beide solltet Eure Partnerschaft sofort eintragen lassen. Damit ist Roberto auch ohne Testament abgesichert, und ihr braucht Euch nicht mehr zu rechtfertigen, wenn Ihr gemeinsame Entscheidungen treffen wollt. Ganz abgesehen von der Symbolik gegenüber den "ewig Gestrigen" und… einem starken Zeichen für all Eure Freunde. Das mit der Adoption wird allerdings noch dauern. Ich befürchte, das wirst Du nur allein beantragen können".
"Danke, danke, danke… warte mal eben". Bjørn legte den Hörer neben den Apparat, packte Roberto am Hals und drückte ihm einen innigen Kuss auf: "Schatz, willst Du mich heiraten?". Dann nahm er den Hörer wieder auf und hielt ihn Roberto entgegen, der völlig verdattert "ja, ja, ja…" rief.
"Hast Du es gehört? Unter Zeugen… er hat ‚JA' gesagt!"
Am anderen Ende der Leitung hörte man lautes Lachen: "Ich hab's gehört. Viel Glück Euch beiden! Hoffentlich dürfen Anders und ich bei Eurer ‚Hochzeit' dabei sein".
"Dürfen? Ihr MÜSST dabei sein und wenn wir Euch her tragen müssen. Wir machen ein großes Fest noch in diesem Sommer".
"Na, da hast Du Dir ja was vorgenommen", lachte Vatern und fügte hinzu: "Wir freuen uns riesig".
Am ersten Wochenende im September war es dann soweit. Die Formalitäten waren geklärt. Die eigentlich rein juristische Beurkundung durch den Lensmann sollte feierlich auf Bjørnstangen stattfinden und an etwa 50 Leute waren offizielle Einladungen verschickt worden. Bjørn hatte aber in der Gemeinde verbreiten lassen, dass nachmittags alle Nachbarn, Bekannten und Freunde zu einer "Hofparty" eingeladen seien. Jeder der wolle, könne vorbei schauen. Ihm war allerdings nicht bewusst, was er mit dieser Einladung losgetreten hatte.
Viele der engsten Freunde reisten bereits am Mittwoch und Donnerstag an, um bei den Vorbereitungen helfen zu können. Die auswärtigen Gäste wurden nicht nur auf Bjørnstangen und Bergstad-Gård untergebracht, auch auf Bekketangen machten Onkel Odd und Tante Rita alle Zimmer frei, in denen Betten standen.
Zwischen Haupthaus und Scheune sollten Tische und Stühle aufgestellt werden, Zeltdächer zum Schutz vor eventuellen Schauern und an zwei Stellen waren Grills geplant. Auf zwei langen Tafeln sollten sich die Gäste mit Salaten und warmen und kalten Köstlichkeiten und Unmengen von Kaffee und Kuchen versorgen. All das, einschließlich Service-Personal, war - wie er es nannte - ein kleiner Teil von Tinus "Hochzeitsgeschenk".
Lensmann Asger hatte ins Geheim den örtlichen Spielmannszug mobilisiert, in dem Albert bereits seit zwei Jahren Posaune spielte und seit Neuestem auch Pino an Übungsstunden teilnehmen durfte, um sich später vielleicht für ein Instrument zu entscheiden. Beide Jungs wurden zu strengstem Stillschweigen vom Lensmann höchst persönlich verdonnert.
Auf Initiative einiger Jungbauern aus der Nachbarschaft wurde auch ein kleines Theaterstück eingeübt und selbst die örtliche Presse war informiert.
Tante Rita hatte in nächtelanger Arbeit eine Bunad für Roberto genäht, die er eigentlich erst zu Weihnachten bekommen sollte, aber natürlich war der Anlass jetzt wesentlich wichtiger.
Der große Tag war ein sonniger, wenn auch schon etwas kühler Tag. Seit dem frühen Morgen wehte auf allen drei Höfen die norwegische Flagge und bereits kurz vor sieben tauchten die ersten Menschen auf Bjørnstangen auf, die mit dem Aufbau begannen.
Tinus, Sverre und Andreas hatten die Koordination der Aufbauarbeiten übernommen. Magne war der Chef der Technik und sorgte für Beleuchtung und Lautsprecher, sowohl draußen als auch in der Scheune, in der abends getanzt werden sollte.
Als Bjørn und Roberto noch recht verschlafen aus ihrem Schlafzimmerfenster auf den sonst so stillen Hofplatz schauten, trauten sie ihren Augen kaum: "Und das alles wegen uns beiden?", flüsterte Roberto ungläubig. "Ich glaube schon, mein Schatz", lachte Bjørn und nahm seinen "offiziellen Partner" in den Arm, küsste ihn so wild, dass dem fast die Luft wegblieb nur um ihn anschließend noch einmal aufs Bett zu werfen: "Ich kann auf unsere "Hochzeitsnacht" nicht warten. Ich will Dich jetzt".
Als sie eine halbe Stunde später, verschwitzt und von Sperma verklebt Arm in Arm ins Bad kamen, waren die beiden Jungs gerade am Zähneputzen.
"Oh, Ihr beide seid aber schon früh auf. Seid Ihr vom Lärm wach geworden?"
"Nein, wir müssen doch heute morgen zum Üben im Spillekorps (Spielmannszug)".
"Aha, und wie kommt Ihr dort hin?"
"Onkel Gus fährt uns". - "Na, da habt Ihr aber Glück".
Albert sah seine beiden Pflegeväter nachdenklich von oben bis unten an. Dabei wurde Bjørn bewusst, dass er es eigentlich vermeiden wollte, dass die Jungs sie all zu oft nackt sahen… und schon gar nicht mit halb steifen Schwänzen. Aber jetzt war es zu spät.
"Ist das Fest heute deshalb, weil Ihr Euch so lieb habt?" Albert und Pino schauten sie jetzt beide fragend und ernst an.
"Ja, das kann man so sagen. Wenn ein Mann eine Frau heiratet wird auch ein großes Fest gefeiert und heute heiraten halt Onkel Roberto und ich".
"Was macht man beim Heiraten?"
"Man verspricht sich, sich immer lieb zu haben und immer zusammen zu bleiben".
"Und… ‚Geheiratete' dürfen immer in einem Bett schlafen und kuscheln?"
"Ja, das dürfen sie".
"Habt Ihr eben auch gekuschelt?"
Roberto und Bjørn schauten sich verblüfft an, und Bjørn dachte daran, dass Albert ein besonders neugieriges und aufgewecktes Kind war, dem man nur schwer etwas verheimlichen konnte.
"Ja, haben wir… wieso?"
"Ihr seht so aus… Ich will auch heiraten".
"Ich auch!", kam es gleich darauf von Pino.
"Also Jungs, Ihr solltet damit vielleicht noch ein bisschen warten… Aber sag mal, wie kommst Du darauf, dass wir gekuschelt haben?"
"Na ja, wenn Eure Pimmel so lang und dick sind und Ihr vorher so laut gestöhnt habt, dann habt Ihr doch immer gekuschelt…".
"Ok, das hast Du ganz gut beobachtet, aber ich habe Dir schon mal gesagt, das geht niemanden etwas an".
"Ja klar… das habe ich kapiert. Ich will ja auch nur wissen, wann wir heiraten können?".
Bjørn erschloss sich mal wieder nicht die Logik seines Pflegesohns, aber er antwortete: "Wer ist wir? Erstmal musst Du den oder die Richtige finden, dann musst Du sie oder ihn fragen, ob er oder sie Dich heiraten möchte und vor allem… musst Du alt genug sein".
"Was ist alt genug?"
"Na ja, mit der Schule solltest Du schon fertig sein… eigentlich muss man 18 sein".
"Also in fünf Jahren und drei Monaten… aber fragen kann ich heute schon, oder?"
"Ja klar".
Albert wendete sich zu Pino um, sah ihm fest in die Augen, machte eine unverständliche Gebärde und fragte dann ganz ernst: "Willst Du mich heiraten?"
Pino strahlte seinen Freund an und antwortete laut und deutlich: "Ja!"
Bjørn sah Roberto an und schmunzelte: "Habe ich Dich eigentlich jemals gefragt?"
"Nein, aber ich sage schon mal JA", lachte und nahm seinen Partner in den Arm.
Die beiden Jungs sahen interessiert zu und machten sich Zeichen in der Gebärdensprache.
"So, Ihr beiden Schlingel, jetzt ist Schluss. Zieht Euch an und seht zu, dass Ihr zu Eurem Spielmannszug kommt. Wir wollen noch ein paar Minuten allein im Bad sein".
"Ok, wollt Ihr nochmal kuscheln?" - "Rauuuuus!"
Beim Frühstück erzählten uns Bjørn und Roberto von dem rührenden Heiratsantrag ihres Pflegesohns an seinen geliebten italienischen Freund und seinem unstillbaren Interesse an intimer Zweisamkeit.
"Abgesehen davon, dass die Chance besteht eine gute Tradition hier auf Bjørnstangen zu etablieren, finde ich seine Neugier vollkommen natürlich. Spätestens in zwei Jahren wissen beide, wie es funktioniert und die Fragerei hat sowieso bald ein Ende", sagte ich.
"Na ja, ich hoffe nur, Antonia und Luca machen uns nicht eines Tages Vorwürfe".
"Weshalb sollten sie? Sie haben doch erlebt, wie eng die Bindung zwischen den beiden Jungs ist. Das kann in zwei, drei Jahren ganz anders aussehen. Dann haben beide vielleicht eine Freundin und scheren sich nicht mehr um das, was sie heute morgen gesagt haben, oder ihr Versprechen gilt viel länger als wir glauben, und sie bleiben tatsächlich noch Jahre zusammen. Beeinflussen könnt Ihr da gar nichts und Antonia und Luca auch nicht".
Im Hof wurde das Treiben immer geschäftiger. Magne machte Tonproben und der von Tinus bestellte Catering-Service war gerade mit mehreren Thermoboxen angerückt. Stühle, Tische und Zelte standen und aus der Scheune dröhnte bereits probeweise Musik. Lensmann Asger und selbst der Ordfører (Bürgermeister) war schon kurz gesichtet worden. Laut Plan würde die Zeremonie um 12:00 mit einer kurzen Rede des Lensmannes beginnen und ab 14:00 sollte dann das Hof-Fest starten.
Gus und Erik kümmerten sich um den Blumenschmuck, der ausschließlich von Grønnt Hus beziehungsweise von unserem Chef Egil gespendet worden war. Er und seine Frau Gunhild waren schon da und ließen sich von Ruben den Kuhstall und das Tomaten-Gewächshaus zeigen.
Unsere deutschen und niederländischen Freunde waren alle fast ausnahmslos gekommen. Sogar ein Vetter und eine Schwester von Roberto aus Sizilien waren da und bekamen ein Zimmer im Clubhaus.
Bjørns Vater Esben teilte sich ein Zimmer mit Anders und Vatern im Brygghus. Jacob, Henk und Jeroen waren mehr als zufrieden mit einem Doppelbett im Haupthaus von Bergstad-Gård. Jerry und Morten hatten wieder ihre Zimmer im Clubhaus. Nebenan bekam Carlos ein Einzelzimmer. Auch Joachim und Asbjørn wohnten im Clubhaus. Andrea und Enrico bezogen das kleine Gästezimmer im Brygghus. Erik, Karl, Viktor und Roberto wohnten bei Tante Rita und Onkel Odd. Für Andreas Schwester Elisabeta hatten Magne und Ruben ein Gästebett in ihr Arbeitszimmer gestellt.
Zu den geladenen Gästen zählten neben dem Ordfører natürlich auch Kristin und Alberts und Pinos Lehrerin. Hinzu kamen die Vertreter des Jungbauern-Vereins und einige gute Nachbarn. Alberts ‚Opa' Einar wurde von seinem Neffen begleitet und musste leider im Rollstuhl sitzen. Er hatte inzwischen seinen Frieden mit Bjørn und Roberto gemacht und freute sich immer seinen Quasi-Enkel zu sehen. Alberts Verhältnis zu seinem Quasi-Opa war distanziert aber freundlich. Sein "Opa Eins" war Onkel Odd und sein "Opa Zwei" Esben.
Eigentlich hatte sich der Bürgermeister selbst eingeladen, weil er der Ansicht war, dass die erste Eintragung einer Partnerschaft in seiner Gemeinde ein Grund zum Feiern sei, schließlich habe er auch jahrelang für dieses Gesetz gekämpft.
Die formelle Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde war schnell erledigt und Asger begann seine kleine Ansprache mit den Worten: "Ich weiß nicht, ob ich jetzt sagen muss: ‚ Du darfst Deinen Partner jetzt küssen'". Er lachte und meinte dann: "Ich denke, das macht Ihr beide sowieso regelmäßig, daher wollen wir keine Zeit damit verschwenden. Mir ist viel wichtiger, jetzt auch mal offiziell zu bestätigen, dass Ihr beide nicht nur jeder für sich ein toller Kerl seid, sondern mutig, fleißig und verlässlich dazu. Unsere Gemeinde braucht solche Leute wie Euch. Ihr seid im wahrsten Sinne des Wortes starke Partner für die Mitarbeiter Eures Hofes, unsere Gemeinde, Eure treuen Freunde und letztendlich auch für Euren Pflegesohn. Dass Ihr Eure ganzen positiven Eigenschaften und Fähigkeiten auch zu gegenseitigem Nutzen einsetzt, ist allenthalben überall auf Bjørnstangen zu sehen. Über Eure Liebe und Zuneigung kann ich mir kein Urteil erlauben, aber fragt man Eure Freunde, bestätigen alle, dass Eure Bindung und Zuneigung für einander immer stark war und wohl auch immer stark bleiben wird. Also, alles in allem, Ihr beide seid ein Gewinn für uns alle. Ich gratuliere Euch ganz herzlich".
Tosender Applaus.
Schon während der letzten Worte des Lensmannes hörte man Musik aus der Ferne. Jetzt bog der Spielmannszug mehr laut als schön spielend in die Hofeinfahrt ein. Vorneweg Albert mit seiner Posaune und Pino mit einer kleinen Trommel. Sie nahmen vor der Scheune Aufstellung und spielten Elvis Presleys - ‚Can't Help Falling in Love'.
Dann bat der Bürgermeister ums Wort. Er bedankte sich beim Spielmannszug und beschrieb dann, was Bjørn und Roberto gemeinsam für Bjørnstangen geleistet hatten. Dass jeder in der Steuerliste der Gemeinde nachlesen könne, was eine starke Partnerschaft alles zu leisten in der Lage sei, [Bjørnstangen war damals auf Platz fünf der ertragreichsten und wirtschaftlich erfolgreichsten Unternehmen der Gemeinde] und wie beliebt die beiden mit ihrer freundlichen und umgänglichen Art überall seien. Schließlich ging er noch auf die ‚zweifelhafte' Geschichte von Bjørnstangen ein und lobte Bjørn und Roberto dafür, den Hof heute zu einem leuchtenden Beispiel für Toleranz und Liberalität gemacht zu haben. Nach einer kurzen Kunstpause nahm er ein flaches Paket und einen größeren Umschlag, überreichte das eine an Bjørn und das andere an Roberto und bestand darauf, dass sie beides öffneten.
Roberto las überrascht den Text einer Urkunde ausgestellt auf ‚Roberto Nuvolone': "Bevis om statsborgerskap…". Ihm war mit königlicher Unterschrift die norwegische Staatsbürgerschaft verliehen worden. Er war so gerührt, dass er fast vergaß, sich beim Bürgermeister zu bedanken. Bjørn hielt einen Bilderrahmen hoch, in den ein Luftbild von Bjørnstangen aus dem Jahr 1939 neben ein ganz aktuelles aus dem Jahr 1993 montiert war. Deutlich waren darauf das Gewächshaus, das renovierte Brygghus und der neue Kuhstall zu erkennen.
Bjørn strahlte und ergriff jetzt selbst das Wort.
"Tusen takk for alt (vielen Dank für alles), Roberto und ich sind total überwältigt. So viele freundliche Worte haben wir gar nicht verdient, weil wir eigentlich ‚Glückskinder' sind, wie es einmal vor vielen Jahren der Vater unseres besten Freundes Walter formuliert hat.
Wir haben Glück gehabt, uns gefunden zu haben. Wir haben Glück gehabt, dass unsere lieben Freunde, die alle heute hier sind, über so viele Jahre treu an unserer Seite gestanden haben und immer noch stehen. Ich habe Glück gehabt, dass Onkel Odd und Tante Rita an mich geglaubt haben. Roberto hat Glück gehabt, in Bremen studieren zu können und dort die Freunde getroffen zu haben, die ihn letztendlich hierher und zu mir gebracht haben. Ich habe Glück gehabt, nach vielen, vielen Jahren meinen Vater in Amsterdam finden zu dürfen. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ich heute Bjørnstangen besitzen darf ist großes Glück.
Von unserem Glück geben wir gerne etwas zurück, sowohl an Euch, unsere Freunde und Weggefährten als auch an unseren kleinen Sonnenschein, der nicht so viel Glück hatte, als er seine Eltern auf tragische Weise vor drei Jahren verlor.
Wir alle haben Glück, dass wir hier heute sein können, gesund sind und uns mit unseren Stärken und Schwächen akzeptieren. Wir alle haben Glück, dass uns in unserem herrlichen Land niemand vorschreibt, wen wir lieben dürfen und wen nicht. Lasst uns ein wenig von diesem Glück mit denen teilen, denen es nicht so gut geht wie uns. Die Angst haben zuzugeben, dass sie anders fühlen als die Mehrheit oder befürchten müssen bestraft zu werden, weil sie einen Menschen des eigenen Geschlechts lieben.
Roberto und ich wünschen uns und Euch, dass Ihr gesund bleibt und niemals von dieser heimtückischen neuen Krankheit betroffen sein werdet. Auch das wäre ein Glück, für das wir alle dankbar sein müssten. In diesem Sinne Euch allen noch mal ein herzliches Willkommen auf Bjørnstangen, viel Spaß, guten Appetit und denkt daran, wir sind ALLE Glückskinder!".
Schon während Bjørn sprach hatte er hin und wieder seinen Arm auf Robertos Schulter gelegt. Jetzt umarmte er ihn und gab ihm einen Kuss auf den Mund.
Die Gäste standen jetzt alle, klatschten und riefen den beiden ihre Gratulationen zu.
Vatern und Anders waren die ersten, die Bjørn und Roberto persönlich gratulierten. Dann kamen Tante Rita und Onkel Odd, Esben, Tinus, Gus, ich und danach alle unsere Freunde.
Ein Reporter der lokalen Zeitung hatte einige Fotos gemacht und wollte nun noch mit den beiden ersten "schwulen Partnern" der Gemeinde sprechen. Er bewunderte ihren Mut, wollte wissen, wie sie sich kennengelernt hatten, ob sie Bedenken gehabt hätten als Männerpaar den Hof zu führen, ob es Anfeindungen aus der Bevölkerung gegeben habe und wie ihr tägliches Leben aussah. Auch der kleine Albert interessierte ihn. Zu diesem Thema bemerkte Bjørn lediglich, dass er nicht wolle, dass sein Pflegesohn in einem Presseartikel erwähnt werde.
Als der Artikel ein paar Tage später erschien, war, außer einem Hinweis darauf, dass Bjørn einen Pflegesohn habe, tatsächlich von Albert nicht die Rede. Unter der Überschrift "Glückskinder" wurde recht pathetisch über Roberto und Bjørn berichtet und die großartig organisierte Party beschrieben.
Die Jungbauern hatten ein Lied auf Bjørn und Roberto gedichtet und den Text unter den Gästen verteilt. Der Vorsitzende stimmte an und alle sangen mit. Anschließend kamen zwei junge, kräftige und hübsche Kerle mit einer Holzkiste, um die eine riesige rote Schleife gebunden war und stellten sie vor Bjørn und Roberto ab. Allgemeines Gelächter als man das Quieken eines kleinen Ferkels hörte, das, als die Kiste geöffnet wurde, die Chance ergriff mit großen Sprüngen davon zu laufen.
"Auch Glücksschweine haben ein Recht auf ihre Freiheit", lachte Bjørn. Andreas schaffte es schließlich das gestresste Tier wieder einzufangen und in Rubens fürsorglichen Hände zu übergeben. Er pflegte und hegte das Tier fast drei Jahre lang in einer eigenen Box im Kuhstall.
Inzwischen waren immer mehr Menschen gekommen und die Autos standen mehrere hundert Meter weit entlang der Straße. Der in der Scheune aufgebaute Geschenketisch reichte kaum noch aus; und ich fragte mich, was die beiden wohl später mit all den Blumen, Tassen, Tellern, Vasen und Haushaltsgeräten machen würden. Ich staunte über die zum Teil teuren Geschenke von Leuten, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Für einen Augenblick dachte ich darüber nach, woher wohl das plötzlich so große und wohlwollende Interesse für Bjørn und Roberto kam. Ich wusste, dass es in all den Jahren, in denen sie auf Bjørnstangen waren, immer mal wieder Gerede und Gerüchte in der Gemeinde gegeben hatte. Einige ultra religiöse Menschen hatten sie sogar öffentlich beschimpft und andere hatten hämisch in regelmäßigen Abständen vorausgesagt, dass sie auf Bjørnstangen scheitern würden. Die Häme hatte sich zwar im Laufe der Zeit gelegt, aber hinter vorgehaltener Hand gab es bei größeren Veranstaltungen oder im örtlichen Supermarkt immer wieder mal eine skeptische Bemerkung über die beiden "merkwürdigen Schwulen mit dem Kind".
Fleiß und Erfolg der beiden nötigte aber der Mehrheit der Nachbarn und auch den Menschen der weiteren Umgebung Respekt ab. Respekt war aber nach meinem Eindruck bisher nicht gleichbedeutend mit Sympathie.
Ich hatte den Verdacht, dass einige Menschen mit ihren großen Geschenken und der manchmal übertriebenen Aufmerksamkeit ihr Gewissen beruhigen wollten und den verzweifelten Versuch machten, mit ihrer Meinung über Bjørn und Roberto nicht plötzlich zur Minderheit zu gehören. So nach dem Motto: Wenn selbst der Lensmann und der Bürgermeister nur Lobendes über die beiden sagen, muss ja was dran sein.
Ich unterstellte damals einigen Leuten Opportunismus, obwohl gerade der keine typisch norwegische Eigenschaft ist. Ich war mir mit Gus und Tinus in dieser Beurteilung einig. Heute sehen wir das anders. Sowohl Bjørn und Roberto als auch Albert und Pino gehören heute zu den beliebtesten Bürgern der Gemeinde mit hoher Akzeptanz für ihre Lebensweise und Anerkennung ihrer Leistungen.
Während des Festes machte ich mir einen Spaß daraus, mehr oder weniger heimlich die Gespräche einzelner Gäste zu belauschen und amüsierte mich dabei darüber, wie viele Vorurteile und Unwissenheit über Schwule, ihr Verhältnis zu Frauen, ihr Alltagsleben, ihr Verhältnis unter einander und nicht zuletzt ihren Sex vorherrschten. Gerade das Thema der damals neuen Krankheit AIDS beflügelte die Phantasie besonders der jüngeren Leute. Die jungen Mädchen meinten, davon überhaupt nicht betroffen zu sein. Manche Männer waren der Ansicht, sofort sehen zu können, wer schwul sei und man brauche sich von "denen" nur körperlich fern zu halten, dann könne nichts passieren. Die folgenden Jahre straften sie alle Lügen.
Andreas, Sverre, Ruben und Magne hatten es übernommen, den Gästen den Hof zu zeigen. Bjørn hatte darauf bestanden, dass die Menschen sich alles anschauen durften außer dem Kinderzimmer und den bewohnten Gästezimmern.
Sverre behauptete später, die Frauen hätten sich besonders für Schlafzimmer und Küche interessiert und die Männer fürs Gewächshaus und die Sauna. Es habe allerdings zwei Jungbauern gegeben, die konkret danach gefragt hätten, ob Bjørn und Roberto in einem Bett schliefen, und ob es denn ‚nie eine Frau in ihrem Leben gegeben habe'. Er habe ihnen daraufhin das Schlafzimmer mit dem großen Doppelbett gezeigt und dann gefragt, ob das mit der Frau wirklich wichtig sei. Die beiden seien leicht rot geworden und hätten geantwortet: "Nein, gottseidank nicht".
Im Laufe des Nachmittags und Abends wurden nicht nur viele Gedichte vorgetragen und gesungen, sondern immer wieder fühlte sich jemand bemüßigt, um Ruhe zu bitten, damit er ein paar anerkennende Worte über Bjørn und Roberto sagen konnte, um anschließend mit dem obligatorischen "Skål" abzuschließen.
Die Uhr war bereits auf Mitternacht vorgerückt und aus der Scheune dröhnten Pop-Klassiker, zu denen die letzten Gäste immer noch tanzten, als Bjørn sich Sorgen um seine beiden Jungs machte. Er hatte zwar zwischendurch von Tante Rita gehört, die beiden hätten großen Spaß und sich den Bauch mit Kuchen und Eis vollgestopft, aber seit über einer Stunde hatte er nichts mehr von ihnen gehört und gesehen.
Kjell, Andreas und Tante Rita waren in der Küche und hatten mit dem Aufräumen begonnen und meinten, Bjørn brauche sich keine Sorgen zu machen, Albert und Pino seien so müde gewesen, dass sie freiwillig ins Bett gegangen seien.
Bjørn wollte sich vergewissern und schaute leise im Kinderzimmer vorbei. Was er dort sah, ließ ihn allerdings für einen Moment sprachlos den Atem anhalten.
Albert und Pino saßen sich im schwachen Schein der Nachttischlampe auf einem der Betten nackt im Schneidersitz gegenüber und fassten abwechselnd ihre, für ihr Alter inzwischen schon recht beachtlichen und steifen Penisse an.
"Schau mal, meiner ist viel länger als Deiner", tönte Pino. - "Meiner ist aber dicker", gab Albert zurück. - "Bei mir kommt mehr weiße Milch raus, wenn ich ihn rubbele". - "Nein, bei mir!"
Bjørn riss sich zusammen und wollte jetzt auf keinen Fall etwas Falsches sagen.
"Na, meine beiden Großen? Seid Ihr schon müde?"
Die beiden drehten sich ganz sorglos und unbefangen um.
"Hei, Papa! Wir wollten nur unsere Augen ausruhen lassen…".
"So? Habt Ihr denn schon Zähne geputzt?"
"Nein, wir wollten noch ein bisschen Hochzeit spielen".
"Erst Augen ausruhen und dann Hochzeit spielen? Wie geht das denn?"
"Das ist ganz einfach. Du musst ganz viel die Augen zumachen, Dir etwas Schönes vorstellen und dabei Deinen Pimmel anfassen. Dann wird der ganz hart und dick und wenn Du ein bisschen reibst, kommt weiße Milch raus… so wie beim Melken".
"Ach so… das Spiel kannte ich noch nicht". Bjørn versuchte ernst zu bleiben.
"Aber jetzt ist Schlafenszeit. Ab ins Bad und dann ist Ruhe hier, ok?"
"Och…bitte noch ein paar Minuten. Es ist gerade so schön".
"Also gut, in zehn Minuten bin ich wieder da, dann sind die Zähne sauber und hier ist Licht aus".
Bjørn war sich nicht sicher, ob es richtig war, das ‚Hochzeitsspiel' nicht sofort zu unterbinden. Dachte dann aber an seine eigene Kindheit und wie aufregend es gewesen war, das erste Mal bewusst den ersten Samenerguss zu spüren. Was hatte er sich damals gewünscht, dieses Erlebnis mit einem anderen Jungen teilen zu können. Allerdings machte es ihm schon Kopfzerbrechen, dass die beiden so unbefangen mit ihrer Sexualität umgingen. Sollten sie eines Tages auf die Idee kommen, andere Menschen damit zu konfrontieren, könnten sie auf Ablehnung stoßen. Aber wie sollte er ihnen die nötige Zurückhaltung beibringen. Er war denkbar ungeeignet dazu und Strenge würde nichts bringen. Davon war er überzeugt.
Er setzte sich auf die Treppe und dachte nach, als die Kinderzimmertür aufging und er die beiden über den Flur huschen hörte. Sie putzten sich tatsächlich die Zähne und verschwanden anschließend wieder in ihrem Zimmer. Bjørn gab ihnen noch einmal zehn Minuten. Als er diesmal das Zimmer betrat, war alles dunkel. Die beiden angehenden Männer hatten sich keine Schlafanzüge angezogen, lagen schon wieder eng umschlungen in einem Bett, und dabei schien es so, als ob Pino an Alberts Daumen lutschte.
"Es ist, wie es ist", dachte Bjørn, gab beiden einen leichten Kuss auf die Stirn und zog die Bettdecke etwas fester um sie herum.
Als er anschließend in die Scheune kam, nahm er mich beiseite und wirkte sehr ernst.
"Wie würdest Du damit umgehen, wenn Dein Pflegesohn zusammen mit seinem Freund seinen Schwanz um die Wette ‚rubbelt' weil Hochzeit-Spielen ja so einen Spaß macht?"
"Da kann man eigentlich nicht viel machen. Alles was man macht und sagt, wäre riskant. Nimm es als einen Teil der Entwicklung und freu Dich, wenn die beiden Spaß haben. Du solltest sie lediglich bremsen, wenn sie mit anderen darüber sprechen wollen oder zu unbefangen in der Öffentlichkeit mit einander ‚spielen'. Solange die beiden begreifen, dass jeder Mensch eine Intimsphäre hat, in die man nicht ohne weiteres eindringen darf, und dass man das Schamgefühl seiner Mitmenschen respektieren muss, ist doch alles in Ordnung".
"Tja, Du hast wohl recht. Ich befürchte nur, dass das innige Verhältnis der beiden zueinander irgendwann jemandem sauer aufstößt".
"Kommt drauf an, was Du als innig bezeichnest".
"Na ja, Du solltest mal sehen, wie die beiden da oben mit einander schlafen. So eng umschlungen, wie nur Roberto und ich hin und wieder einschlafen. Und dabei nuckelt Pino auch noch an Alberts Daumen".
"Ich bin kein Psychologe, aber in meinem früheren Beruf hatte ich oft mit Kindern zu tun, die prägende Verlusterfahrungen gemacht haben. Es kann durchaus sein, dass sowohl Pino als auch Albert Ängste mit sich rumtragen. Albert durch den Verlust seiner Eltern und Pino durch die Zurückweisungen aufgrund seiner Gehörlosigkeit. Da haben sich irgendwie verwandte Seelen getroffen, die sich sofort verstanden und vertraut haben. Ich denke, man sollte einfach abwarten, wie sich die Beziehung entwickelt. Schaden wird es den beiden nicht".
Wie in Norwegen üblich gab es für das Hof-Fest nur eine zeitlich begrenzte ‚Ausschankgenehmigung'. Laut Gesetz musste der Lensmann darauf achten, dass nur einem vorher bestimmten Personenkreis innerhalb eines festgelegten Zeitraums Alkohol ausgeschenkt wurde. Daher war der ‚öffentliche' Teil des Festes um 22:00 beendet. Die private Feier ging aber bis in den frühen Morgen in der geschlossenen Scheune weiter.
Jacob, Jerry, Morten, Andrea und Enrico wollten unbedingt die Sauna ausprobieren und schienen großen Spaß im Brygghus zu haben. Roberto musste sie sogar bremsen, nackt draußen herumzulaufen, da er das seinen italienischen Verwandten nicht zumuten wollte.
Vatern, Anders, Tinus und Esben saßen zusammen in einer Ecke und diskutierten Details der neuen Stiftung.
Von den Nachbarn waren nur noch die beiden Jungbauern geblieben, die sich am Nachmittag nach Robertos und Bjørns ‚Schlafgewohnheiten' erkundigt hatten. Sie hatten sich noch vor Schließung der Bar einige Flaschen Bier gesichert, lagen jetzt auf einem Heuballen im hintersten Teil der Scheune und radebrechten mit Jeroen, Carlos, Ronald und Viktor.
Wir saßen mit Bjørn, Roberto, Erik, Karl, Andreas und Sverre zusammen und erzählten uns von unseren ersten schwulen Erfahrungen. Dabei sog Andreas unsere Geschichten auf wie ein Schwamm. Ihm wurde mehr und mehr bewusst, was ihm in seiner Jugend entgangen war. Immer wieder fragte er nach, ob wir tatsächlich alle schon mal Sex mit einander gehabt hätten und ob nicht der eine auf den anderen eifersüchtig gewesen sei. Er jedenfalls wolle seinen Sverre nur für sich. Dabei sah er ihn so verliebt an, dass Robert meinte: "Na, dann seid Ihr ja bald die nächsten ‚eingetragenen Partner' in unserer Gemeinde".
"Sag mal, wer sind denn eigentlich die beiden Jungs dort hinten? Die scheinen sich ja in der Gesellschaft von Jeroen und Carlos sehr wohl zu fühlen… fehlt nur noch, dass sie beide gleich ihre Hose aufmachen", grinste ich.
"Das sind Hendrik und Olav. Hendrik ist verheiratet, redet aber angeblich mit seiner Frau nur das aller Notwendigste. Sie geht ihrer Wege und er seiner. Olav betreibt alleine eine kleine Hofstelle etwa 20 Kilometer von hier. Die beiden klucken viel zusammen und saufen gern und viel. Sie sind zwar bei fast jedem Treffen der Landjugend dabei, aber kaum jemand hat näheren privaten Kontakt zu ihnen. Bloß Magne kennt Hendrik ein bisschen vom Handball.
Sverre erzählte von seinem Rundgang mit den beiden und meinten, sie seien eigentlich ganz sympathisch gewesen. Er habe gedacht, sie seien zusammen.
"Das kann durchaus sein, dass die beiden sich zu mehr als nur zum Saufen treffen. Ich weiß es nicht. Olav hat uns jedenfalls schon ein paar Mal beim Kalben geholfen, und ich bringe manchmal unsere Einjährigen auf seine Weide. Hendrik ist der wesentlich Zurückhaltendere".
Magne sorgte immer mal wieder für neue Musik und das eine oder andere Paar tanzte über den etwas rauen Tanzboden. "Komm Schatz, wir haben heute viel zu wenig getanzt". Bjørn zog seinen Roberto auf die Tanzfläche, legte seinen Arm um seine Hüfte und tanzte zu Freddie Mercurys ‚Living On My Own'.
Es war immer ein Genuss den beiden beim Tanzen zuzuschauen. Das fanden offenbar auch Olav und Hendrik, die sofort ihr Gespräch unterbrachen und erst wie gebannt auf die Tanzfläche starrten und dann aufsprangen, um auch eine wirklich gute Tanzeinlage zum Besten zu geben. Eins war sicher, die beiden harmonierten hervorragend mit einander. Als sich der Queen-Song ‚I Go Crazy' anschloss, überboten sich die beiden Paare in extatischen, fantastisch geschmeidigen Bewegungen und schienen am Ende eine gemeinsame Choreographie gefunden zu haben. Die noch in der Scheune Verbliebenen jubelten und riefen "Zugabe". Die Vier waren allerdings so erschöpft, dass sie sich kurz um den Hals fielen und sich dann schwer atmend auf den Boden setzten.
"Ehy, Ihr seid ja richtig gut!" - "Danke, ebenso!" Bjørn lachte. "Magne hat einen guten Musikgeschmack." - "Ja, stimmt. Freddie Mercury ist mein absoluter Favorit", strahlte Olav.
"Vielleicht sollten wir hier in der Scheune noch eine Disco eröffnen", feixte Bjørn. "Das wird wohl nichts… Du bist in Norwegen", lachte Olav. "Tja, aber eine Privat-Disco kann Lensmann Asger nicht dicht machen". - "Kommt uns doch einfach mal besuchen, dann suchen wir alle unsere Queen-Songs zusammen und tanzen bis wir nicht mehr können". Roberto zwinkerte den beiden zu und kam wieder an unseren Tisch.
"Bei uns in Deutschland würde man das ‚Nachbarschaftspflege' nennen", lachte Gus.
Hendrik ging zurück zu seinem Heuballen und Olav folgte Roberto an unseren Tisch.
"Ich wollte nur sagen, dass Ihr das ganz toll gemacht habt mit diesem Fest. Ich hätte mich nie getraut, so etwas auf die Beine zu stellen. Das Gerede der Leute könnte ich nicht ertragen". Olav sah Bjørn und Roberto bewundernd an.
"Komm, setz Dich zu uns! Danke für das Lob. Das Gerede der Leute ist gar nicht so schlimm, wenn man nicht hinhört", feixte Bjørn und grinste.
"Mag sein, aber ich hätte einfach nicht die Nerven. Ich ärgere mich ja schon immer über all die dummen Sprüche bei den Landjugend-Treffen".
"Da höre ich einfach nicht hin… und ich denke, die sind meistens auch nur so dahingesagt. Die meisten Jungs wollen sich bei den Mädchen interessant machen und die Mädchen reden sowieso ganz anders, wenn sie unter sich sind".
"Aber macht es Euch denn gar nichts aus, wenn die Leute von den ‚beiden Schwulen von Bjørnstangen' oder dem ‚Schwuchtel-Hof' reden?"
"Nein, warum sollte es? Uns liegt doch an diesen Leuten nichts. Wir kennen sie ja kaum. Im Übrigen haben wir heute den Leuten ganz bewusst unseren ganzen Hof gezeigt, damit sie sehen, dass hier fast alles so ist wie bei ihnen zuhause… also… ‚normal', wie viele von ihnen es nennen würden".
"Das fand ich ja so mutig. Ich würde fremden Leuten niemals mein Schlafzimmer zeigen".
"Tja, aber gerade darum drehen sich ja die meisten schmutzigen Phantasien…".
"Ja, stimmt!" Olav lachte.
Ich beobachtete ihn dabei genau und kam zu dem Schluss, dass er versuchte gelöst zu wirken, aber in Wirklichkeit äußerst verklemmt war. Ich hatte den Eindruck, er wollte viel mehr sagen, suchte krampfhaft nach Worten, schaffte es aber nicht.
Andreas kam ihm zur Hilfe: "Ich könnte das auch nicht… Bis vor ein paar Wochen, war ich nicht mal in der Lage, das Wort ‚schwul' in den Mund zu nehmen".
"Geht mir immer noch so", sagte Olav ernst.
"Das kann man trainieren. Vor allem muss man regelmäßig mit Leuten reden, in deren Sprachgebrauch das Wort normal ist", erwiderte ich.
"Ich hätte nie gedacht, dass man mit Euch über dieses Thema so nett reden kann. Bjørn und ich unterhalten uns sonst ja nur über unsere Kühe und technischen Kram. Übrigens, ich bin Olav, komme aus Sem, bin eigentlich Koch, beschäftige mich aber hauptsächlich mit meinem ‚Husmannsplass' (kleine Hofstelle), meinen acht Kühen und meinem Wald".
"Dass Du Koch bist, wusste ich gar nicht". Bjørn war überrascht.
"Ja, ich koche zwei Mal in der Woche im Hotel in Tønsberg. Sonst hätte ich nicht genug Geld zum Leben".
"Da könntest Du doch auch für den Golf-Club kochen. Die suchen seit Monaten jemanden, der im Clubhaus die Küche macht, wenn größere Veranstaltungen stattfinden", schlug Andreas beiläufig vor.
"Ich habe zwar schon vom Golf-Club Bergstad gehört, aber dass dort jemand für die Küche gesucht wird, wusste ich nicht".
Bjørn überlegte kurz und sagte dann: "Bevor Du mit dem Golf-Club sprichst, spreche lieber erstmal mit mir. Gute Leute überlasse ich nicht so gerne anderen, bis ich nicht weiß, ob sie uns nicht viel nützlicher sein könnten. Also, wenn Du eine zusätzliche Aufgabe suchst, komm erst zu mir!"
Olav lächelte: "Darauf wäre ich überhaupt nicht gekommen, aber danke, das mache ich bestimmt".
Jetzt kam auch Hendrik leicht schwankend an unseren Tisch und fragte, ob jemand eine Taxe für ihn bestellen könne. Er müsse jetzt endlich nach Hause. Olav legte ihm den Arm auf die Schulter und meinte: "Das ist eine gute Idee. Ich komme mit…dann kommst Du heil zu Deiner Frau".
"Ach die…, die kann mich mal… Ich würde viel lieber hier bleiben… Hier ist das Bier gut und die Leute nett… aber was soll's… mit Dir gehe ich gerne mit, das weieieieißßßt Du ja".
Olav schmunzelte: "Tja, wir beide sind Kummer gewohnt…".
Bereits zehn Minuten später stand die Taxe auf dem Hof und die beiden fuhren davon.
Schon am Nachmittag des nächsten Tages klingelte auf Bjørnstangen das Telefon und Olav fragte nach Bjørn: "Danke für das super tolle Fest gestern. Sag mal, war das heute nacht ernst gemeint, dass Du für mich eventuell einen zusätzlichen Job hättest?"
"Ja klar. Wir können uns jederzeit darüber unterhalten. Komm einfach vorbei. Sollte ich nicht im Haus sein, weiß Kjell oder Roberto wo Du mich findest".
Auf Bjørnstangen, Bekketangen und Bergstad war Aufbruchsstimmung. Die Reihe der Gäste, die sich bei Bjørn und Roberto bedanken wollten riss nicht ab.
Zwischen Jacob, Jerry, Morten, Enrico und Andrea hatte sich am Vorabend mehr als eine Sauna-Freundschaft entwickelt und sie zwängten sich alle fünf in Mortens Auto und fuhren nach Oslo, wo sie noch eine Nacht gemeinsam in Jerrys und Mortens Wohnung verbrachten. Jacob erzählte uns ein paar Tage später, er habe die drei Tage in Norwegen kaum geschlafen, aber jede Stunde intensiv genossen. Das Sitzen mache ihm immer noch Schwierigkeiten. Andreas und Jerrys Schwanz zusammen seien schon unglaublich, aber mit Enricos und Mortens dazu sei er absolut an seine Grenzen gekommen. "Solltet Ihr noch einmal irgendwann ein ähnliches Fest organisieren wollen und ich wieder eingeladen sein, brauche ich mindestens einen Monat vorher Enthaltsamkeit", lachte er.
Carlos hatte sich mit Karl und Erik angefreundet und die beiden nach Amsterdam eingeladen.
Jeroen nahm schon wenige Wochen später eine Einladung nach Bremen zu Viktor und Ronald an.
Gus und ich blieben noch ein paar Tage auf Bjørnstangen und halfen beim Aufräumen.
Noch heute erinnern sich viele unserer Freunde fast schon sehnsüchtig an das "Hof-Fest" von Roberto und Bjørn. Etwas Ähnliches hat es in der Gemeinde nie wieder gegeben. Da, nach dem Gesetz, damals mindestens ein Partner norwegischer Staatsbürger sein musste, konnten Sverre und Andreas ihre Partnerschaft erst viele Jahre später eintragen lassen. Ruben und Magne haben erst im Jahr 2009 ganz offiziell geheiratet, nachdem Norwegen als erstes skandinavisches Land die Ehe für alle eingeführt hatte. Jerry und Morten leben noch immer "ohne Trauschein" zusammen, haben alles per Vertrag unter einander geregelt und sind glücklich damit. Andrea und Enrico durften in Italien ihre Beziehung nie legalisieren. So starb Enrico vor zwei Jahren im Krankenhaus von San Remo, ohne dass Andrea seine Hand halten durfte. Ein Trauma, dass Andrea noch nicht verwunden hat. Gus und ich haben - wie ja schon berichtet - unsere Partnerschaft erst im Jahr 2000 in Amsterdam eintragen lassen. Im gleichen Jahr ‚heirateten' Karl und Erik in Oslo.
Als ein Jahr später Jeroen und im darauf folgenden Jahr Carlos an AIDS starben, wurde uns erst wirklich bewusst, wie wichtig diese eher formale Bestätigung unserer Partnerschaft war. Vom Staat nicht willkürlich im Falle von Krankheit getrennt zu werden, war das eine; im Ernstfall wichtige Entscheidungen im Sinne des liebsten Menschen, den man hat, in seinem Sinne treffen zu können, war das andere.
Besonders belastet mich bis heute, dass es Vatern und Anders bis zu ihrem Tode nicht geschafft haben, ihre einzigartige Partnerschaft rechtlich abzusichern. Vatern, der als Jurist fast immer die rechtlichen Konsequenzen einer Handlung im Auge hatte, konnte sich bis zum Schluss nicht dazu durchringen, sich auch formal an seinen innig geliebten Anders zu binden.
Dem gegenüber war und ist die wunderbare Geschichte von Albert und Pino für uns alle eine riesige Freude. Die beiden haben sich nach Pinos kurzer Episode mit einer Freundin, im April 2001 ebenfalls in Amsterdam, das "Ja-Wort" gegeben. Für die beiden war ihre "Hochzeit" viel mehr als ein formeller Akt. Selbst der Standesbeamtin fiel das ganz spezielle Verhältnis der beiden zu einander auf und sie wischte sich eine kleine Träne weg, als sie abweichend von ihrem vorbereiteten Redetext, ausführlich über die "Liebesgeschichte" der beiden redete. Aber, ich sagte ja schon, das wird Teil einer eigenen, neuen Erzählung.
(Dran bleiben! Es geht im Kapitel 24 weiter.)
Kommentare und Fragen an: gugamster@hotmail.com)



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